Moskauer Filmfestival ehrt die Freiheit

MMKF-Präsident Nikita Michalkow. Foto: Pressebild

MMKF-Präsident Nikita Michalkow. Foto: Pressebild

In Moskau ist am 29. Juni das 35. Internationale Filmfestival (MMKF) zu Ende gegangen. Während der acht Veranstaltungstage kamen etwa 72 000 Besucher. Die gezeigten Filme waren anspruchsvoll und ergreifend – überzeugt hat aber vor allem ein Film, in dem der freie Wille mit herrschenden Konventionen bricht.

Während der acht Veranstaltungstage vom 20. bis 29. Juni kamen laut MMKF-Präsident Nikita Michalkow 72 000 Besucher zum 35. Internationalen Moskauer Filmfestival (MMKF). Insgesamt wurden 364 Filme aus 48 Ländern gezeigt. Der Wettbewerb bestand aus 16 Filmen, darunter drei aus Russland.

Der Goldene Georg, der Hauptpreis des Moskauer Filmfestivals, ging an den Film „Teilchen“ des türkischen Regisseurs Erdem Tepegöz. Der Film erzählt die Geschichte einer Istanbuler Arbeitslosen, die gezwungen ist, jeden nur erdenklichen Job anzunehmen, um ihre kranke Tochter und ihre kranke Mutter zu versorgen. Als der Hunger und die Verzweiflung unerträglich werden, beschließt sie, eine ihrer Nieren zu verkaufen. Der Film findet eine Balance zwischen künstlerischem Anspruch und glaubwürdiger Darstellung des Alltags. Damit konnte er die Herzen der Zuschauer erobern. Zudem hat die Hauptdarstellerin des Films, die Schauspielerin Jale Arikan, den Silbernen Georg für die beste weibliche Rolle errungen. Sie stellt im Film eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs minimalistisch und mit einer beeindruckenden inneren Energie dar.

Zwei weitere Silberne Georgsgingen ebenfalls an Asien: die Auszeichnung für die beste Regie und der Sonderpreis der Jury. Zum besten Regisseur kürten die Juroren den Koreaner Young-heun Jung, der den sensiblen Psycho-Thriller „Lebanon Emotion“ drehte. Dieser zeigt, wie die Handlungen guter Menschen zu einem sonnigen Weltbild beitragen können. Den Sonderpreis der Jury erhielt der japanische Regisseur Tatsushi Omori für den Film „Tal des Abschieds“, ebenfalls ein Psycho-Thriller, jedoch wesentlich subtiler und düsterer als „Lebanon Emotion“.

Für die beste männliche Rolle zeichnete die Jury den jungen russischen Schauspieler Alexej Schewtschenko aus. Er spielte die Hauptrolle in dem Film „Juda“, nach dem gleichnamigen Bestseller des Schriftstellers Leonid Andrejew aus dem Jahr 1907.

Zu den hervorstechenden Filmen des Festivals gehört auch Kira Muratowas Meisterwerk „Ewige Wiederkunft“. Der Titel des Films basiert auf Nietzsches „Zarathustra“und verweist darauf, dass „alles geht, alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins“ – kurz, es gibt nichts Neues unterm Himmelszelt. In dem Film erzählt Muratowa feinfühlig-misanthropisch von der Liebe eines Mannes zu zwei Frauen. Mehrere Paare unterschiedlichen Alters, verschiedenen Temperaments und beruflicher Laufbahn führen vor dem Zuschauer ein und dieselbe Szene auf. Dabei besucht ein Mann eine ehemalige Kommilitonin und überhäuft sie von der Schwelle der Wohnung aus mit seinen Zweifeln. Mit welcher der beiden Frauen soll er leben, wo er sie doch beide liebe? Gegen Ende des Films stellt sich heraus, dass alle Szenen lediglich Probeaufnahmen für einen Film sind, die der Produzent dem potenziellen Investor vorführt. Das Herzensleid auf der Leinwand soll lediglich dazu dienen, die Tränen und das Geld des Produzenten hervorzulocken.

