Russland: Mekka für Kunstdiebstahl

Russische Museen gelten als das Mekka für Diebe und Ganoven, denn es mangelt an Sicherheitssystemen. Foto: PhotoXPress

Russische Museen gelten als das Mekka für Diebe und Ganoven, denn es mangelt an Sicherheitssystemen. Foto: PhotoXPress

Russische Museen verfügen oft nicht über effektive Sicherheitssysteme und russische Kunstwerke sind weltweit beliebt. Deshalb gilt Russland als das Mekka für Kunstdiebe – die oftmals in einer engen Beziehung zu den Museen stehen.

Im August dieses Jahres entwendeten drei maskierte Männer Gemälde von Michail Schischkin und Konstantin Korowin aus einem Museum in einer etwa 300 Kilometer von Moskau entfernten Stadt. Es ist der jüngste Diebstahl von Arbeiten berühmter russischer Künstler, mit Sicherheit jedoch nicht der letzte.

 

Nicht alle gestohlenen Kunstwerke bleiben verschwunden

Nach Angaben von Interpol übertrifft Russland Frankreich, Italien und Deutschland, was die Anzahl der in Museen entwendeten Objekte betrifft. Das russische Innenministerium schätzt den Wert der in Russland innerhalb der vergangenen 15 Jahre gestohlenen und ins Ausland geschafften Kunstwerke auf annähernd 750 Millionen Euro.

Die Eremitage in Sankt Petersburg, das größte Museum in Russland und eines der bedeutendsten Kunstmuseen der Welt, ist trauriger Spitzenreiter in der Diebstahl-Statistik. Weltweit für Aufsehen sorgten das Verschwinden von „Juwelen" 2006 und der Diebstahl von Jean-Léon Gérômes „Bad im Harem" 2001. Das Gemälde „Bad im Harem", das 750 000 Euro wert ist, wurde aus dem Rahmen geschnitten und gestohlen, als der Museumswärter kurz den Raum verließ.

Das vermisste Kunstwerk tauchte 2006 in Moskau wieder auf. Offensichtlich war es dem Dieb nicht gelungen, das berühmte Gemälde zu verkaufen. So ging er zur Rezeption des Kommunistenführers Gennadi Sjuganow und stellte dort in der Nähe des Sicherheitsdienstes eine Papiertüte ab. Das Gemälde war vierfach gefaltet und an einigen Stellen eingerissen. Sjuganow gab es der Eremitage zurück.

In Sankt Petersburg ereigneten sich die spektakulärsten Kunstraube der vergangenen Jahre, etwa der Diebstahl eines samischen Gewehrs aus der Restaurationswerkstatt des Ethnografischen Museums, eines handgefertigten Steinschlossgewehrs, eines türkischen Scimitars und eines georgischen Säbels. Ein Museumsdirektor verkaufte heimlich 180 Objekte aus den Beständen des Historischen Museums von Sankt Petersburg.

 

Sicherheit ist zu kostspielig oder wird vernachlässigt

Viele Museen sind in einem schlechten Zustand und nicht mit modernen Sicherheitssystemen ausgestattet. Fast alle Provinzmuseen haben mit dem Problem von Raubüberfällen zu kämpfen. „Wir haben einen Alarmschalter", berichtet der Leiter des Tschukowski-Museums in Peredelkino. „Die meisten Museen müssen zumindest eine Polizeiwache einrichten." Ehrenamtlich betriebenen Museen fehlt selbst das Geld für die Installation eines Alarmsystems.

Üblicherweise haben Diebstähle in russischen Museen wenig gemein mit Hollywoodfilmen, in denen Gauner nach klug durchdachten Plänen und im Schutz der Nacht Schätze aus sicher geschützten Einrichtungen entwenden.

