Die russische Literatur im 21. Jahrhundert

Gesellschaftskritik, Sachbücher und Science-Fiction machen die russische Literatur der Gegenwart aus. Foto: RIA Novosti

Gesellschaftskritik, Sachbücher und Science-Fiction machen die russische Literatur der Gegenwart aus. Foto: RIA Novosti

Nach der systemkritischen Literatur aus der Sowjetzeit finden russische Autoren auch heute noch genügend Anstöße zum Diskurs mit dem momentanen System. Fantastische Literatur ist stark im Kommen.

In den 1990er-Jahren des vorigen Jahrhunderts verspürte die russische Literatur das Gefühl berauschender Freiheit, die aus der Kluft zwischen zwei Epochen entströmte, in seiner vollendeten Form. Über diese verfügte sie dann, so gut sie nur konnte. Endlich wurden auch Werke veröffentlicht, deren Publikation in der UdSSR undenkbar war. Dies reichte von Exilliteratur bis hin zu den dissidentischen Samisdat-Werken, jenen illegal vervielfältigten Schriften wie „Archipel Gulag". Parallel dazu erlebte auch die Trivialliteratur ihre erste Blüte. In dieser gewaltigen Lawine an literarischen Strömungen gingen folglich zwar neue russische Autoren gänzlich unter, schafften jedoch ihren Durchbruch in den 2000er-Jahren.

Die wichtigen Themen ihrer Zeit behandelt auch die russische Literatur des 21. Jahrhunderts: Sie reflektiert über die Epoche, zeichnet Porträts der neuen Gesellschaft, strapaziert die Nerven ihrer Leser und therapiert sie mit postapokalyptischen Szenarien, sucht endlich nach dem Zeitgeist adäquaten Formen und bringt in der Literatur zahlreiche neue Namen hervor.

Während die Massenliteratur von einem Gefühl der Freiheit und Unbezwingbarkeit geführt wird und ihre Leser mit leichten und amüsanten Groschenheften anlockt, ist die intellektuelle Prosa von diesem Regenbogen der Gefühle weit entfernt. Der russische Schriftsteller Sachar Prilepin meint dazu, dass die russische Literatur der 2000er von apokalyptischen Vorahnungen gezeichnet sei. Charakteristisch für sie sei „die Rückkehr zum sozialen und kritischen Realismus, wobei sie gleichzeitig das Gefühl vom Ende der Nation verspürt und alle Kriterien für Moral und gesunden Menschenverstand als solchen verblassen lässt", so Prilepin.

 

Das Verhältnis zum Staat

Im vorrevolutionären Russland befasste sich die Literatur stetig mit Fragen, wie man in der Gesellschaft Humanität säen könne, welcher politische Kurs dafür optimal sei und wie man das Land auf diesen Kurs bringen könne. Die Regierung hörte damals auf die Schriftsteller und richtete ihre Reaktion

nach dem Flügelschlag dieser neuen Zeit. Heute ist die Beziehung zwischen Literatur und Staatsmacht zugleich schwierig und einfach: Sachar Prilepin, ein Mitglied der verbotenen Nationalbolschewistischen Partei Russlands und Autor des Buchs „Sankya", einem der revolutionärsten und meistdiskutierten Romane der 2000er-Jahre, ist überzeugt, dass die Schriftsteller und die Staatsmacht „getrennt voneinander leben". Man könne alles schreiben, was man will, da einem sowieso niemand zuhört. Das sei auch der Grund dafür, dass ein Schriftsteller sich auf die politische Bühne wagen muss, um seine Position vertreten zu können.

 

Postapokalyptische Welten, orthodoxe Heilige und Reiseberichte

In den 2000er- und 2010er-Jahren entstand in der Massenliteratur der Trend, eigenständige Welten zu erschaffen und Romanserien in diesen anzusiedeln. Eines der bekanntesten Projekte ist das „Metro-2033-Universum", das auf dem gleichnamigen postapokalyptischen Roman von

Dmitri Gluchowskij aufbaut. Dieses Projekt geht sogar über die Grenzen Russlands hinaus: es haben sich jeweils ein britischer, italienischer und kubanischer Autor mit ihren Werken am Projekt beteiligt.

