Iwan Gontscharows Liebe in Briefen

Kaum ein anderer russischer Schriftsteller hat sein Privatleben so vor der Öffentlichkeit abgeschirmt wie der Autor des berühmten „Oblomow“ Iwan Gontscharow. Der Sammelband „Herrlichste, beste, erste aller Frauen“ (Aufbau Verlag) gewährt dem Leser erstmals auch in deutscher Sprache einen tiefen Einblick in das Liebesleben des Autors.

Iwan Gontscharow: „Herrlichste, beste,

erste aller Frauen", herausgegeben

und übersetzt von Vera Bischitzky,

205 Seiten, Aufbau Verlag, 16,99 €

„Es gibt doch tatsächlich Esel, die heiraten", sagte einst der Titelheld aus Iwan Gontscharows bekanntestem Roman „Oblomow" und sprach damit genau das aus, wovon der Autor selbst fest überzeugt war: Iwan Gontscharow war seinerzeit als notorischer Junggeselle bekannt. Sein Privatleben hat er, wie kaum ein anderer russischer Schriftsteller, unter Verschluss gehalten und völlig vor der Öffentlichkeit abgeschirmt. Doch auch in Gontscharows Leben gab es Zeiten, in denen er das Junggesellendasein gern aufgegeben hätte.Im Sommer 1855 begegnet der 43-jährige Schriftsteller der 28-jährigen Jelisaweta Tolstaja, einer Moskauer Adligen, die sein Leben völlig unerwartet auf den Kopf stellt. Zutiefst beeindruckt von der noch unverheirateten schönen Frau, beginnt er eine Briefkorrespondenz mit ihr. Aus anfänglicher Zuneigung, die er in seinen Briefen geschickt als Freundschaft zu tarnen versucht, entwickelt sich leidenschaftliche Liebe, die für den hingerissenen Gontscharow eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen mit sich zieht. Eine Zeit, in der er sehnsüchtig, aber leider vergeblich auf die Antworten seiner Angebeteten wartet – so lange, bis sie im Winter 1856 schließlich ihren jüngeren Cousin, einen Kavallerieoffizier, heiratet und der Kontakt zwischen Gontscharow und ihr ganz abbricht.

Obwohl der stets auf Privatsphäre achtende Gontscharow alle seine Briefe vernichtete oder vernichten ließ, tauchten einige, die er an Jelisaweta Tolstaja schrieb, 1913 in Russland wieder auf. Die russische Zeitschrift „Golos minuwschego" ließ die Briefe des Schriftstellers abdrucken und löste damit eine Sensation in der literarischen Szene des 20. Jahrhunderts aus. Genau 100 Jahre später erscheint eine Auswahl dieser Briefe erstmals auch in deutscher Sprache in Form eines separaten Briefbandes, herausgegeben und übersetzt von Vera Bischitzky.

Bereits seit Jahrzehnten existieren Sammelbände von Werken Puschkins, Turgenews und Dostojewskijs, die unter anderem auch Briefe mit wertvollen Details aus dem Privatleben der Schriftsteller enthalten: ihre Sorgen, Freuden sowie Gedanken über das Leben und die Welt. Schon im 19. Jahrhundert fand der Brief als Textsorte in der russischen Literatur viele Freunde und zieht auch heute noch die Aufmerksamkeit von Forschern und Literaturliebhabern auf sich. Es eröffnet dem Leser nicht nur den seelischen Zustand des Verfassers sowie seine tiefste Gefühlswelt. Es zeigt auch die unterschiedlichen Facetten seiner Persönlichkeit auf – ihre Vorzüge, Widersprüche und Besonderheiten.

Noch nie hat es ein Werk gegeben, das die Gefühlswelt von Iwan Gontscharow so offenlegt, wie es der im Aufbau Verlag erschienene Sammelband „Herrlichste, beste, erste aller Frauen" tut. In einem selbstironischen Ton, voller scherzhafter Formulierungen, erzählen die Briefe die Geschichte einer leidenschaftlichen, jedoch unerwiderten Liebe. Sie versetzen den Leser nicht nur in das Leben der gehobenen

Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zurück – eine Zeit, in der sich das Leben der literarischen, künstlerischen und intellektuellen Elite noch in Salons abspielte und Brieffreundschaften zum guten Ton gehörten.

Sie zeigen zudem viele Parallelen zur Gefühlswelt des Haupthelden des Romans „Oblomow" auf und sind, laut Herausgeberin und Übersetzerin Vera Bischitzky, eine wertvolle Zugabe zum Roman, die viele zusätzliche Fenster in die Gontscharow-Welt eröffnen. Nicht umsonst werden die überlieferten Briefe Gontscharows als Perle des Briefgenres bezeichnet – sie sind die einzigen überlieferten Zeugnisse des Seelenlebens des großen Schriftstellers – Zeugnisse, die es wert sind vom zeitgenössischen Leser gelesen und gebührend anerkannt zu werden.

Iwan Alexandrowitsch Gontscharow (1812-1891) zählt neben Fjodor Dostojewski, Lew Tolstoi und Iwan Turgenew zu den bedeutendsten Realisten der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Geboren als Kaufmannssohn in Simbirsk an der Wolga (heute Uljanowsk) studierte er Philologie an der Moskauer Universität und war anschließend als Beamter im Staatsdienst in Sankt Petersburg tätig.

In seiner Freizeit übersetzte Gontscharow Werke von Goethe und Schiller ins Russische, schrieb erste eigene Erzählungen und verkehrte in den literarischen Kreisen seiner Zeit – mit Iwan Turgenew pflegte er eine besonders enge Bekanntschaft. 1847 veröffentlichte er seinen ersten Roman „Eine gewöhnliche Geschichte“, der von der Kritik als auch vom Publikum enthusiastisch aufgenommen wurde. Mit „Oblomow“ gelang Gontscharow 1859 dann schließlich der große Durchbruch, der ihn weltberühmt machte.

Gesundheitlich oft angeschlagen, litt der Schriftsteller vermehrt an Depressionen, die ihn immer wieder am Schreiben gehindert haben. Selbst als bereits bekannte Persönlichkeit des literarischen Lebens Russlands hat Gontscharow sein Privatleben immer sorgsam vor der Öffentlichkeit abgeschirmt.

Als seine Liebesbriefe 1913 in Russland auftauchten und veröffentlicht wurden, kam das einer Sensation gleich. Bis dahin war so gut wie nichts über die Gefühlswelt des berühmten Schriftstellers bekannt gewesen. Alle privaten Korrespondenzen ließ Gontscharow noch zu Lebzeiten vernichten und hinterließ nur wenig, was Rückschlüsse auf sein Privatleben zulassen könnte. Nach Jelisaweta Tolstaja hatte es in Gontscharows Leben vermutlich keine weitere Frau mehr gegeben – zumindest ist darüber nichts überliefert worden. Der berühmte Schriftsteller hat nie geheiratet.

Weitere bekannte Werke Gontscharows sind „Fregatte Pallas“ (1858) und „Die Schlucht“ (1869).

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