Bolschoi-Theater: Nach Skandaljahr endlich wieder Optimismus

Nach der Welle an Skandalen im Bolschoi-Theater wollen die Mitarbeiter ihren guten Ruf wiederherstellen. Foto: RIA Novosti

Nach der Welle an Skandalen im Bolschoi-Theater wollen die Mitarbeiter ihren guten Ruf wiederherstellen. Foto: RIA Novosti

Der künstlerische Leiter des Bolschoi-Theaters Sergej Filin plant für dieses Jahr eine Rückkehr nach Moskau. Das von Skandalen geplagte Ensemble arbeitet indessen daran, nach einem Jahr beispielloser Turbulenzen ihr Ansehen wiederherzustellen.

Sergej Filin musste sich insgesamt 22 Augenoperationen und Hauttransplantationen in einer Aachener Klinik unterziehen, nachdem er infolge einer Säureattacke am Morgen des 17. Januar 2013 in Moskau schwere Verätzungen an Augen und Gesicht erlitten hatte.

Die Attacke offenbarte erbitterte interne Machtkämpfe in Russlands weltberühmtem Balletthaus und hatte Strafverfahren, Entlassungen, Streiks,

Petitionen und schließlich die Absetzung seines Generaldirektors zur Folge, ein Versuch von Kultusminister Wladimir Medinski, das Image von Russlands führender Balletttruppe zu retten.

Der Tänzer Pawel Dmitritschenko, der Schurkenrollen wie Iwan den Schrecklichen spielte, hat angeblich gestanden, zwei Auftragsmörder auf Filin angesetzt zu haben. Alle drei Männer sehen nun langen Freiheitsstrafen entgegen.

300 Tänzer und Angehörige des Personals jedoch unterzeichneten eine von dem berühmten Solotänzer Nikolai Ziskaridse abgefasste Petition, nach der Dmitritschenko von der Polizei gezwungen worden sein soll, sich selbst zu belasten.

 

Die Attacke sorgte für große Veränderungen am Theater

Der britische Choreograf Wayne McGregor verschob mit Rücksicht auf Filins Abwesenheit seine Produktion von „Frühlingsopfer", mit der das Theater seine Saison im März eröffnen wollte. Seiner Vertretung, der Avantgarde-Choreografin Tajana Baganowa, blieb gerade ein Monat, um eine neue Produktion auf die Bühne zu bringen.

Im Juni wurde Ziskaridse nach dem Bekanntwerden von Berichten über einen Machtkampf mit Generaldirektor Anatoli Iksanow entlassen. Wenige Wochen später schockierte das russische Kulturministerium die Ballettwelt mit der Nachricht, dass Iksanow selbst, der 13 Jahre lang das Haus geleitet hatte, seinen Platz räumen muss.

„Es ist eine schwierige Situation entstanden. (...) Menschliche Stärke und Fähigkeiten haben selbst unter hochklassigen Profis ihre Grenzen", erklärte Kultusminister Wladimir Medinski während einer Pressekonferenz, auf der er die Ernennung des neuen Intendanten Wladimir Urin bekanntgab, eines erfahrenen Theaterleiters, von dem man sich einen souveränen Führungsstil erwartet. „Ich plane keine Revolutionen, die Probleme können wir nur gemeinsam lösen", sagte Urin.

 

Der Zusammenhalt unter den Tänzern ist groß

„Die Skandale des vergangenen Jahres haben dem Image des Ensembles sehr geschadet, weil es kaum zu verstehen ist, wie sich solche Grausamkeit in der magischen Welt des Tanzes ereignen kann", sagte Katharina Nowikowa, eine Sprecherin des Bolschoi-Theaters, in einem Gespräch mit Russland HEUTE.

„Aber die Tänzer haben zusammengehalten und einander unterstützt, um dem Druck der Presse standzuhalten, und sind jetzt stärker geeint denn je",

sagte sie. „Künstlerisch ist das Ensemble des Bolschoi nach wie vor eine der weltweit besten klassischen Ballett-Truppen." Das Ensemble blicke zurück auf eine überaus erfolgreiche Tournee in Australien vor einigen Monaten und auf eine ausverkaufte Saison am Royal Opera House in London, erklärte Nowikowa.

Filin erschien überraschend auf dem Eröffnungsabend eines Bolschoi-Gastspiels in London und wurde nach der Vorstellung in bewegenden Worten vor den Vorhang gerufen. Zuvor hatte Urin ihn in Aachen besucht, um sich ein Bild von seinen Genesungsfortschritten zu machen.

 

Filin glaubt an seine Genesung

Wie Urin sagte, erwarte das Ensemble seine Rückkehr mit Freude. Er ermahnte ihn dennoch zu Behutsamkeit: „Psychisch ist er bereit, seine Arbeit wieder aufzunehmen, und ich freue mich darauf, ihn wieder im Haus zu wissen, aber er bleibt weiter in medizinischer Behandlung."

Filin bleibt optimistisch. Gegenüber dem russischen Staatssender Rossija 1 äußerte er, sein Empfang in London habe ihm einen „großen Auftrieb" gegeben. „Die Ärzte tun, was sie können", sagte Filin. „Auf meinem rechten

Auge bin ich immer noch blind, mein linkes erreicht mittlerweile eine Sehkraft von zehn Prozent. Wenn sich mein linkes Auge weiterhin in dem Tempo erholt, ist es nicht ausgeschlossen, dass ich bald arbeiten kann und Mitte September zur Eröffnung der neuen Saison in Moskau wieder dabei sein werde."

Für die kommende 238. Theaterspielzeit des Bolschoi stehen drei neue Premieren auf dem Programm: „Marco Spada" von Pierre Lacotte, „Kameliendame" von John Neumeier sowie „The Taming of the Shrew" von Jean-Christophe Maillot. Die internationalen Tourneen in den Jahren 2013 bis 2014 werden das Ensemble unter anderem nach Singapur, Frankreich, Norwegen, in die USA und nach Japan führen.

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