Ein russischer Vampir tanzt in Berlin

Die Szene aus dem Musical „Tanz der Vampire“. Foto: Alexander Utyupin

Die Szene aus dem Musical „Tanz der Vampire“. Foto: Alexander Utyupin

In Berlin laufen zurzeit die letzten Vorstellungen eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Musicals: „Tanz der Vampire“. Russland HEUTE traf Ivan Ozhogin, der den Grafen von Krolock spielt, und sprach mit ihm über seine Zeit in Berlin und die unterschiedliche Musical-Kultur in Deutschland und Russland.

Das berühmte Musical von Roman Polanski „Tanz der Vampire" ist seit Langem in Europa beliebt. In Sankt Petersburg wurde das Musical zum ersten Mal im September 2011 aufgeführt. Seit der Premiere spielt der Moskauer Opernsänger und Schauspieler Ivan Ozhogin den blutrünstigen, aber dennoch charmanten Grafen von Krolock. Für seine Rolle wurde er bereits mit der Goldenen Maske, dem höchsten russischen Theaterpreis, als bester Darsteller ausgezeichnet. Seit Februar dieses Jahres spielt Ivan Ozhogin den Grafen auch in der Aufführung vom „Tanz der Vampire" im Theater des Westens in Berlin. Russland HEUTE sprach mit ihm über seine Erfahrungen auf der russischen und der deutschen Bühne und sein Leben in Berlin.

 

Seit einem halben Jahr wohnen Sie in Berlin. Wie gefällt Ihnen die Stadt?

„Ich war früher auf Tour in Berlin, hatte aber nie wirklich Zeit, mir die Stadt anzusehen. Jetzt, wo ich in der Stadt wohne, gefällt sie mir sehr. Berlin hat eine wunderbare, kreative Atmosphäre, es gibt viele Parks und Grünanlagen und man kann auch im Zentrum der Stadt gut atmen, was man von Moskau oder Sankt Petersburg nicht immer behaupten kann. Außerdem ist die Umgebung inklusive Potsdam sehr schön und innerhalb weniger Stunden ist man an der Ostsee.

Berlin spielte überhaupt eine interessante Rolle in meinem Leben. 2011 war ich mit den Bolschoi Don Kosaken auf Tour in Berlin, als der Anruf kam, dass in Sankt Petersburg das Casting für den russischen „Tanz der Vampire" stattfindet. So bin ich von Berlin nach Sankt Petersburg geflogen und bekam nach drei Castingrunden die Rolle. Zwei Jahre später kam ich von der heimlichen Hauptstadt Russlands nach einem internationalen Casting zurück in die Hauptstadt Deutschlands.

Das ist wahrscheinlich das erste Mal, dass ein russischer Schauspieler für die Hauptrolle in einem deutschen Musical engagiert wurde. Was empfindet man dabei?

Das gibt zusätzliche Kraft und Energie, um jeden Tag auf die Bühne zu treten und professionell zu arbeiten. Außerdem empfinde ich Stolz für die russische Theaterschule. Seit Februar dieses Jahres spiele ich täglich im Musical, manchmal auch zweimal am Tag, und das ist physisch und psychologisch sehr fordernd. Dazwischen muss ich auch in der Sankt Petersburger Aufführung auftreten. Daher ist zusätzliche Unterstützung – auch ideelle – immer wichtig.

Dabei ist Deutsch keine Muttersprache für Sie...

Ja, auf Deutsch hatte ich vor meinem ersten Auftritt auf der Berliner Bühne nie gesungen und auch die Sprache nie gelernt. Bis jetzt gibt es phonetische Schwierigkeiten, wobei der deutsche Textautor des Musicals Michael Kunze der Theaterführung mitgeteilt hat, ich hätte die Aussprache gut bewältigt. Ich nehme jetzt Deutschunterricht, wobei man im Theater hauptsächlich auf Englisch kommuniziert, denn die Truppe ist sehr international. Die Hauptdarstellerin Mercedesz Csampai zum Beispiel spricht auch Russisch, sie hat eine russische Mutter, kommt aus Ungarn, wohnt zurzeit in Schweden... Ihre Mutter und ich haben übrigens zu verschiedenen Zeiten bei derselben Dozentin in Moskau studiert. So klein ist die Welt.

Ivan Ozhogin: Deutsch ist für mich eine

sehr melodische und schöne Sprache.

Foto aus dem persönlichen Archiv

Sie spielen ja parallel in zwei Aufführungen in Berlin und Sankt Petersburg. Auf welcher Sprache fällt es Ihnen leichter zu singen?

Auf Russisch ist es leichter, bestimmte Akzente zu setzten, da das meine Muttersprache ist. Allerdings finde ich den originalen deutschen Text an sich viel schöner und reicher und es freut mich sehr, dass ich in der Originalsprache singen kann. Deutsch ist für mich überhaupt eine sehr melodische und schöne Sprache, obwohl viele Menschen es anders sehen.

