Mittelalterexperiment im russischen Winter

Forscher erhoffen sich von einem halbjährigen Projekt viele Erkenntnisse über den russischen Alltag vor über 1 000 Jahren. Foto: RIA Novosti

Forscher erhoffen sich von einem halbjährigen Projekt viele Erkenntnisse über den russischen Alltag vor über 1 000 Jahren. Foto: RIA Novosti

Ein 24-jähriger Mann wird auf alle Errungenschaften der Moderne verzichten und sich ein halbes Jahr lang mit mittelalterlichem Komfort begnügen, also ohne Internet, Strom, Benzin und moderne Kleidung auskommen.

Es ist Ziel des Experimentalarchäologen zu sehen, wie bekannte mittelalterliche Instrumente in der Praxis funktionieren und was mit der Psyche eines Menschen geschieht, der freiwillig für eine längere Zeit zum Einsiedler wird.

 

Ein Beil als Allzweckwerkzeug

Einen Tag vor Beginn des Experiments legt Pawel Saposchnikow sein modernes Equipment beiseite, das er in den folgenden sechs Monaten nicht verwenden wird. iPad und iPhone, Kleberolle, Feuerzeuge, all das hat vorerst keine Bedeutung mehr.

Den Alltag Pawels bestimmen nun Gegenstände, die damals als Hilfsmittel vermutlich ebenso beliebt waren: Ein traditionelles Schlagfeuerzeug aus Schlagstein und Feuerstahl, eine Gewandnadel um die Kleidung zusammenzuhalten, außerdem Schleifsteine, eine Spannschere und ein Stück Wachs. Hiermit kann Garn eingewachst und danach leichter ins Leder eingestochen werden. Es verwundert daher nicht, dass sein Kamm auch weniger ästhetischen Zwecken dient denn der Entfernung von Läusen.

Was in der heutigen Informationsgesellschaft das Smartphone, das dürfte damals ein Beil gewesen sein: „Das ist mein wichtigstes Instrument. Mit einem Beil kann man sehr viele Probleme direkt lösen, und falls dies einmal nicht klappt, so hilft es zumindest bei der Herstellung eines weiteren Werkzeugs", klärt Pawel auf.

„Viele Gegenstände haben über die Jahrhunderte ihre Form nicht mehr verändert", sagt Pawel und erfreut sich immer noch am Anblick des Beils. „Unsere Vorfahren haben diese im Laufe der Zeit optimal an die Umgebung angepasst." Bis auf sein Beil hängt Pawel seine komplette Ausrüstung an den Ledergürtel, den er sich umlegt. Taschen gab es damals schließlich auch noch nicht.

Zeit zum Feuermachen. Pawel nimmt den Schlagstein sowie den Feuerstahl und legt ein Stück Zunderwolle darunter, um den Funken aufzufangen. Lange schlägt er mit dem Feuerstahl auf den Stein, der Zunder aber will kein Feuer fangen. Heimlich nimmt Pawel schließlich ein Feuerzeug zur Hilfe – am letzten Tag darf man noch ein bisschen mogeln. Morgen bereits wird es damit vorbei sein.

 

Viele Annehmlichkeiten des modernen Lebens werden fehlen

Die anhand archäologischer Ausgrabungen rekonstruierte mittelalterliche Behausung ist nur 45 Kilometer von Moskau entfernt. Sie liegt direkt an der stark befahrenen Jaroslawski-Chaussee. Vor dem Haus laufen Ziegen und Hühner herum, ein in ein altertümliches Leinenhemd und Lederstiefel gekleideter rotbärtiger Hüne versucht, ein Feuer zu entzünden.

Die seltsam anmutende Gestalt ist Pawel, die zentrale Figur des Experiments. Das Gehöft, das er bewohnen wird, hat man anhand archäologischer Funde aus dem 9. Jahrhundert, der Zeit der Nowgoroder

Republik, rekonstruiert. Er wird sich auf Speisen dieser Zeit beschränken und es ohne Zentralheizung mit einem russischen Winter aufnehmen.

Im Zentrum des Gehöfts steht ein längliches Haus mit drei Räumen. In der Mitte ist das Wohnzimmer mit einem kleinen Ofen. Statt des uns vertrauten Bettes findet man hier eine mit Fell überzogene Bank. An der Decke hängen gedörrter Fisch und getrocknete Pilze, an der Wand stehen Kübel mit Moosbeeren und Fett. Ein strenger Fischgeruch durchzieht den Raum. Die Leiter des Experiments sagen, der gelagerte Fisch brauche eine warme Umgebung.

Außerdem gibt es eine Kammer, die mit verschiedensten Pflanzen gefüllt ist. Die Regel ist hier, dass sie den Europäern im 9. Jahrhundert bereits bekannt sein mussten - Mais zum Beispiel gehört nicht dazu. Ihn hatte Kolumbus erst 500 Jahre später von seiner Amerikareise nach Europa gebracht.