Auf sehr unterwartete Weise entstand auch ein neuer Begriff: „Orthodoxe Bestseller". Mit diesem Begriff bezeichnen Kritiker den phänomenalen Erfolg des auf den ersten Blick anspruchslos wirkenden Erzählbands über das Leben russischer Geistliche, der von Archimandrit Tichon verfasst wurde. Das Buch „Nicht heilige Heilige und andere Erzählungen" wurde mehr als eine Million Mal verkauft, woraufhin sich sofort ein neuer Markt gebildet hat, der von Nachahmungen überflutet wurde.

In den Genres formierten sich zudem zwei Lager: zum einen der Trend hin zu Sachbüchern mit Biografien, Reiseberichten und populärwissenschaftlichen Werken. Zum anderen entwickelte sich ein Trend, bei dem sich „fantastische Elemente erfolgreich in realistischen Erzählungen verankern konnten", erklärt die Schriftstellerin und Literaturkritikerin Alisa Ganiewa. Zwei Größen dieses semifantastischen Genres sind Dmitri Bykow und Olga Slawnikowa. „Man darf unser derzeitiges Leben nicht in den Formen des Lebens selbst beschreiben", meint Olga Slawnikowa. „Für Authentizität und Wiedererkennungswert bedarf es ironischerweise ein wenig Phantasie."

 

Bedeutende Schriftsteller der Epoche

Viktor Pelewin und Wladimir Sorokin

Für die größte Resonanz in der russischen Literatur der 1990er-Jahre sorgten Viktor Pelewin („Buddhas kleiner Finger", „Das heilige Buch der Werwölfe") und Wladimir Sorokin („Ljod – Das Eis", „Der Zuckerkreml"), deren literarischer Ruhm auch in den 2000ern zu spüren ist. Pelewin, der zu den meistgeschätzten russischen Denkern zählt, veröffentlicht jährlich (mit wenigen Ausnahmen) ein Buch, in dem er die russische Gesellschaft beschreibt und mittels überspitzten Darstellungen zeigt, was in ihr vorgeht. Sorokin, der sich von keinem ästhetischen Rahmen einschränken lässt, wagt hingegen einen mutigen Blick in die Zukunft der Gesellschaft und greift dabei ihre heikelsten Probleme auf.

Michail Schischkin

Schischkin, der bereits mit allen bedeutenden russischen Literaturpreisen

ausgezeichnet wurde, ist wohl der renommierteste Schriftsteller Russlands. Aufgrund seiner sprachlichen Bandbreite und seiner Leistung, die Traditionen der russischen Literatur zu bewahren, wird er von vielen als zeitgenössischer Klassiker angesehen.

Er scheut nicht davor zurück, komplexe, polyphone Werke zu verfassen und mit scharfen politischen Äußerungen auf sich aufmerksam zu machen. Was seine Produktivität anbelangt, so zählt er zu den bedachten Schreibern. Er veröffentlicht nur etwa alle fünf Jahre ein Buch. Zu seinen Hauptwerken zählen „Das Venushaar" und „Briefsteller", die auch ins Deutsche übersetzt wurden.

Ljudmila Ulizkaja

Ulizkaja begann ihre Karriere als Schriftstellerin sehr spät – ihr erstes Buch veröffentlichte die Autorin im Alter von 50 Jahren. Ihre Bücher appellieren an die Menschlichkeit und greifen zahlreiche persönliche, aber auch gesellschaftliche und ethische Probleme auf. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Ulizkaja von Vielen nicht nur als geniale Autorin angesehen wird, sondern auch in gewisser Weise als Moralapostel. Ihre Hauptwerke sind „Daniel Stein", „Sonetschka" sowie „Medea und ihre Kinder".

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