Innovative Kunst: Rodtschenko in Hamburg

Foto: Ulrich-Perrey

Foto: Ulrich-Perrey

Alexander Rodtschenko starb 1956, doch er gilt noch immer als einer der modernsten und innovativsten Künstler der russischen Avantgarde. Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg widmet seinen Werken eine große Ausstellung.

Alexander Rodtschenko im Arbeitsanzug,

1922, Photographie von Michail Kaufman

Sammlung Rodtschenko/Stepanowa, Moskau

© VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Für den jungen russischen Avantgardisten Alexander Rodtschenko (1891-1956) lagen Kunst und Experiment nah beieinander. Im Hamburger Bucerius Kunst Forum konnte man sich beim Tag der offenen Tür von den Ergebnissen seiner Experimentierfreudigkeit überzeugen.

Am letzten Samstag hat sich vor dem Bucerius Kunst Forum in Hamburg eine lange Schlange gebildet. Es ist 10.45 Uhr am „Tag der offenen Tür. Typisch Russisch!“. Fünfzehn Minuten später öffnen sich die Türen des Hauses und die Besucher strömen herein, um sich das Schaffen von Alexander Rodtschenko, der treibenden Kraft der russischen Avantgarde, anzusehen. Mit 150 Werken, verteilt auf knapp 630 Quadratmeter, ist „Rodtschenko. Eine neue Zeit“ seit zehn Jahren die erste Schau in Deutschland dieser Art. Bereits seit Juni ist sie für Besucher geöffnet.

Mit gerade 26 Jahren beginnt für den Künstler, der bis heute vor allem durch seine Fotografien bekannt ist, eine Zeit kreativer und hochexperimenteller Einfälle. Eine Art Höhenflug, der dem Künstler einige Jahre nach seinem Tod (1956) den Titel als Vordenker der Neo-Avantgarden der 1960er-Jahre bescheren wird.

Im unteren Oktogon des Bucerius Kunst Forums hat sich kurz nach der Eröffnung eine Gruppe zur offiziellen Ausstellungsführung versammelt. Direkt vor ihnen die ersten Werke des Künstlers, dreidimensionale Objekte, die frei in der Luft zu schweben scheinen. Auf den ersten Blick sind es ganz einfache Konstruktionen aus Sperrholz, ohne außergewöhnliche Elemente oder festgefahrene Formen. Und doch erwecken sie den Eindruck der Schwerelosigkeit und Freiheit, ganz im Geiste der Zeit nach der russischen Revolution 1917. Einer Zeit, in der auf einmal alles möglich schien, alles neugestaltet werden durfte und auch musste. Und das tat Rodtschenko. „Das Besondere an dem Künstler war, dass er als erster angefangen hat seine Bilder zu konstruieren. Er tat es ganz einfach, mit einem Lineal und einem Zirkel, fast so, wie ein Ingenieur es tun würde. So etwas hat es vor seiner Zeit noch nicht gegeben“, erklärt Stefanie Reimers, freie Kunsthistorikerin, die die Besucher an diesem Tag durch die Ausstellung leitet.

Die Ausstellung „Rodtschenko. Eine neue Zeit“ in Hamburg. Foto: Ulrich-Perrey

Seine Konstruktionen hat Rodtschenko auch in seiner Malerei verwirklicht. Die Linie war für den experimentierfreudigen Künstler ein präzises Werkzeug, ein bildnerisches Mittel zur Darstellung von Licht, Raum und Bewegung. Dieses Werkzeug setzt er auch in seinem Entwurf für einen Arbeiteranzug um, in dessen Prototypen er sich später bewusst in Szene gesetzt ablichten lässt und der ebenfalls bei der Ausstellung zu sehen ist. Rodtschenko beginnt nicht nur Stoffmuster, Gebrauchsgegenstände und Möbel zu entwerfen. Er beschäftigt sich auch mit Architektur und fertigt 1919 den Entwurf für einen Kiosk an, der später von seinem Enkelsohn Alexander Lawrentjew in leicht abgeänderter Form als Modell realisiert und den Besuchern ebenfalls in der Ausstellung präsentiert wird. 

Alexander Rodtschenko (1891-1956) Bücher. Werbeplakat mit dem Portrait von Lilja Brik für den Staatsverlag Lengis, 1925 Sammlung Rodtschenko/Stepanowa, Moskau © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

„Seine Experimentierfreudigkeit, ist das, was Rodtschenko so besonders macht“, erklärt Dorothee Kröber, Geschäftsführerin vom Bucerius Kunst Club e.V. „Er hat ständig neue Dinge ausprobiert, war seiner Zeit immer voraus und nahm so Elemente vorweg, die in der Kunstgeschichte erst später wieder eine Rolle gespielt haben.“ Ob mit Werbegrafiken, denen Rodtschenko sich besonders in den Zwanzigerjahren intensiv widmet, oder mit Produktpackungen wie zum Beispiel der für die sowjetische Zigarettenmarke Lux – seine Werke beeindrucken und werden auch heute noch, fast hundert Jahre nach ihrer Entstehung, als modern und innovativ angesehen.

Mathias Schumann, VWL-Doktorand, der die Führung an diesem Tag aufmerksam mitverfolgt, gesteht, er habe nicht gedacht, dass dieser Künstler heute noch so alltagspräsent ist: „Wenn seine Bilder als Vorlage für das Covermotiv von Bands wie Franz Ferdinand, einer der erfolgreichsten britischen Bands der letzten Jahre, genutzt werden, muss das schon was heißen.“ Und das kommt bei den jungen Besuchern der Ausstellung natürlich besonders gut an.

Alexander Rodtschenko (1891-1956) Ochotny-Straße aus der Serie Das neue Moskau, um 1930 Galerie Berinson, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Von Rodtschenkos Motiven und dreidimensionalen Konstruktionen haben sich auch Studenten der Fakultät Informatik und Design der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg inspirieren lassen. Am Tag der offenen Tür präsentieren sie ihre Lichtinstallationen, die im Rahmen des Projekts „Computational Spaces“ entworfen und programmiert wurden. „Surreale Kausalität“ heißt eine davon, eine übermenschenhohe Konstruktion, die in Verbindung mit Bewegung farblich interagiert. Christo Papanouskas, der für Konzeption und Gestaltung des Modells verantwortlich zeichnete, erklärt die Verbindung zu Rodtschenkos Schaffen: „Bei dieser Installation haben wir uns sehr stark von Rodtschenkos  ‚Reine Farbe Rot, Reine Farbe Gelb, Reine Farbe Blau‘ inspirieren lassen. Es ist wirklich erstaunlich, wie modern dieser Künstler war und heute immer noch ist. Seine Werke vermitteln auf eine besondere Art und Weise Gefühl und sind wirklich sehr inspirierend.“

Wer sich von der Wirkung der Werke Rodtschenkos persönlich überzeugen und ebenfalls inspirieren lassen will, hat noch bis zum 15. September Zeit. Bis dahin läuft die Ausstellung „Rodtschenko. Eine neue Zeit“ im Hamburger Bucerius Kunst Forum noch.

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