Drei Schritte nach Russland mit Irina Liebmann

Die Schriftstellerin Irina Liebmann erlebt Moskau als einen Zwitter zwischen Sowjetunion und dem „neuen" Russland.

„... ich bin einmal ein sowjetisches Kind gewesen. Ein Moskauer Kind. Nur kurz, ganz am Anfang. [...] Die Geschichte, die dahintersteht, ist nur die Geschichte meiner Eltern. Meine Geschichte dagegen hat dort nur begonnen, nichts weiter", schreibt Irina Liebmann. Das spielt die Bedeutung, die dieses Land für sie hat, herunter: Russland ist mehr als nur die Episode zweier Jahre als Kind in Moskau. So liest man es aus dem Bericht über drei Reisen heraus, die sie seit 2009 nach Russland führten.

Liebmann wurde 1943 in Moskau geboren, 1945 folgte sie mit ihrer Mutter, einer russischen Germanistin, dem Vater nach Ostberlin. Die Hartnäckigkeit, mit der sie das Land ihrer Geburt verstehen will, zeugt von wiederentdeckter Liebe. Moskau erlebt Liebmann als einen Zwitter zwischen Sowjetunion und dem „neuen" Russland. Auf der einen Seite werden die Maiparaden wieder aktiviert, auf der anderen ist die Produktwerbung westlicher Konsumgüter von einer Impertinenz, dass einem Hören und Sehen vergeht.

Sie kehrt ernüchtert nach Berlin zurück, mit der Kopie einer berühmten Ikone im Gepäck. Die führt sie zum Original nach Kasan an der Wolga, einer Stadt, die sie verzaubert.

Ihre dritte Reise lässt sie am russischen Familienleben auf einer Datsche

teilhaben. Erschreckend ist für die Tochter eines jüdischen Vaters der allgegenwärtige Antisemitismus, sei es bei ihrer Moskauer Gastgeberin oder in den Buchhandlungen. Die Juden sind an allem schuld: am Untergang des Zarenreichs und am Untergang der Sowjetunion.

Liebmann hat einen Blick für die Brüche der russischen Gesellschaft. Sie spürt sie auf in den Begegnungen mit Menschen, deren Hoffnungen, Ängsten und Verdrängungen. Bücher dieses wachen und sensiblen Formats vermitteln zwar subjektive, aber dadurch sehr differenzierte Eindrücke eines Riesenreichs im Wandel.

Irina Liebmann, Drei Schritte nach Russland, Erzählung. Berlin Verlag 2013, geb., 208 Seiten, 16,99 Euro.