Was kauft der Reiche im Sozialismus?

Der satirische Roman „Das Goldene Kalb oder Die Jagd nach der Million“ beschäftigt sich mit der Gier des Menschen nach Geld und ist außerdem ein gutes Beispiel dafür, wie auch in der Sowjetunion kritische Texte verfasst wurden.

Was für ein Autorenduo! Im Bunde mit Michail Bulgakow, Jurij Olescha und Wenjamin Kawerin arbeiteten sie in den 1920er-Jahren in Odessa für satirische Zeitungen: Ilja Ilf und Jewgeni Petrow. Sie erfanden dann den Superhelden Ostap Bender, einen intelligenten, gewitzten und gebildeten Alleskönner mit dem Beinamen „Großer Kombinator", der am Ende ihres Romans „Die zwölf Stühle" einem tödlichen Angriff zum Opfer fällt.

Doch Ilf und Petrow lassen Bender in „Das goldene Kalb oder Die Jagd nach der Million" Anfang der 30er-Jahre wieder auferstehen. Der Große Kombinator träumt weiter vom großen Geld zur Erfüllung seines großen Traums, welches er mit einem großen Coup ergattern will. Dass solches Vorhaben im Land des künftigen Paradieses der Sowjetmacht, zur Zeit des ersten Fünfjahresplanes, jede Menge Konflikte und Stoff für aberwitzige Verwicklungen hergibt, versteht sich. Und so gewinnt dieser Schelmenroman von Ilf und Petrow immer mehr an Fahrt und schräger Satire. Alle handelnden Personen verstecken sich hinter Masken und spielen Rollen, alles ist doppelbödig, illegal, überall Betrug und Schein. Hinter dem neuen ideologischen Anstrich lauern die alten Dämonen, die den Menschen umtreiben – und herzhafte Situationskomik.

Ostap Bender gründet mit drei weiteren Gaunern ein Team und begibt sich in der „Antilope Gnu", einem der ersten Automobile im Land, auf die Jagd nach einem Millionär, den es offiziell gar nicht geben darf. Alexander Korejko nämlich hat in der frühen Phase des sowjetischen Wirtschaftswunders, der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP), über dreiste Betrugsmanöver Millionen ergaunert, die er in der Gepäckaufbewahrung des Bahnhofs in einem Koffer versteckt. Er selbst lebt als kleiner Buchhalter in Odessa – das im Roman als Tschernomorsk nur leicht verfremdet ist – und wartet auf bessere Zeiten, in denen er mit seinem Geld prassen kann. Gauner steht gegen Gauner, Traum gegen Traum: Für Korejkos großen Gegenspieler Ostap Bender ist das gelobte Rio de Janeiro das Maß aller Dinge.

Das Buch ist in episodischer Fülle geschrieben, der rote Faden ist allein die Jagd nach der Million. Der satirisch scharfe Spott von Ilf und Petrow ergießt sich über die großen Errungenschaften der Sowjetmacht, ihre gigantische Maschinerie und ihre Propaganda ebenso wie über den sozialistischen Alltag oder die Gefahren, denen beispielsweise ein sowjetischer Bürger ausgesetzt ist, der als Atheist von polnischen Patres bekehrt werden soll. Ja, auch die Literatur mit ihren Stereotypen und Vorlieben jener Zeit wird durch den Kakao gezogen.

Eine der vielen köstlichen Stellen im Roman lässt uns einen Streit miterleben, in dem Wassissuali Lochankin aus Protest, dass seine Frau ihn verlassen will, in den Hungerstreik tritt und in fünffüßigen Jamben zu jammern beginnt. Was ihn nicht hindert, sich nachts heimlich am Buffet vollzufressen – aber er wird erwischt... Skurrile Namen, skurrile Ereignisse, skurrile Verhältnisse.

„Parallel zur großen Welt, in der große Menschen und große Dinge leben, existiert die kleine Welt mit kleinen Menschen und kleinen Dingen... Ihre Bewohner kennen nur ein Streben – irgendwie zu überleben, ohne das Gefühl des Hungers kennenzulernen", heißt es im Roman. Stärker noch ist jedoch die Gier nach Geld, die die Menschen seit biblischen Zeiten

umtreibt, Sozialismus hin oder her. Eine überraschende, durchscheinende Tragik entwickelt die Satire, als Ostap Bender im Sonderzug zur Fertigstellung der Ostmagistrale in der Wüste von Turkmenistan einem amerikanischen Korrespondenten das Gleichnis vom „Ewigen Juden" neu erzählt.

Bender jagt Korejko tatsächlich in einem zweiten „Duell" die Million ab – aber er hat nichts davon in einem Land, in dem nur das Kollektiv zählt und er nicht einmal ein neues Auto für seinen Freund kaufen, geschweige denn in weißen Hosen auf der Strandpromenade von Rio flanieren kann. „Der Traum ist ja gar nicht so wichtig. Seine Ursache muss beseitigt werden. Die Hauptursache ist das Bestehen der Sowjetmacht. Aber die kann ich zurzeit nicht beseitigen. Ich habe einfach die Zeit nicht...", erklärt er einem leidenden Monarchisten.

Bender beschließt zu fliehen und tauscht all sein Geld gegen Preziosen ein. Als er wie ein Monster behängt mit Pelzen, Uhren und Gold bei Nacht und

Nebel über den Fluss nach Rumänien fliehen will, wird er von Grenzern gestellt. Das dramatische Finale mit seinem großartigen Showdown soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel: Das treffliche Autorenpaar Ilf und Petrow führt den Tanz ums Goldene Kalb gründlich ad absurdum. Der pikareske Roman ist dank der allzu menschlichen Befindlichkeiten, der absurden Situationen, die sich immer wieder zu metaphorischen Bildern erweitern, und seinem sprühenden Witz – ein Kennzeichen der Leute aus Odessa – zeitlos aktuell.

„Das Goldene Kalb oder Die Jagd nach der Million" erschien jetzt auf Deutsch als Band 340 im Verlag Die andere Bibliothek, in der ergänzten und überarbeiteten Übersetzung von Thomas Reschke, die ihm hin und wieder allerdings etwas flüchtig geraten ist.

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