Obszöne Kunst löst in Russland Skandal aus

Foto: ITAR-TASS

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In der Sankt Petersburger Galerie „Museum der Macht“ wurden provokante Kunstwerke mit Abbildungen von Personen, die an bekannte russische Politiker und Abgeordnete erinnern, beschlagnahmt.

Eine Ausstellung der Galerie „Museum der Macht“ in Sankt Petersburg präsentierte Werke mit anstößigen Abbildungen von Beamten, Politikern und religiösen Führern. Polizeibeamte sperrten daraufhin die Museumsräume ab und beschlagnahmten vier Gemälde: „Travestie“ mit der Darstellung von Bikinis tragenden „Personen, die an Präsident Wladimir Putin und den Premierminister Dmitri Medwedjew“ erinnern, das Altarbild „Erotische Träume der Abgeordneten Misulina“, der Autorin des Gesetzes über das Verbot von Homosexuellenpropaganda unter Minderjährigen, das Gemälde „Von der Beichte“, das den von Gefängnistätowierungen gezeichneten Patriarchen Kirill abbildet, sowie „Regenbogen-Milonow“, ein Porträt des Petersburger Abgeordneten, der sich mit seinem Kampf gegen Homosexuellenpropaganda profilierte, vor einem mehrfarbigen, an eine Regenbogenfahne erinnernden Hintergrund.

Wie aus dem Innenministerium verlautete, war die Hausdurchsuchung der Polizei in der Galerie durch Hinweise aus der Bevölkerung ausgelöst worden, die auf gesetzeswidrige Handlungen der Ausstellungsorganisatoren hindeuteten.

Skandal und Kunst liegen nah beieinander

Alexander Schaburow, Mitglied der Künstlergruppe „Sinie nosy“ („Blaue Nasen“), verwendete schon häufig in seinen Arbeiten Bilder prominenter Politiker aus verschiedenen Ländern. Es entstanden dabei provokante Videos und Fotocollagen mit Figuren wie Lenin, Wladimir Putin, dem georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili oder der ehemaligen Premierministerin der Ukraine Julia Timoschenko. Einmal wurde die Ausfuhr eines Werks verhindert, das zu einer Ausstellung ins Ausland geschafft werden sollte. Es zeigte zwei sich küssende Männer in Polizeiuniform. Schaburow erklärt die häufige Verwendung von Politikern in seinen Arbeiten mit der öffentlichen Wirksamkeit der Ergebnisse. Der Gegenwartskünstler müsse mit allen Mitteln die Aufmerksamkeit der Gesellschaft gewinnen.

Der Eigentümer der Galerie Alexander Donskoj war einst Bürgermeister von Archangelsk. Sein Amt legte er nach einer Serie von Skandalen nieder, die ein Gerichtsverfahren gegen ihn zur Folge hatte. In den Jahren 2007 bis 2008 wurde er der Fälschung eines Diploms und des Amtsmissbrauchs für schuldig gesprochen. Nach dem Ende seiner politischen Karriere zog der ehemalige Beamte ein unkonventionelles Geschäft auf. Neben dem „Museum der Macht“ in Sankt Petersburg und Moskau gehören ihm noch zwei weitere Galerien. Es handelt sich um Museen für erotische Kunst.

In einem Gespräch mit Russland HEUTE sagte Donskoj, die Polizeibeamten hätten keinen richterlichen Beschluss vorweisen können, die Beschlagnahme der Kunstwerke sei somit rechtswidrig. „Uniformierte Leute haben vier Gemälde der Ausstellung davongetragen, eines haben wir auf einer Polizeiwache wiedergefunden, die anderen sind einfach verschwunden. Die Gemälde sind Eigentum des Künstlers, er hätte sie gerne wieder zurück“, erklärte Donskoj. „Von den Polizeibeamten hat niemand außer einem Leutnant irgendein Dokument vorgewiesen, wir haben dann auch Milonow erkannt. Er warf uns extremistische Betätigung vor. Dabei ist er in unsere Galerie eingedrungen und äußerte sich beleidigend über die Arbeiten unseres Künstlers.“

„Die Polizisten haben Werbung gemacht“

Gegenwartskunst werde häufig zum Auslöser von Skandalen, das sei normal, findet Donskoj. „Kunst mit aktuellem Bezug bewegt sich immer am Rande der Provokation, sie ist eine bestimmte Form der Übertreibung. Wir haben aber auch im Gegenteil einige Bilder ausgestellt, die unsere höchsten Beamten in einem positiven Licht erscheinen lassen. Kunst soll Emotionen auslösen“, sagte er.

Marat Gelman, ehemals Leiter des Permer Museums für Gegenwartskunst, stimmt darin überein, dass es für die Beschlagnahmung von Arbeiten eines richterlichen Beschlusses bedürfe. Die Polizeiaktion habe außerdem der eigentlich substanzlosen Veranstaltung zu großer öffentlicher Resonanz verholfen. „Die Ausstellung war schwach und uninteressant, niemand hätte sie beachtet. Jetzt aber kennen alle die dort präsentierten Arbeiten. Die Polizisten haben Werbung gemacht für den Künstler und den Galeristen“, sagte er. Die Beamten sollten sich eigentlich darüber freuen, dass sie zu Kunstwerken inspirierten, wenn auch zu ironischen, so Gelman weiter. „Alle Phänomene aus der Sphäre der Kunst, darunter auch Kritik an der Regierung, sind normal und erfreulich. Die gesamte russische Kultur ist selbstironisch, der Mensch lacht und das Bild bekommt menschliche Züge. Die Regierenden sollten die Schaffung ironischer und lustiger Porträts ihrer selbst fördern.“

Die Direktorin des „Multimedia-Komplexes für neueste Künste“ Olga Swiblowa ist der Meinung, dass die Funktion der Kunst keineswegs in ihrer politischen Verwendung besteht. „Ich bin gegen eine dilettantische Funktionalisierung der Kunst als ‚Emulgator‘ für die Verfolgung politischer oder wirtschaftlicher Interessen“, so die Expertin. Die Ausstellungen im „Museum der Macht“ hätten wenig mit Kunst zu tun.

„Natürlich kann man Kunst für politische Zwecke nutzen. Aber man sollte genau hinsehen, ob ein Künstler ein Werk von zeitlosem Wert geschaffen hat oder ob es sich um eine politische Karikatur handelt. Auch Karikaturen können Kunst sein, das ist aber eher selten der Fall. Es ist wichtig, den Kontext einer Ausstellung zu kennen, welchen Zwecken die Werke dienen.“ Man müsse sich ein Urteil darüber bilden, was Donskoj zu dieser Ausstellung motiviert habe, welche persönlichen Interessen dabei eine Rolle spielten, sagte sie weiter. „Wir machen oft Lärm um ein Ereignis, der uns einen klaren Blick auf das Problem verstellt und den Beteiligten zum Verhängnis werden kann. Wären die Wogen um Pussy Riot nicht so hoch geschlagen, dann wären die jungen  Frauen schon lange auf freiem Fuß“, so Swiblowa.

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