Im letzten Raum des Hauses ist der Stall für die Hühner und Ziegen untergebracht. Die Lebensmittel und Tiere für die erste Zeit stellen die Veranstalter Pawel zur Verfügung. Er kann zur Ergänzung seines Speiseplans Jagd auf Hasen und Füchse in den umliegenden Wäldern machen. Freilich nur nach historischem Vorbild – mit Hilfe von Fallen.

„Uns interessiert es zu beobachten, wie ein Mensch in den kalten Jahreszeiten zurechtkommt, also im Herbst und im Winter, wenn die Nahrungsmittelvorräte schrumpfen und die Tage kürzer werden", erklärt der Initiator des Projekts Alexej Owtscharenko. Es soll bis zum 22. März laufen, wenn die Tag-und-Nacht-Gleiche den Frühling einleitet. Im slawischen Kalender markiert dieser Tag den Beginn des neuen Jahres.

Am meisten aber fürchtet Pawel nicht die Kälte, sondern den Informationsverzicht. Der Alltag ohne Bücher, Zeitungen und Internet scheint ihm die größte Herausforderung.

 

Forscher erhoffen zahlreiche Erkenntnisse über das damalige Leben

Beobachtet werden nicht nur Pawel Saposchnikow, sondern auch seine Lederschuhe. Zu testen, wie lange sie halten, ist eine der Fragestellungen des Experimentes. Ihr Projekt ordnen die Veranstalter der experimentellen Archäologie zu. „Wie häufig muss man Wollsocken stopfen, reichen die Schneeschuhe und Messer im Alltag aus, ist das mit Fell bedeckte Dach stabil – wir wollen viele solcher Einzelheiten überprüfen", erläutern die Initiatoren des Projekts.

Eine wichtige Rolle in den Beobachtungen spielen auch die Tiere des Gehöfts. Als die Ziegen zum Hof gebracht wurden, gaben sie 1,5 Liter Milch pro Tag. Mittlerweile, ohne modernes Mischfutter oder Antibiotika, ist ihre Milchleistung auf die Hälfte gesunken.

„Wir werden prüfen, wie sich der Milchertrag und die Größe der Eier verändern. Werden wir in der nächsten Generation weniger Ziegen und Hühner haben als heute? Wie wirken sich die Freilandhaltung und der Verzicht auf chemische Zusätze im Futter aus?", sagt Owtscharenko.

Das Experiment geht auch einer sozialpsychologischen Frage nach. Die Veranstalter wollen erkunden, wie sich ein Leben in Einsamkeit auf die Psyche des Menschen auswirkt. „Wir haben Pawel bewusst allein ‚in die Vergangenheit geschickt'. Das Eintauchen in die nachgestellte Epoche und der Abstand von der modernen Lebenswirklichkeit werden ihm so einfacher fallen", kommentiert Owtscharenko das Konzept seines Projektes.

In Gesellschaft sei dies komplizierter, denn „hätte er noch einen Mitstreiter, würden die beiden unweigerlich über irgendwelche aktuellen Themen sprechen, und wenn es nur darüber wäre, dass keiner von beiden die Nachrichten kennt."

 

Ab und zu kann Pawel ein wenig Moderne in sein Leben lassen

Pawel hat keine akademische Ausbildung. Er studierte vier Semester Notfallmedizin an der Universität, brach sein Studium dann aber ab und fing

an, sich mit dem Reenactment zu befassen, also der Nachstellung historischer Ereignisse. Dies wurde dann zu seinem Beruf. Freunde und Verwandte bestärkten ihn auf diesem Weg.

Seine Verlobte Irina hilft Pawel sogar bei der Einrichtung des Gehöfts. Sie sagt, sie wäre ebenfalls bereit gewesen, an dem Experiment teilzunehmen, die Leiter des Experiments aber hätten anders entschieden.

„Ein Mann wählt seinen Weg selbst. Hier ist das Leben ungefährlicher als in Moskau. Dass er ein halbes Jahr aus seinem Leben verschenke, stimmt meiner Ansicht nach nicht. Für eine Ausbildung ist es schließlich nie zu spät, auch eine Karriere kann man immer noch machen", sagt die Mutter von Pawel. Dass ihr Sohn sich „in der Blüte seines Lebens" freiwillig in Gefangenschaft begäbe, beunruhige sie nicht.

Das Experiment wird kräftezehrend sein, aber Pawels Zustand wird regelmäßig überwacht. Den Alltag Pawels beobachtet zudem ein Schriftsteller, der auf die Beschreibung solcher Alltagsabläufe spezialisiert ist. Sprechen allerdings darf Pawel nicht mit ihm. Einmal pro Monat findet dann eine Visite auf dem mittelalterlichen Hof statt. Ein Arzt und ein Psychologe werden hierbei Pawels Verfassung untersuchen.

Und natürlich sind auch regelmäßig Besuche durch Verwandte möglich. Außerhalb der Besuchszeiten müssen sie sich jedoch mit den Berichten des Schriftstellers begnügen. Pawel wird außerdem die Hauptfigur eines Films über das Experiment sein. Nach heutigem Stand beträgt das Budget des Experiments nach Auskunft der Veranstalter ungefähr 460 000 Euro.

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