Petljura: Der russische Künstler inspiriert Saint Laurent und Gaultier

Der berühmt-berüchtigte Modeschöpfer Alexander „Petljura“ Ljaschenko inspiriert und provoziert gerne mit seinen Darbietungen. Foto: PhotoXPress

Der berühmt-berüchtigte Modeschöpfer Alexander „Petljura“ Ljaschenko inspiriert und provoziert gerne mit seinen Darbietungen. Foto: PhotoXPress

Der Modeschöpfer Alexander Petljura ist der bekannteste Trödel-Liebhaber Russlands. In seiner Vintage-Kollektion alleine sind über 3 000 verschiedene Accessoires zu finden, die alle aus Trödel entstanden.

Die Reaktionen fielen seinen eigenen Angaben zufolge stets sehr gemischt aus: Die Ausländer sind ausgeflippt, nach dem Motto: Oh, welch schöne Anziehsachen. Aber die Russen dachten nur: Was ist das bloß für ein Mist?! Solche Lumpen liegen haufenweise bei meiner Oma auf dem Dachboden herum."

Seinen Namen lieh er sich beim sagenhaften Helden der ukrainischen Nationalisten und Heerführer des Bürgerkriegs Simon Petljura. Mit diesem Künstlernamen stellte sich Alexander Ljaschenko, Künstler von Beruf und Rebell von Berufung, an die Spitze der sowjetischen Avantgardemode. In Moskau erinnert man sich heute noch an seine legendären Modeschauen: Auf dem Catwalk liefen die betagte Madame Bronja und Wassilij, ein kleingewachsener Mann, umher, Kleidung vorführend, die aus dem Müll zusammengesammelt war.

Madame Bronja. Foto aus dem persönlichen Archiv.

 

Petljura verbindet Eleganz mit dem Unkonventionellen

Für seine Performances wählte Petljura die ungewöhnlichsten Orte aus, wie zum Beispiel Keller, verfallene Fabrikgebäude oder auch nur Wartesäle auf

Bahnhöfen. Er selbst sah für die damaligen Verhältnisse ebenfalls äußerst extravagant aus: ein langer Mantel, ein Spazierstock und eine Papacha, die traditionelle Kopfbedeckung der Kosaken. Unkonventionell, aber teuflisch elegant.

„Diese Kleidung war herrlich! Besser als alles, was es je zuvor gab. Ich kaufte zuerst diesen deutschen Mantel. Er gehörte 1918 einem Berliner Zirkusdirektor. Ein qualitativ sehr hochwertiges Material – Wolle und ein Samtkragen. Danach fand ich diese Kosakenmütze des Genossenschaftsbetriebs Swoj Trud aus dem Jahre 1922. Das waren zwar alte Klamotten, aber ich zog elegante Anziehsachen an und nicht irgendwelche Lumpen. Darin bestand auch der Stil: eng anliegend und streng. Der Frack oder Smoking verlieh dem Ganzen Haltung und darüber dann irgendein T-Shirt mit der Aufschrift UdSSR oder mit einem Teufelchen."

Der Modeschöpfer Petljura in Kosakenmütze und Mantel. Foto: Kommersant

1990 organisierte Petljura im Zentrum von Moskau das „Künstler-Reservat" am Petrowskij-Boulevard. Das besetzte Haus wurde schnell zu einem der angesagtesten Plätze in Moskau. Der Flohmarkt Tuschinskij und Petljuras besetztes Haus verwandelten sich in eine Avantgardezone der Hauptstadt. Im Jahr 1993 wurde dann eine gleichnamige Stiftung gegründet, die alternative Ausstellungen und Festivals organisiert.

 

Die Projekte sind von einer klaren Idee getragen

Seit nunmehr dreißig Jahren propagiert Petljura die Idee des „Wertes der Kleidung als Kleidung". Sich selbst bezeichnet er ironisch als „Künstler-Dermatologen". Die Idee, die der Künstler verbreiten will, besteht darin, dass man durch den Müll eines Landes auch auf dessen Kultur schließen könne und alles, auch Weggeworfenes, eine Perle sei. Zu diesem Zweck organisierte er bisweilen ungewöhnliche Darbietungen, wie dem Überstreifen von Unterhosen über einen Smoking, und konzeptionelle Ausstellungen, die meistens in Europa durchgeführt wurden.

Besonders beeindruckt war das Publikum von Petljuras Brüsseler Projekt „Das 20. Jahrhundert – Das Imperium der Kleidung". Hier präsentierten zwölf Schauspieler 120 Kostüme, die das 20. Jahrhundert auf verschiedene Arten wiedergaben: von Aristokraten mit einer Gasmaske bis zu stummen zehn bis 15 Sekunden dauernden Auftritten.

 

Große Modedesigner könnten von ihm inspiriert worden sein

Die Vorlesungen des russischen Modeschöpfer-Rebellen sorgen in Europa für volle Säle, inzwischen hat er auch eigene Schüler. Manch einer meint sogar zu erkennen, wie Jean Paul Gaultiers bei einer hauptsächlich aus Fetzen bestehenden Kollektion von Petljura inspiriert worden sei. Höhepunkt seines Programms war ein bezauberndes Abendkleid, das aus ausgewaschenen alten Jeans und Pfauenfedern genäht worden war.

Ebenso scheinen einige in der Herbstkollektion von Saint Laurent dieses Frühjahr die „Ästhetik der Müllkippe" im Sinne Petljuras wiederzuerkennen. Unter dem Motto „California Grunge" rief das Modehaus mit seinen teils als sehr gewöhnungsbedürftig empfundenen Kombinationen nicht nur positive Resonanz hervor.

Jean-Paul-Gaultier-Modeschau in Paris. Foto: Getty Images / Fotobank

„Für jemanden aus dem Ausland, der neue Modestile kreiert, ruft das einen absoluten Schock hervor", erzählt Petljura. „Unsere Stoffe der Fünfziger- bis Siebzigerjahre, auf denen Telegrafenmasten, Atome, die Baikal-Amur-Magistrale und die Metro dargestellt waren, sind doch heutzutage absolute Avantgarde! Im Westen wäre doch kein Designer auf die Idee gekommen, aus solchen Stoffen Kleidung zu nähen."

Die weltweiten Trends werden heutzutage nicht nur von der Mode der Straße diktiert, sondern auch von russischen Avantgardisten, wie zum Beispiel Petljura.

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