1995 stahl ein Mitarbeiter des Moskauer Darwin-Museums während des Umzugs in ein neues Gebäude über 50 Exponate, darunter Skulpturen,

Gemälde und ausgestopfte Tiere. 1998 entwendete Sicherheitspersonal des Kunzewo-Museums für Heimatgeschichte in Moskau über 50 Münzen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. 1994 stahl ein Elektriker der Eremitage eine seltene ägyptische Schale, deren Wert auf 375 Millionen Euro geschätzt wird. 2008 identifizierte die Regierungskommission für den Erhalt von Kulturwerten fast 160 000 Kunstwerke, die aus russischen Museen verschwunden waren.

Hoch im Kurs stehen bei russischen Dieben die Gemälde von Iwan Aiwasowski, dem berühmten Marinemaler. 1991 wurden sein Werk „Früher Morgen am Meer" aus dem Museum für Geschichte und Kunst in Serpuchow, 1994 das Gemälde „Sonnenfinsternis in Feodossija" (geschätzter Wert von 1,1 Millionen Euro) aus der Russischen Geografischen Gesellschaft gestohlen. 1997 verschwand das Werk „Niagarafälle" aus einem Museum in Wologda. Im Juli 1997 wurden die Diebe festgenommen, als sie versuchten, das Gemälde zu verkaufen.

Diebe schätzen auch die Gemälde des russischen Philosophen, Künstler und Reisenden Nicholaj Roerich. 2008 wurden die Kunstwerke „Nachricht von Shambala", „Schatten eines Lehrers", „Boom-Erdeni" und „Heiliger Sergius, der Erbauer" aus der Wohnung von Juri Roerich, dem Sohn des Malers und bekannten Orientalisten gestohlen. Nach Schätzungen von Experten beläuft sich der Wert der vermissten Gemälde auf mehrere Millionen Euro.

 

Das Ausland bietet Absatzmärkte

Viele der gestohlenen Kunstwerke tauchen auf dem Schwarzmarkt und in Antiquitätengeschäften von New York auf. Vor Kurzem erst wurden hier

Hunderte Gemälde von Jakow Tschernichow aufgefunden, die aus dem Russischen Staatsarchiv für Literatur und Kunst verschwunden waren. Man geht davon aus, dass in den USA und England die Nachfrage nach Antiquitäten größer ist als in Russland. Sobald zudem ein Objekt in London oder New York auf den Markt kommt, ist es deutlich einfacher, seine Herkunft zu verschleiern. Kunstgegenstände aus russischen Museen gelangen fast monatlich auf die New Yorker Märkte, in Auktionshäusern wie Christie's tauchen sie sogar noch öfter auf.

Telefonische Nachfragen in Moskauer Antiquitätenläden und Galerien ergaben nichts. Viele sagten, sie könnten nicht weiterhelfen und legten den Hörer einfach auf. Andere behaupteten, der Aufkauf neuer Objekte in ihren Läden folge strikten Regeln und sie arbeiteten nur mit Personen, die sich ausweisen können. Sie hätten „niemals mit gestohlenen Objekten zu tun gehabt, die sich in Moskau auf legalem Wege nur sehr schwer verkaufen" ließen, antwortete der Geschäftsführer von Antikwarnaja Lawka.

 

Raffinesse gehört zum Geschäft

In Russland ereignen sich auch durchaus skurrile Diebstähle. 2005 zum Beispiel machte die Entwendung von zwei 50 Tonnen schweren

Lokomotiven aus der Vorrevolutionszeit Schlagzeilen, die in einer ehemaligen Gulag-Siedlung im sibirischen Gebiet Krasnojarsk ausgestellt waren. Der geschätzte Wert der Lokomotiven beträgt mehrere Hunderttausend Euro. Der Clou an der Geschichte ist, dass auf einer stillgelegten Bahnstrecke beim Dorf Jermakowo sämtliche Gleise demontiert wurden. Wahrscheinlich verwendeten die Diebe mehrere Monate darauf, aus alten, verstreut im Gebiet verlaufenen Schienen eine neue Strecke zu legen, um die Lokomotiven zum Ufer des Jenissej zu befördern und auf Lastkähne zu verladen. Danach verlor sich die Spur der Dampflokomotiven.

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