Darf man Goebbels oder Mussolini lesen?

Der Umgang des russischen Staates mit bestimmten Texten löst Diskussionen aus. Foto: Getty Images/Fotobank

Der Umgang des russischen Staates mit bestimmten Texten löst Diskussionen aus. Foto: Getty Images/Fotobank

Während die Staatsanwaltschaft prüft, ob kürzlich wiederveröffentlichte Bücher prominenter Faschisten extremistische Inhalte haben, ist in der russischen Gesellschaft eine Diskussion über den Sinn und Nutzen eines Bücherverbotes in Gang gekommen.

Gleich zwei Bücher standen kürzlich im Verdacht, extremistische Inhalte zu verbreiten und lösten heftige Diskussionen aus. In der Folge wurden sie schließlich vom Markt genommen. Es handelte sich um Joseph Goebbels Roman „Michael. Ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern", und um Benito Mussolinis „Der dritte Weg: Ohne Demokraten und Kommunisten". Beide Bücher brachte der Verlag Algoritm 2012 und 2013 in kleiner Auflage auf den Markt.

In den Leserkommentaren zu Artikeln über diesen Vorgang ist das gesamte Meinungsspektrum zu der Frage abgebildet, ob man die Werke faschistischer Führer veröffentlichen solle oder nicht. Die Gegner eines Verbots argumentieren, es müsse auch möglich sein, sich damit auseinanderzusetzen. Nur so sei es möglich, sich gegen solche Propaganda zu wappnen. Wer alles daran setze, werde außerdem ohnehin an die Schriften herankommen. Die Befürworter dagegen berufen sich auf die Geschichte: Was soll faschistische Literatur in einem Land, das den Faschismus besiegt hat?

Die Skepsis gegenüber einem Bücherverbot teilt auch der Schriftsteller und Journalist Dmitri Bykow. „Überall auf der Welt geben Verlage Bücher heraus, deren Inhalte minderwertig oder sogar grausam sind. Und das ist notwendig. Um die Wurzeln des Faschismus zu verstehen, muss man die Bücher seiner Ideologen lesen. Die Verlage sollten sie mit erklärenden Begleitkommentaren versehen, und zwar nicht nur mit philologischen, sondern mit psychoanalytischen. So kann dem Leser erläutert werden, wie aus diesen verworrenen Texten Faschismus entsteht. Mit einem Verbot versucht man, den einfachsten Weg zu gehen", meint der Schriftsteller.

 

Die Praxis ist bei weitem komplizierter als die Theorie

Auf den ersten Blick scheint alles sehr einfach. In Russland sind offen extremistische Bücher, also solche mit faschistischen, nationalistischen oder radikal religiösen Inhalt, verboten. Dem Justizministerium obliegt es, deren Bestände zu verwalten. Hat ein Gericht ein Buch als extremistisch eingestuft, dann wird es in die Liste der verbotenen Bücher aufgenommen. Ebenfalls verboten sind Pornografie und Werbung für Drogenkonsum. Die Herausgabe solcher Bücher allerdings steht nicht unter Strafe, eine Zensur gibt es in Russland schließlich nicht. Strafrechtlich verfolgt wird lediglich deren Verbreitung.

Die Praxis ist ein bisschen komplizierter. Ein strittiges Buch erscheint, nach einer gewissen Zeit wird eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft eingereicht. Die gibt eine Presseerklärung dazu ab, es folgen in der Regel hitzige öffentliche Debatten. Danach wird das Buch entweder verboten oder nicht, in jedem Fall ist das gesamte Verfahren folgenreich. Ist das Buch tatsächlich schädlich, dann wird es noch vor seinem Verbot durch zahlreiche Werbemaßnahmen in den Mittelpunkt gestellt. Selbst wenn es nicht schädlich sein sollte, leidet dennoch der Ruf des Verlags und auch finanzielle Einbußen sind zu befürchten.

„Ich lehne das Verbot von Büchern grundsätzlich ab", erklärte Boris Kuprijanow, Miteigentümer der Moskauer Buchhandlung für intellektuelle Literatur Falanster und Programmleiter des Moskauer Bücherfestivals. „Es erzeugt nur einen Reiz des Verbotenen bei den Menschen. Verbieten wir

ein Buch, dann gestehen wir damit ein, dass wir es mit ihm auf einer argumentativen Weise nicht aufnehmen können, dass es stärker ist als wir. Dadurch wird es nur wichtiger gemacht, als es wirklich ist."

