Russische Science-Fiction als Blick in die Zukunft

Filmplakat zu „Aelita“ von Alexej Tolstoj aus dem Jahr 1924. Foto: Kinopoisk.ru

Filmplakat zu „Aelita“ von Alexej Tolstoj aus dem Jahr 1924. Foto: Kinopoisk.ru

Oft kommt es vor, dass Schriftsteller mit ihren Werken die Zukunft zeigen, wenn die fantastischen Technologien aus ihren Texten später einmal tatsächlich zur Realität werden. Russland HEUTE hat populäre Bücher russischer Science-Fiction-Autoren der Vergangenheit nach solchen Erfindungen durchsucht.

 

Essen aus Erdöl

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Im Roman von Jewgenij Samjatin „Wir“ von 1920 hat die Menschheit Essen aus Erdöl entwickelt, um so das Problem des Hungers zu lösen. Auf der Erde, auf der es keine Rassen, Namen, Moden oder Privatleben mehr gibt, werden an alle Bewohner essbare Würfel ausgegeben, die bei der Erdölraffinierung gewonnen werden. Mit Beginn der 50er-Jahre hatte man angefangen, eine mikrobiologische Synthese aus den Kohlenwasserstoffen im Erdöl zur Herstellung von Eiweiß, Vitaminen und sogar Antibiotika zu benutzen.

 

 


 

Der Tauchanzug

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1928 veröffentlichte Alexander Beljajew den Roman „Der Amphibienmensch“ über den jungen Mann Ichthyander, dem als Kind Haifischkiemen implantiert wurden. Der Handlung nach verbrachte Ichthyander viel Zeit im Meer, bekleidet mit einem enganliegenden Anzug, Schwimmflossen, Handschuhen und einer Brille mit dicken Gläsern. Heutzutage ist eine ähnliche Ausrüstung allen vertraut, die Hobbies wie Unterwasserfischen, Tauch- oder Surfsport betreiben. Die modernen Tauchanzüge aus Neopren, enganliegend wie eine zweite Haut und wärmeisolierend, kamen in den 50er-Jahren in den USA auf.

 


 

Die elektronische Zeitung

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Einen Apparat zum Lesen elektronischer Zeitungen beschrieb der sowjetische Phantast Kir Bulytschow im Jahr 1978. In seiner Novelle „Alissa jagt die Piraten“ wird ein Apparat erwähnt, der einem Smartphone oder Tablet ähnelt, aber Zeitung genannt wird. Die Romanfigur musste nur auf ein schwarzes Kästchen an der Seite drücken, das einem Zigarettenetui ähnelte, und schon erschien ein bunter Bildschirm, der die neuesten Nachrichten über das Mondfestival und über eine Debatte der UNO anzeigte. Obwohl die Idee elektronischer Bücher in den 70ern nicht mehr neu war, gab es erst 1992 den ersten, mit heutigen Tablets vergleichbaren Reader zum Lesen von Texten in elektronischer Form.

 


 

Die Medienbibliothek

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Videos und Hörbücher, für uns heutzutage ganz normal, waren eine erstaunliche Offenbarung für die Helden des Romans „Aelita“ von Alexej Tolstoj aus dem Jahr 1923. Der Handlung nach stießen zwei Erdenbürger auf dem Mars auf eine zerstörte Stadt und fanden inmitten dieser ein Bibliotheksgebäude. Dort gab es nicht nur gedruckte Bücher, sondern auch einen Bildschirm, auf dem die Besucher ein kurzes Video ansehen konnten. Der Ingenieur Loss, eine der Hauptfiguren, fand Gegenstände, die an Speicherkarten erinnern, und sogar ein Buch, aus dem wunderbare Musik zu hören war.

 


 

Das Hologramm

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Iwan Jefremow beschrieb in seiner Erzählung „Der Schatten der Vergangenheit“ von 1945 ein Phänomen, das zwei Jahre zuvor der ungarische Physiker Dénes Gabór entdeckt und Hologramm genannt hatte. Bei den Hauptfiguren des Buches handelt es sich um Paläontologen, die einen wie real wirkenden Tyrannosaurus in einer Schicht fossilen Harzes erblicken. Gabór entwickelte die holografische Methode und erhielt dafür 1971 den Nobelpreis für Physik. Die Frage, wie man eine dreidimensionale Aufnahme mithilfe von Lichtstrahlen erhält, begann Gabór zu interessieren, als er sich mit der Verbesserung des Elektronenmikroskops beschäftigte.

 


 

Die Kernenergie

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Alexander Bogdanow beschrieb in seinem Roman „Der rote Stern“ aus dem Jahr 1908 einen atomaren Apparat zur interstellaren Raumfahrt. Das marsianische „Etheroneph“, ein Schiff für Himmelsreisen, ähnelt einem Ei aus Aluminium und Glas und kann eine Geschwindigkeit von bis zu 50 Kilometern pro Sekunde erreichen. In seinem Motor werden Elemente eines radioaktiven Materials gespalten, und die freiwerdende Energie dient als Antrieb für das Schiff. 1932 hat der Engländer James Chadwick das Neutron entdeckt und mit ihm neue Horizonte für die Kernphysik eröffnet, wofür er 1935 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde.

 

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