Wie unterscheiden sich die beiden Aufführungen?

Hauptsächlich in der Dekoration und Kostümen. Die russische Aufführung wurde nach dem Wiener Vorbild inszeniert und Cornelius Baltus, Co-Regisseur von Roman Polanski, hat sie auf die Bühne gebracht. Aber mir gefallen beide Aufführungen, jede hat ihr eigenes Flair.

Allgemein ist die Arbeit des Schauspielers in Deutschland besser strukturiert und der Theaterablauf organisierter als in Russland. Dort ist es viel chaotischer, aber jeder macht seinen Job trotzdem professionell und mit viel Spaß. So ist nun einmal der russische Charakter.

Unterscheidet sich Ihr russischer Vampirgraf vom deutschen?

Der Graf verändert sich ständig, sowohl in der deutschen als auch in der russischen Aufführung, denn ich kann und möchte natürlich nicht jeden Tag

Geboren am 1. September 1978 in der südrussischen Stadt Uljanowsk, erhielt Ivan Ozhogin seit seinem dritten Lebensjahr eine Gesangsausbildung, besuchte eine staatliche Musikschule und erlernte verschiedene Musikinstrumente. 2002 absolvierte er seine Ausbildung als Musicaldarsteller an der Russischen Universität der Künste in Moskau.

Direkt danach wurde er für zahlreiche Musical-Produktionen wie Chicago, Cats, Disneys Beauty and the Beast, Nord-Ost, Jays Bridal und viele andere engagiert.

Neben seinen Auftritten in Musicals singt er auch regelmäßig auf klassischen Liederabenden und arbeitet mit führenden russischen Orchestern zusammen.

Seit 2007 ist er Solist im Chor des Sankt-Nikolaus-Klosters an der Ugrescha und war mit dem Chor der Bolschoi Don Kosaken in Russland und Europa auf Tour.

dasselbe spielen. Am vergangenen Wochenende hatten wir zum Beispiel eine „Grafenversammlung" – vier Aufführungen, bei denen auch frühere Grafen von Krolock gespielt haben: Kevin Tarte, Drew Sarich, Florian Soyka und Udo Eickelmann. Jede Darstellung ist sehr individuell.

Das Musical läuft bereits seit fast 15 Jahren in Europa. Finden Sie, hier wird es besser angenommen als in Russland?

In Westeuropa ist „Tanz der Vampire" natürlich bekannter als in Russland. Aber auch in Russland wird das Musical zunehmend populär. Viele Menschen reisen nach Sankt Petersburg, um sich den „Tanz der Vampire" anzusehen. Das Publikum hier in Deutschland ist allgemein etwas offener und zeigt bei der Vorstellung mehr Emotionen als in Russland. Das liegt zum Teil auch daran, dass man hier mit dem Genre des Musicals etwas länger vertraut ist. Aber die Themen von „Tanz der Vampire" sind ganz universal – es geht um Versuchung und Verführung, um Liebe, Leidenschaft, um Gut und Böse und um das beliebte Thema der Unsterblichkeit. Deswegen zieht das Musical viele Leute verschiedenen Alters an. Es gibt auch mehrere Fans, die sich beide Aufführungen in Berlin und Sankt Petersburg angeschaut haben.

Innerhalb von einer kurzen Zeit in Berlin – erst ein halbes Jahr spielen Sie hier – haben Sie viele Fans in Deutschland gefunden.

Ja, viele schreiben auf meiner Fanpage bei Facebook, dass meine Interpretation vom Grafen von Krolock ihnen am besten gefällt. Es haben sich mehrere Fanclubs gebildet, viele reisen aus anderen Städten nach Berlin nur für das Musical. Ich könnte mir vorstellen, dass sie nach der

Schließung des Musicals in Deutschland auch nach Sankt Petersburg fliegen und sich die Show auf Russisch anschauen würden.

Ja, die Ewigkeit hat doch ein Ende! Das Musical wird Ende August in Deutschland das letzte Mal aufgeführt. Sie sind der letzte Graf von Krolock auf der deutschen Bühne. Was haben Sie danach vor?

Bei der letzten Berliner Aufführung am 25. August bin ich noch dabei. Bereits am 19. August startet erneut die russische Aufführung in Sankt Petersburg, die ich auch eröffnen und schließen werde. Die „Blöcke" der russischen Aufführung finden alle drei Monate statt und ich nehme an allen teil. Es kann sein, dass ich ab Dezember auch bei einem neuen Musical über die polnische Stummfilmschauspielerin Pola Negri mitwirken darf. Das soll das erste 3-D-Musical auf der russischen Bühne werden. Es sind auch mehrere Solokonzerte in Sankt Petersburg, Moskau und anderen russischen Städten im Herbst und Winter geplant. Möglicherweise komme ich nach Berlin mit einem Konzert zurück...

Ihre Fans würden sich darüber sehr freuen! Viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch.

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