Kuprijanow musste sich selbst bereits einmal gegenüber den Behörden verantworten. 2007 wurden aus seinem Geschäft alle Exemplare von fünf Büchern des Verlags Ultra.Kultura beschlagnahmt. Die Ermittler suchten hier nach pornografischen Inhalten. Wären sie fündig geworden, dann hätte dem Buchhändler ein Strafverfahren wegen Lagerung und Verbreitung pornografischen Materials geblüht.

 

Drogenexperimente und Flaggen nicht erwünscht

Die Bücher des von dem bekannten Dichter und Übersetzer Ilja Kormilzew gegründeten Verlages alarmierten die Behörden aus mehreren Gründen. Außer dem Pornografie-Vorwurf sah der Verlag sich auch dem Verdacht auf Propaganda für Drogen und Terrorismus ausgesetzt. 2004 verschwanden direkt sieben Bücher vom Markt, unter anderem ein Werk über synthetische Halluzinogene von Alexander und Ann Shulgin sowie „Storming Heaven: LSD and the American Dream" von Jay Stevens. 2006 wurden die Auflagen von Adam Parfreys „Apocalypse Culture" sowie Phil Jacksons „Inside Clubbing" vernichtet und zusätzliche Geldstrafen verhängt. 2007 stellte der Verlag dann seine Arbeit ein. Er wurde von der Verlagsgruppe AST, einem Giganten des russischen Büchermarktes, aufgekauft.

Unerwartet hoch schlugen die Wogen im Sommer auf dem Büchermarkt ausgerechnet bei den Kinderbüchern. Der Dumaabgeordnete Alexander

Chinschtejn bezeichnete das von dem kleinen unabhängigen Verlag KompasGid herausgegebene Buch „Länder und ihre Flaggen" der französischen Autorin Sylvie Bednar als russophob, die Verleger selbst als „Faschisten". Stein des Anstoßes war eine Passage über die Flagge Litauens, in der die Farbe Rot als „Farbe des Bluts, das vom litauischen Volk im Kampf gegen die russischen und deutschen Besatzer vergossen wurde" erklärt wird.

Sein Statement veröffentlichte Chinschtejn über Twitter und kündigte zugleich an, bezüglich „Länder und ihre Flaggen" die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Große Buchhändler warteten die Ergebnisse der Überprüfung gar nicht erst ab und schickten die Bücher zurück an den Verlag.

Wie Marina Kadetowa, Chef-Redakteurin des Verlags KompasGid in einem Gespräch mit Russland HEUTE erläuterte, habe die Mehrheit der großen Buchhändler „ohne nähere Betrachtung des Kerns und der Begründung der Vorwürfe" die Bücher aus dem Verkauf genommen und das als „eigene Entscheidung" ausgegeben. Nur ein paar kleinere Buchläden hätten sie weiter verkauft. „Bis heute liegt eine Entscheidung der Staatsanwaltschaft nicht vor. Natürlich hat dieser Skandal uns einen schweren Schlag versetzt. Das Buch ist derzeit nur über den Verlag, in einigen kleinen Buchläden und auf Messen, an denen wir uns beteiligen, erhältlich", so Kadetowa.

 

Bücher stehen immer wieder im Mittelpunkt

Die Literaturszene reagierte schnell und loyal. Schriftsteller wie Ljudmila Ulizkaja, Boris Akunin oder Wladimir Sorokin sowie Literaturkritiker,

Verleger und Buchhändler traten mit einem offenen Brief für den kleinen Verlag ein. Auf diese Weise, heißt es dort, werde „im russischen Verlagswesen eine Atmosphäre der Angst und Unbestimmtheit erzeugt und wach gehalten: Buchhändler und Multiplikatoren müssen auf Erklärungen einzelner Beamter reagieren, selbst wenn das mit finanziellen Einbußen und Reputationsverlusten einhergeht."

Bücher hatten in Russland immer einen besonderen Stellenwert. Auch heute stehen sie im Zentrum des öffentlichen Interesses, was auch immer Soziologen über die schwindende Leselust der Menschen berichten mögen.

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