Die 80 Lolitas von Nabokov

Der Nabokov-Kenner Yuri Leving versammelt in einem neuen Bildband die Buchcover-Versionen von 80 Designern zu Nabukovs berühmten Roman „Lolita“. Im Gespräch erzählt Leving von den Schwierigkeiten, das Buch zu visualisieren.

In New York ist ein neuer Bildband mit dem Titel „Lolita – Die Geschichte eines Cover-Girls: Vladimir Nabokovs Roman in Kunst und Design" (Englisch: „Lolita - The Story of a Cover Girl: Vladimir Nabokov's Novel in Art and Design") erschienen. Darin stellen 80 Designer ihre Version des idealen „Lolita"-Buchcovers vor. Der Mitherausgeber des Bildbands, Nabokov-Kenner Yuri Leving, beobachtete die Geschichte und die visuellen Umsetzungen des Romans ein halbes Jahrhundert lang.

War Nabokov sehr streng hinsichtlich der visuellen Umsetzung seines Romans? Was war für ihn das Wichtigste bei der Darstellung in Bild und Film?

Er war Schüler des genialen Dobuschinski, allerdings nicht der allerfleißigste. Abstrakte Kunst konnte er nicht ausstehen. Salvador Dalí bezeichnete er einmal als den Zwillingsbruder von Norman Rockwell, der angeblich als Kind von Zigeunern verschleppt wurde.

In reifem Alter liebte er Comics. Im Kino zog er das komödiantische Genre vor und über Stanley Kubricks Verfilmung von „Lolita" äußerte er sich im privaten Umfeld abfällig. Er meinte, dass der Film „aus dem Blickwinkel eines Patienten, der gerade in einem Rettungswagen transportiert wird", gedreht wurde. Die Vermarktung von „Lolita" durch die Darstellung von Mädchen, die sich in aufreizenden Posen präsentieren, hielt er allerdings für ein notwendiges, weil verkaufsförderndes Übel. Mit Literaturmarketing kannte sich Nabokov bestens aus.

Wie stand Nabokov zu den Versuchen, seinen Text zu visualisieren? War er nicht der Meinung, dass „Lolita" durch das Buchcover zu eindeutig in die Sex-Ecke gedrängt wird?

Nabokov war strikt gegen die Darstellung junger Damen auf den Buchcovern. Aber im Laufe der Zeit wurde er hinsichtlich der Nymphchen auf den „Lolita"-Buchdeckeln nachsichtig. Ihn amüsierte die französische Ausgabe von Gallimard mit weichem Einband, auf deren Vorderseite ein bäuerlich aussehendes Mädchen mit blonden Zöpfen dargestellt wurde. Auf der Rückseite konnte man ihren Hinterkopf mit einem akkuraten Scheitel und den beiden Zöpfen sehen. Das sah so aus, als ob der Roman im Kopf der Hauptfigur stecken würde.

Wie haben die Illustratoren herausgestellt, dass es um die kindliche Sexualität und nicht um Sexualität im Allgemeinen geht?

Nur auf dem amerikanischen Kontinent hat „Lolita" eine durchschnittliche Auflage von 50 000 Exemplaren jährlich – der Roman wird seine Leser finden, unabhängig davon, was auf dem Cover zu sehen ist. Deshalb sind Anspielungen auf die kindliche Sexualität mit zerquetschten Bonbons oder Lippenstift eher einer formalen Konvention geschuldet.

Ein wunderbares Beispiel ist die Illustration zu den Werken Nabokovs in der

Männerzeitschrift „Playboy". In den 1960er-Jahren beauftragte die Redaktion Robert Parker und Roland Ginzel, Illustrationen zu den in der Zeitschrift abgedruckten Übersetzungen der Romane „Verzweiflung" und „Der Späher" sowie Auszügen aus „Ada" anzufertigen. Dazu sind kritische Reaktionen Nabokovs überliefert. So kanzelt er etwa in einem seiner Telegramme einen Künstler für die unrealistische Darstellung von Adas Büste ab und rät ihm, Unterricht in Anatomie zu nehmen. Die Abbildung eines sich bei Nacht leidenschaftlich küssenden Liebespaars bezeichnet er als „zwei ekelhafte Frösche".

Ein amüsanter Vorfall ereignete sich mit der Arbeit des bekannten Buchdesigners John Gall, die er im Auftrag des renommierten Verlags Random House angefertigt hatte. Anfangs nahm Gall einen sehr groben Entwurf von Frauenlippen und platzierte ihn auf dem Buchumschlag zu „Lolita" in senkrechter Position und gab somit der gleichzeitig an einen Mund und an das weibliche Genital erinnernden Abbildung eine starke Zweideutigkeit. Es gab gegensätzliche Reaktionen auf diesen gewagten Schritt: Einer der Redakteure bekam einen Wutanfall, während ein anderer um eine Kopie bat und sie einrahmte. Schließlich wurde das Buch mit genau diesen Lippen veröffentlicht, nur in horizontaler Position.

