Der Film „Nemez“: Glück ist eine kleine Münze

Der junge Russlanddeutsche Dima ist gefangen zwischen Kriminalität und seiner Liebe zu Nadja. Der Film „Nemez“ erzählt seine Geschichte als kunstvolles Balancespiel zwischen den Genres.

"Nemez", so wird der junge russlanddeutsche Dima von seinem Boss, dem Kunstdieb Georgij, genannt. Aus dem Jugendknast entlassen will Dima in Berlin ein neues Leben anfangen. Aber seine Vergangenheit lässt ihn nicht los: Georgij will nicht auf seine Dienste verzichten, und Dimas Vater, der sich in Deutschland nicht heimisch fühlt, möchte mit der Familie nach Russland zurückkehren. Einzig die Liebe zur Kunststudentin Nadja gibt Dima Hoffnung, doch seine kriminellen Verbindungen drohen den beiden zum Verhängnis zu werden.“ (aus dem Pressetext)

Ein Film ist immer ein Balancespiel, schon lange bevor er gedreht wird. Bis die richtige Balance gefunden ist und der Film ins Kino kann, können Jahre vergehen. So auch bei einem Drehbuch, das 2009 den Tankred Dorst Drehbuchpreis gewonnen hat und vor einem interessanten Tableau spielt, das jedoch wenig bekannt ist: das Leben der Russlanddeutschen in Deutschland. Würde man es in allen Aspekten beleuchten, könnte daraus ein Dokumentarfilm entstehen, aber der hat ganz andere Vertriebswege als ein Spielfilm. Spielfilme sind teuer. Produzenten sind gut beraten, zu versuchen, ein größeres Publikum für ihr Werk zu begeistern. Und so entsteht ein Balancespiel.

„Nemez“ beginnt wie ein Caper-Film. Wir wissen noch nichts über den Hauptcharakter Dima, da ist er schon gekonnt und leise mit Paul, einem Kameraden, und seinem Mentor Georgij in eine Wohnung eingebrochen, um eine seltene Münze aus dem Schatz eines Sammlers zu holen. Als der vorzeitig nach Hause kommt, schlägt Georgij den alten Mann nieder. Dima bleibt im Fahrstuhl stecken und muss ins Gefängnis. Sein Glück, dass der Sammler überlebt, und so kann er ein paar Monate später mit seinen Eltern über seine Zukunft nachdenken.

An dieser Stelle tendiert der Film in Richtung Familien- und Liebesgeschichte. Dimas Familie, weder in Russland noch in Deutschland wirklich zuhause, überlegt, nach Sibirien zurückzukehren. Gleichzeitig begegnet Dima (Mark Filatov) bei Familie Keller, wo seine Mutter saubermacht und er den Rasen mäht, zufällig der Tochter des Hauses, Nadja (Emilia Schüle).

Was zuerst wie die Karikatur einer verwöhnten reichen Tochter aussieht, die Kunst studiert, entwickelt sich im Spiel von Emilia Schüle zu einem nachvollziehbaren Porträt eines Mädchens auf der Suche nach ihrem eigenen Weg, Irrtümer und Fehltritte inklusive. Filatovs Dima oszilliert überzeugend zwischen den Erwartungen seiner Familie, der erwachenden Liebe für Nadja und den Forderungen Georgijs (charismatisch: Alex Brendemühl), dessen Lebensweg deutlich zeigt, wohin Dimas Reise gehen könnte, wenn er weiter Kunstgegenstände raubt. Die Balance bewegt sich in Richtung Krimi, als der Film dramaturgisch vertrauten Pfaden folgt, von der Bedrohung Nadjas als Druckmittel gegen Dima, der Ablehnung durch Nadjas Vater (wie immer großartig: Michael Lott) und der eifersuchtsgetriebenen Arroganz ihres Ex-Freundes Gustav (René Erler).

Dass der Film trotzdem nie in Gefahr gerät, vorhersehbar zu werden, ist den „kleinen Momenten“ in Stanislav Güntners Regie zu verdanken: das verhaltene Kopfschütteln von Dimas Vater Alexander (Jurij Rosstalnyj), bevor er seinen Sohn nach dessen Knastentlassung umarmt, die Art, wie Dima Nadja zeigt, wie man „richtig“ Wodka trinkt, und dabei fast den Toast vergisst; die Konfrontation zwischen Dima und seinem Nebenbuhler, in der er dessen Bestechungsversuch nicht wie erwartet mit markigen Worten ablehnt.

Viel bleibt ungesagt und dem Zuschauer überlassen: Wie wohl die Trennung der Eltern ausgeht? Wie sich wohl Nadja entschieden hat? Aber auch das gehört eben zur Kunst einer guten Balance.

Der Film läuft in Deutschland seit dem 18. Juli in ausgewählten Kinos.

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