Instagram kommt ins Museum

Foto: Alexandra Sopowa

Foto: Alexandra Sopowa

Russlands Instagram-User sendeten ihre Schnappschüsse ein und eine Jury wählte die besten für eine Ausstellung aus. Heraus kam ein digitales Kaleidoskop der russischen Seele.

Eines der Parallelprojekte der Moskauer Biennale der zeitgenössischen Kunst ist die Ausstellung ‚InstaART. Kunst durch Instagram‘. Eineinhalb Tausend Fotos und kurze Videos zeigen, wie Russlands Instagram-Nutzer die Welt sehen.

Instagram können heutzutage fast alle Smartphone-Nutzer verwenden, auch Leute, die weit davon entfernt sind, professionell zu fotografieren. Die Teilnahme an dem Wettbewerb war sehr einfach. Über den offiziellen Hashtag #voxxter wurden über 6 000 Fotos ins Netz gestellt. Aus ihnen wählte eine Jury von professionellen Fotografen, Kunstkritikern und Kunstwissenschaftlern die 1 500 besten für die Ausstellung aus. Auf die Besucher warten ungewöhnliche Denkmäler der Architektur, gelungene Schnappschüsse aus dem Alltag, bizarre Landschaften und Sehenswürdigkeiten aus aller Welt.

„Natürlich kann man nicht jedes beliebiges Foto als Kunst bezeichnen, das mit der Handy-App Instagram entstanden ist“, sagte der Leiter der Jury Serge Golovach, einer der bekanntesten russischen Instagram-Blogger in einem Gespräch mit Russland HEUTE. „Was die Jury Kunst nennt, werden wir auch als Kunst behandeln. Ich habe bereits 118 Bilder aus den 6 000, die uns zugeschickt wurden, ausgewählt. Andere Mitglieder der Jury werden auch ihre Auswahl treffen, und am Ende der Ausstellung wird eine allgemeine Bewertung bekannt gegeben.“

Street-Art ist prominenter Bereich der Ausstellung

Manche Fotos liegen gedruckt vor, aber die Masse läuft als Slideshow über Plasma-Monitore. Auf zehn Bildschirmen werden Fotos aus zehn Kategorien gezeigt, ein weiterer ist für Arbeiten „außer Konkurrenz“ von Jurymitgliedern und Instagram-Stars reserviert. Unter den Kategorien sind „Menschen und Gesichter“, „Denkmäler“, „Architektur“ und „Landschaft“. Zentrale Kategorie des Wettbewerbs ist laut Jury-Leiter Golovach die Rubrik „Street-Art“: „Das sind Fotografien fremder Kunst. Graffiti – manchmal zeitgenössische Kunst, manchmal Kunsthandwerk, manchmal Gestaltungstechnik oder auch einfacher nur ‚kreativer Unfug‘. Wo die Grenze zwischen Kunst und Unfug verläuft und wie man das aufnehmen kann, das ist eine Frage, die den Profis überlassen bleibt.“

Foto: Alexandra Sopowa

Präsentiert werden nur Werke, beziehungsweise Schnappschüsse russischer Instagram-User. Auf ihnen aber ist die ganze Welt abgebildet – fast jeder Reisende wird schließlich zum Fotografen. „Interessant ist es doch, dass die Leute auf der ganzen Welt die gleichen Dinge fotografieren: ihr Essen, ihre Haustiere, sich selbst und die Orte, an denen sie sich aufhalten und die sie bereisen“, sagt Golovach. „Aus dem veröffentlichten Material einzigartige und interessante Fotos auszuwählen, ist nicht gerade einfach. Häufig genutzt sind auch nur zwei, höchstens vier Bildfilter aus dem gesamten Spektrum von Instagram-Bildbearbeitungsoptionen.“

Die für den Wettbewerb eingeschickten Fotos werden mit Angabe ihrer Urheber – anstelle der Namen und Vornamen sind in sozialen Netzwerken Spitznamen oder Pseudonyme üblich – sowie der Zahl der ‚Likes‘ und Kommentare der Community ausgestellt. Manche Bilder wurden mit zwei oder drei ‚Likes‘ goutiert, andere haben 300 bis 500 ‚gefällt mir‘-Klicks vorzuweisen, sehr wenige sogar erreichen fünfstellige Zahlen. Die Aufnahme einer jungen Akrobatin beispielsweise bekam 24 500 ‚Herzen‘ von den Lesern des Blogs. Ob man an dem sportlichen Erfolg der jungen Frau Gefallen fand oder eher an ihrer Figur im Bikini bleibt offen.

„Die Zahl der ‚Likes‘ sagt nichts darüber aus, ob ein Foto ein Kunstwerk ist. Wir haben alle mit Filmen, Musik oder Fotografie Berührung, sind aber nicht alle Experten. ‚Likes‘ haben viel mit der Popularität von Personen zu tun. Barack Obama oder Lady Gaga können für ein Foto mühelos Millionen ‚Likes‘ einfahren“, meint Golovach.

Auf den präsentierten Fotos gehen Menschen ins Museum, fahren Fahrrad, tanzen, beten, reiten, zeichnen, trinken Kaffee, stehen auf der Rolltreppe oder gehen mit ihren Kindern spazieren. Die Fotografen lassen sich auch von antiken Ruinen und moderner Stadtarchitektur inspirieren, sie interessieren sich für Ausstellungsbilder und verewigen das zeitlose Motiv ‚Ich vor dem Hintergrund …‘.

Instagram ist nicht zum ersten Mal Thema einer Ausstellung. Serge Golovach stellte im März eine Auswahl seiner eigenen Bilder unter dem Titel ‚Like.Life‘ aus. Auch ein anderes Jurymitglied – Denis Abramow – organisierte bereits eine persönliche Ausstellung. Lokale Blogger-Ausstellungen gab es in Krasnodar und in Tscheljabinsk. Natürlich ist Russland kein Pionier auf diesem Gebiet. Bereits seit 2011 sind solche Ausstellungen in London, New York und Singapur zu sehen.

Die Ausstellung InstaART im Vauxhall Center, 1 Rischskaja Ploschad‘ (Metro Rischskaja) ist bis zum 19. Oktober geöffnet: http://art-vokzal.ru/

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