Welchen Eindruck haben Sie von den russischen Buchcovern?

In der überwältigenden Mehrzahl handelt es sich um Neuauflagen von altbekannten Vorlagen: klassische Werke der Malerei, aufreizende Nymphchen, Ausschnitte aus Werbeplakaten. Eine eigene Kategorie des russischen Buchcovers bildet die einfallslose Collage aus Hollywoodfilmszenen. Ende des letzten Jahrhunderts kamen im Zuge der erfolgreichen zweiten Roman-Verfilmung des Regisseurs Adrian Lyne mindestens sechs russische Ausgaben mit den Gesichtern der Hauptdarsteller Jeremy Irons und Dominique Swain heraus. Übrigens floppte Lynes Film im amerikanischen Verleih deshalb, weil kurz vor dem Release der US-Kongress ein Gesetz über die Prävention von Kinderpornografie abgesegnet hatte, sodass die Verleiher verunsichert waren. Die Verleiher in Jelzins Russland aber scherten sich damals noch um nichts.

Zum Lolita-Bild der russischen Herausgeber passt ein Ausspruch Sergej Dowlatows, der die Hauptfigur Nabokovs eine „typische russische junge Dame" nennt. Man hat sie als Mädchen im Matrosenanzug und sogar vor dem Hintergrund russischer Birken dargestellt. Es gab auch Kurioses: Eine Lolita-Ausgabe von 1997 verwendet das bezaubernde Profil eines Mädchens, ein Ausschnitt aus einem Poster aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, das für Männerkragen wirbt. Auf dem Buchdeckel sieht man lediglich einen aus dem Kontext gerissenen Frauenkopf, auf der vollständigen Plakatversion jedoch fokussiert der Künstler Joseph Leyendecker den Blick des Betrachters auf einen Mann, der hinter dem Mädchen steht. Der Künstler war homosexuell.

Zu den peinlichen Buchcovern zählt auch eine „Lolita"-Ausgabe von 2000, auf der eine Mädchengestalt von Gustav Klimt ausgewählt wurde, die respektlos unterhalb der Knie abgeschnitten und in der Leistengegend mit dem Logo des „Eksmo"-Verlags versehen wurde. Kaum vorstellbar, dass auf dem Buchrücken eines westlichen Verlags, der etwas auf sich hält, eine Frontal-Fotografie eines nackten, halbwüchsigen Mädchens abgedruckt wird, wie es sich der Moskauer Verlag „TF-Progress" leistete. Es ist weder eine Stilisierung noch eine Zeichnung, sondern eine moderne Fotografie eines ganz konkreten minderjährigen, nackten Mädchens und rückt den Roman in ein völlig anderes Licht.

Ein gutes Buchcover ist das Ergebnis einer kreativen Teamarbeit, es muss auffallend und von origineller Aussagekraft sein. Aber je komplizierter ein Roman ist, desto schwieriger ist es für den Buchdesigner, in äußerst konzentrierter Form gleichzeitig sowohl die Grundidee des Werks zum Ausdruck zu bringen als auch den künstlerischen Gestus umzusetzen. Und

dann soll man es trotz der harten Konkurrenzbedingungen des ständig schrumpfenden Buchmarkts auch noch Verleger und Kunden recht machen.

„Lolita" ist ein kompliziertes Werk, weil es dazu zwingt, sich in Bezug auf seine Figuren zu entscheiden, die ästhetische Anziehungskraft des Textes zu bewältigen und sich in dem ethischen Labyrinth zurechtzufinden – mit wem fühlen wir mit, mit Lolita oder mit Humbert? Wer hat wen zuerst verführt? Was soll man von der miesen, schleimigen Welt des puritanischen Amerikas der 1950er-Jahre halten? Dieses moralische Schwanken ist dem Text immanent gleich einer Zeitbombe, die noch nicht explodiert ist. Auf diese Weise wird jeder Versuch einer Visualisierung zum Spiel mit der Bombe. Sie kann hochgehen oder aber auch nicht.

In Sankt Petersburg, der Heimat Nabokovs, wurde ein Gesetz zum Verbot pädophiler Propaganda verabschiedet. Was bedeutet das dort für zukünftige „Lolita"-Editionen?

Ich glaube nicht, dass es so schlecht wäre, ein Moratorium zur „Lolita"-Publikation in Russland und auch weltweit einzuführen. Wenn es von einem Buch – und sei es noch so genial – zu viele gibt, kann man definitiv eine Abwertung beobachten. Ich würde nach einer fünfjährigen Pause „Lolita", in einem schwarzen Buchcover und mit einem dicken Kommentar versehen, wieder veröffentlichen.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Lenta.

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