Neuer Themenpark erweckt Geschichte zum Leben

In einem Freizeitpark in Moskau sollen historische Ereignisse nachgestellt werden. Foto: ITAR-TASS

In einem Freizeitpark in Moskau sollen historische Ereignisse nachgestellt werden. Foto: ITAR-TASS

Auf einer gewaltigen Fläche in Moskau besteht jetzt die Möglichkeit, historische Schlachten nachzustellen. Begleitet wird das von einer steigenden Anzahl an Liebhabern dieser Schauspiele.

Es gibt in Russland Dutzende von Vereinigungen, die sich der vielseitigen Geschichte des Landes verschrieben haben. Die größten von ihnen stellen mehrere hundert Mitglieder. Statt nur von Geländemärschen und Wettstreiten zu reden, sind sie ganz im Gegenteil sehr diszipliniert, gut trainiert, militärisch geschult und verfügen über hervorragende Ortskenntnisse. Die Rede ist nicht von paramilitärischen Einheiten, sondern von sogenannten Reenactors: von Personen, die in ihrer Freizeit lange zurückliegende Schlachten mit großer Realitätsnähe nachstellen. Ab jetzt haben sie in Moskau einen festen Platz mit eigenem Gelände.

Auf einer Fläche von 106 Hektar – das ist mehr als doppelt so groß wie die Vatikanstadt – sollen künftig Neuinszenierungen geschichtlicher Ereignisse und historischer Veranstaltungen stattfinden. Der in dem neuen Moskauer Stadtteil Rumjanzewo entstehende Themenpark Schiwaja Istorija (Die lebendige Geschichte) wird mit Nachbildungen von Gebäuden und Festungsanlagen ausgestattet. Dort werden Schützengräben ausgehoben und Wälle errichtet, um kriegerische Handlungen verschiedenster Epochen nachstellen zu können. Als Kontrast entsteht eine moderne Infrastruktur aus Parkplätzen, Hotels, Geschäften, Cafés und sogar einem Wasserpark.

Die komplette Fertigstellung des Parks ist zwar erst für das Jahr 2018 vorgesehen, doch bereits im August fand dort die erste Veranstaltung statt. Für das Festival Strelezkaja Sloboda wurde im Park extra ein Strelitzen-Fort gebaut, das dort für zukünftige Schauspiele erhalten bleibt. Zu dieser Veranstaltung reisten einige militärhistorische Clubs aus allen Ecken des Landes an, die auf das 17. Jahrhundert, die sogenannte „Zeit der Wirren", spezialisiert sind. 700 Teilnehmer des Festivals stellten auf Einladung der Russischen Militärhistorischen Gesellschaft hierbei die volle Bandbreite an Kavallerie, Infanterie und Artillerie nach.

 

Mehr Mitglieder und wirtschaftliche Vorteile durch stärkere Präsenz

Noch in den 1980er-Jahren galt Reenactment als Hobby einzelner wunderlicher Geschichtsfanatiker. Mit der Zeit arbeiteten sie sich aus ihrem Nischendasein heraus. Auch aufgrund der Förderung durch lokale Behörden nimmt die Zahl solcher Vereine in Russland stetig zu.

„Wir sind bereit, jede Form öffentlicher kultureller Initiativen zu unterstützen", sagt Wladimir Schidkin, zuständig für die Stadtentwicklung neuer Gebiete in Moskau. „Wir koordinieren die Vorschläge für die thematische Gestaltung künftiger Parks, die uns Grundstückseigentümer unterbreiten – vom ‚russischen Disneyland' zu Motiven russischer Märchen bis zu Skipisten aus Kunstschnee. Es reicht nicht, neuen Wohnraum zu schaffen. Wir brauchen Anziehungspunkte, sodass die Menschen in der Nähe ihres Wohnorts arbeiten und ihre Freizeit verbringen können."

Alexej Nowikow, Gründer des ebenfalls auf dem Festival Strelezkaja Sloboda vertretenen Clubs für Militärgeschichte Schatun, erklärt: „Reenactors organisieren große Veranstaltungen, um mit der Bevölkerung zusammenzukommen und sich durch konstruktive Konkurrenz stets weiterzuentwickeln. So werden auch neue Leute für die Bewegung gewonnen. Dafür brauchen wir genau solche Orte wie diesen Park." Der Club sei auf neue Mitglieder angewiesen, fährt Nowikow fort. „Viele denken, es sei sehr schwer, sich bei uns zu engagieren. Sie glauben, man müsse für diese Aufgabe einen akademischen Hintergrund in Geschichte und weitreichende körperliche Fähigkeiten mitbringen. Natürlich sieht die Nachstellung sehr eindrucksvoll aus, aber wir trainieren gerne jede Person, die Interesse und Motivation mitbringt, bis zu diesem Niveau."

 

Immer mehr Menschen entdecken die Geschichte neu

„Das wird ein sehr interessanter Ort", ergänzt Nowikow. „Man kann hier einigen Event-Tourismus aufbauen, mit mehreren Veranstaltungen im Monat, und jedes Jahr die Themen wechseln. Wir rechnen mit ständigen Besuchern, die tatsächlich lebendige Geschichte beobachten können." Auf diesem Gebiet müsse sein Club noch einigen Rückstand aufholen, denn in

Russland gebe es solche Projekte bisher nicht. In der Ukraine hingegen habe sich der Themenpark Kiewskaja Rus als großer Erfolg herausgestellt. „Obwohl er flächenmäßig kleiner und auch konzeptionell schwächer ist, zieht er mit seinen historischen Gebäuden und der Möglichkeit, sich in alten Handwerken zu versuchen, auch sehr viele russische Besucher an", so Nowikow.

Reenactment ist ein internationaler Trend. Als Vereine mit seriösem historischem Hintergrund gelten die Britische Föderation von Ritterturnieren und der Schweizer Club Heer des Heiligen Georg, die beide im Jahr 1988 gegründet wurden. In Frankreich leitete ein Professor an der Sorbonne 1985 die ersten napoleonischen Reenactments. In den USA gibt es anstelle einzelner Clubs seit den 1960er-Jahren die Society for Creative Anachronism („Gesellschaft für kreativen Anachronismus"), die etwa 40 000 Personen vereint und in einander konkurrierenden Einheiten gegliedert ist. Gerade in Ländern wie Frankreich, England, Spanien und Deutschland, in Irland und in der Schweiz erfreuen sich Mitteraltershows und -märkte großer Beliebtheit. Nun wird auch Russland bald einen Ort haben, an dem Geschichte erlebbar ist.

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