Russischer Starpianist begeistert Berliner Publikum

Denis Matsuev spielt mit dem berühmten Mariinski-Orchester aus Sankt Petersburg in der Berliner Philharmonie. Foto: Victor Hagel

Denis Matsuev spielt mit dem berühmten Mariinski-Orchester aus Sankt Petersburg in der Berliner Philharmonie. Foto: Victor Hagel

In der ausverkauften Berliner Philharmonie klangen am 1. Juli das Russlandjahr in Deutschland und das Deutschlandjahr in Russland 2012/2013 feierlich aus. Russland HEUTE sprach mit dem Star des Abends, dem russischen Starpianisten Denis Matsuev.

Der russische Pianist Denis Matsuev wurde schon während seines Studiums an der Zentralen Musikschule des Moskauer Konservatoriums mit dem Preis der internationalen Stiftung „Neue Namen“ ausgezeichnet. Seither ist er bei Konzerten in über 40 Ländern aufgetreten. Matsuev hat schon so viele sensationelle Erfolge gefeiert, dass man nicht genau weiß, welche seiner Lebensstation besonders hervorzuheben ist.

Wir trafen den Künstler unmittelbar nach seinem Auftritt in der Berliner Philharmonie, wo er das zweite Klavierkonzert von Dmitri Schostakowitsch mit Orchester unter Leitung von Walerij Gergijew spielte.

Womit hängt Ihre Entscheidung für Schostakowitsch zusammen? Von der Liebe zu energischen Themen, zum schwungvollen Tempo oder von etwas anderem?

Beide Konzerte von Dmitri Schostakowitsch sind etwas ganz besonderes. Es sind absolut geniale Meisterwerke für das Klavier. Ich habe in Berlin schon Rachmaninow und Tschaikowski gespielt. Dieses Mal war mir sehr daran gelegen, Schostakowitsch in Berlin zu spielen. Die zweiten Teile seines ersten und zweiten Konzerts sind zeitlose Hits. Es sind tiefsinnige, schöne und romantische Melodien, wobei es einen deutlichen Unterschied zwischen dem ersten und dem dritten Teil gibt. Auch ist Schostakowitschs erstes Konzert, wie es schon Juri Temirkanow treffend formuliert hat, einfach ein großartiger „Scherz“.

Wer sind Ihre Vorbilder? Wenn ich Sie höre, dann kommt mir aus irgendeinem Grund Emil Gilels in den Sinn.

Stimmt, ich habe ihn immer verehrt. Einmal habe ich ihn sogar imitiert – ich habe seine Haltung und seinen fantastischen musikalischen Ausdruck nachgeahmt. Am Klang ist sofort zu erkennen, dass Gilels und kein anderer spielt. Aber natürlich gehören in die Liste der Größten neben Emil Grigorewitsch Gilel auch andere: Richter, Michelangeli, Horowitz, van Cliburn. Mein persönlicher Favorit ist Rachmaninow.

Arbeitet es sich leicht mit Gergijew?

Oh ja, unter den Musikern ist er mein engster Freund. Wir stehen uns schon viele Jahre sehr nahe. Und das ist ein großes Glück, denn Gergijew ist ein Mensch, der wirklich hart arbeiten kann. Sein Lieblingswort ist „ackern“.  

Nicht umsonst wurde er vor Kurzem mit dem Ehrentitel „Held der Arbeit“ ausgezeichnet. Dieser Mensch gibt sich einer Sache vollkommen hin. Er geht seine Ziele voller Elan an und führt sie bis zum Schluss aus. Ganz gleich, ob es sich um eine phänomenale Interpretation oder den Aufbau eines neuen Theaters handelt. Seit einiger Zeit schenken wir beide den Kindern – Russlands junger Generation – große Aufmerksamkeit. Es gibt glücklicherweise sehr viele begabte Kinder. Man muss sie nur fördern. Das Festival der „Weißen Nächte“ in Sankt Petersburg war eine Bestätigung dafür. Dort traten die Gewinner eines Wettbewerbs in Astana auf, in dessen Jury ich den Vorsitz inne habe. Ich hoffe, die „Weißen Nächte“ waren für sie der Beginn einer großen Karriere.

Investieren Sie viel Zeit in ehrenamtliche Tätigkeiten?

Ja, und sie führen zu guten Ergebnissen. Das ist mir sehr wichtig. Wenn es nur um ein Engagement des Engagements wegen ginge, würde ich das niemals tun. Aber ich kann die Früchte meines Einsatzes sehen, zum Beispiel fördere ich die Jugend. Klassische Musik sollte bereits in den Schulen vermittelt werden. Und was Gergijew mit den Chören macht, ist einfach hervorragend. Er legt den Grundstein für eine neue Chorkunst in Russland. Das ist unendlich wertvoll.

Wie sind Sie zum Jazz gekommen?

Ich würde mich nicht direkt als Jazzpianisten bezeichnen. Es handelt sich vielmehr um bestimmte Fantasien oder auch Neigungen zum Jazz. Ich höre und improvisiere Jazz seit meiner Kindheit. Mein Vater ist ein großartiger Pianist und Komponist, der auch Jazz spielt. Improvisation ist sehr wichtig und außerordentlich hilfreich. Das betrifft auch die klassische Musik – vor allem, wenn man mit Gergijew spielt, der ein Meister der Improvisation und der Interpretation ist. Ich bin davon überzeugt, dass das Proben eine Reibung hervorbringt, zu der man auf „Tuchfühlung“ gehen muss. Nur wenn man einen Menschen spürt, kann man mit ihm mitgehen. Wenn diese Bewegung auf einem Konzert gleichzeitig gelingt, dann entsteht etwas Besonderes.

Auch dieses Mal musste ich sehr flexibel reagieren. Ich bin heute direkt aus

Südamerika eingeflogen, wo ich zusammen mit Mariss Jansons auf Tournee war. Als ich drei Stunden vor dem Konzert in Berlin ankam, sah ich, dass ich nicht das erste Schostakowitsch-Konzert, sondern das zweite Klavierkonzert spielen sollte – ein Fehler in meiner Terminplanung. So probte ich dieses Konzert erst eineinhalb Stunden vor meinem Auftritt. Ich kann ja jetzt mit offenen Karten spielen. Aber mit Gergijew funktionieren solche ungeplanten, extremen und spontanen Dinge immer wunderbar. Mein Prinzip lautet: nie etwas streichen und nichts am Programm ändern. Viele Leute gehen in ein Konzert nicht wegen des Interpreten, sondern wegen der angekündigten Werke. 

Sie sind der Held des Tages, das Publikum war begeistert. Wie fühlt sich ein Auftritt vor deutschem Publikum an?

Wenn ein Konzert vorbei ist, mache ich mir darüber fast gar keine Gedanken mehr. Ich schlage eine neue Seite auf. Morgen werde ich mit Gergijew ein Festival in Finnland eröffnen, wo ich hoffentlich das erste Konzert für Klavier und Orchester von Brahms spielen werde und nicht sein zweites – das zweite werde ich nicht innerhalb einer halben Stunde proben können.

Viel Erfolg und danke für das Gespräch!

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