Während Muratowas Held letztendlich keine Wahl treffen kann, möchte sich der Held in Konstantin Lopuschanskijs „Rolle“ ein für alle Mal entscheiden. Der Provinzschauspieler beschließt, die wichtigste und letzte Rolle seines Lebens zu spielen. Er macht sich auf den Weg nach Moskau, wo er sich für den aus dem Russischen Bürgerkrieg heimgekehrten roten Kommandeur Ignat Plotnikow ausgibt. Maxim Suchanow, dessen Präsenz auf der Leinwand jeden Vergleich mit einem Helden Shakespeares standhält, verkörpert drei verschiedene Rollen: den Schauspieler, den roten Kommandeur und den angeblichen Kommandeur.

Trunken von der Symbolik der Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts, die Suche nach der Natur und dem Wesen der Kreativität kommt der Held zu einem eindeutigen Schluss: „Allen Ernstes bis zum bitteren Ende“. Man könnte den Film auch als groß angelegte Interpretation eines Gedichts von Boris Paternak auffassen, das mit folgenden Worten endet: „Wenn das Gefühl die Zeilen diktiert/ Steigt auf die Bühne nur ein Sklave/ Die Kunst als solche endet hier/ Jetzt atmen Schicksal und der Graben“ (Übertragung von Eric Boerner).

Vollkommen anders verläuft die Suche nach dem eigenen Ich bei dem Film „Gleiten“ des russischen Nachwuchsregisseurs Anton Rosenberg. Ein Drogenpolizist, der bis zu den Ellenbogen in kriminelle Machenschaften verwickelt ist, muss plötzlich feststellen, dass er nicht in der Lage ist, eine schwangere Frau zu erschießen, obwohl diese seine Machenschaften verraten hat. In diesem Film, der mit der Ästhetik eines Videoclips gedreht wurde, trifft man auf das, was in den Werken junger Filmer immer seltener zutage tritt: eine eigene durchdachte Filmsprache. Diese mag nicht sehr melodiös und an manchen Stellen gar bewusst zynisch sein, aber der Versuch des Debütanten, seine Weltsicht nicht etwa mit angelehnten oder gar abgekupferten, sondern mit eigenen künstlerischen Stilmitteln zum Ausdruck zu bringen, ist nicht zu übersehen.

Abschließend müssen noch zwei weitere Filme erwähnt werden: „Verkehrskontrolle“ des polnischen Regisseurs Wojciech Smarzowski und „Der Major“ des Russen Jurij Bykow. In beiden Filmen steht ein Polizeioffizier im Mittelpunkt der Handlung. Zwar kann man darüber streiten, inwieweit es überhaupt möglich ist, als Teil des Systems zu versuchen, sich von diesem nicht vereinnahmen zu lassen und seiner inneren Stimme folgend gerecht zu handeln. Jedoch versuchen beide Filmemacher, den Besucher im Glauben zu lassen, dass man dem Bösen nicht nur in seinen Träumen widerstehen kann. Und das nicht nur mittels einer blutigen Auseinandersetzung, sondern auch so, wie es uns der Held des ergreifendsten und poetischsten Films des Wettbewerbs „Matterhorn“des Holländers Diederik Ebbinge vorführt.

Dieser ist ein bescheidener Bewohner einer Kleinstadt, in der das größte Vergnügen der Menschen die Beichte beim Pfarrer ist. Sein plötzliches Aufbegehren gegen sich selbst – einen kleinkarierten, grauen und sittenstrengen Bürger – beginnt mit einer seltsamen Freundschaft zum Dorftrottel, der nur von einem einzigen Wunsch beseelt ist: den Helden der Geschichte zu heiraten. Zum Entsetzen der Kirchengemeinde im Städtchen ignoriert der Held alle Ängste und Konventionen und führt den Idioten zum Traualtar. Ein Durchschnittsbürger, der buchstäblich erwacht, die Konventionen abschüttelt und seinen freien Willen gegen die Umstände durchsetzt, wurde zum Helden des Moskauer Festivals.

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