Swetlana Alexijewitsch: „Das Schweigen der Intellektuellen muss beendet werden!“

Foto: RIA Novosti

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Am letzten Wochenende wurde sie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2013 ausgezeichnet: Die belarussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch zeichnet mit ihrem Buch „Secondhand-Zeit" eine dramatische Geschichte des modernen Russlands und des ehemaligen sowjetischen Raums. Im Interview spricht die Autorin über die Überwindung des sowjetischen Erbes und die Herausforderungen des neuen Zeitalters.

In Ihrem neuen Buch erforschen Sie die Welt des Sozialismus in der Seele des Menschen...

Mich interessiert der „häusliche" Sozialismus, weil der gesamte, von außen einwirkende, offizielle Sozialismus mit seinen ganzen Ausprägungen verschwunden ist. Aber tief in uns drin ist alles geblieben. Vor 20 bis 25 Jahren hatten wir mutig und naiv angenommen, dass ein Abschied von dieser schrecklichen, fast unmenschlichen Erfahrung uns leicht fallen würde.

Aber das Gegenteil ist der Fall. Der „rote Mensch" in uns lebt noch. Dieser innere „rote Mensch" ist, wenn man nach den Bekenntnissen in Ihrem Buch urteilt, ein schwieriges Geschöpf. Ich verteidige ihn nicht. Ich finde nur, dass wir mit unserer Vergangenheit grob umgegangen sind.

Wir haben alles zerstört, ohne ernsthafte Gedanken oder Pläne für die Zukunft zu haben. Ich bin kein Verteidiger der Sowjetzeit, aber ich finde, dass wir zu Unrecht die Wichtigkeit dessen nicht analysiert haben, wofür das Blut geflossen ist.

Mir steht die sozialdemokratische Gesellschaftsordnung näher. Ich habe einige Jahre in Schweden gelebt und habe die Zugänglichkeit vieler Güter, die Kontrolle des Staates und die Gleichheit der Menschen gleichzeitig gesehen. Wäre denn so ein Szenario nicht natürlicher als das, was mit uns passiert ist?

Aber warum ist bei uns plötzlich, aus der Erfahrung des „roten Menschen" heraus, eine so stechende Selbstherrlichkeit entstanden?

Ich denke, dass bei uns das Menschsein kulturell nicht genug bearbeitet wurde. Alle unsere kulturellen Bestrebungen haben sich darum gedreht, wie man, wenn man an die Macht kommt, etwas erreichen kann, aber es wurde nie die Frage nach dem Zustand der eigenen Seele gestellt.

Die hohen Werte, „für die Heimat sterben und sie vor dem Feind beschützen" haben den Alltag nie betroffen. Worin mündet denn unsere zivilgesellschaftliche Energie heute? Im Schutz der Gefühle der Gläubigen? Aber niemand hat doch vor, die Gotteshäuser zu stürmen. In der Diskussion über Homosexuelle? Aber keiner hat einen erwachsenen Menschen seines Rechts beraubt, über sein Leben selbst zu entscheiden. Vielleicht sollte man die zivilgesellschaftliche Energie darauf richten, die gute Nachbarschaft und die Freude am Leben zu lernen?

Wie haben Sie in dem riesigen Chor an Menschenstimmen den Hauptgedanken des Buchs entdeckt, dass wir die „Secondhand-Zeit" durchleben?

Ich schreibe schon 35 Jahre lang an „Der rote Mensch. Stimmen der Utopie", einem riesigen Zyklus aus fünf Büchern. „Secondhand-Zeit" ist nun der Abschluss. Es ist eine Metapher, die unsere Zukunftsunfähigkeit beschreibt.

Wir haben uns für ein neues Leben als untauglich erwiesen, haben dafür weder Kraft noch Ideen, Wünsche oder Erfahrung gefunden. Während der Perestroika schien uns, dass wir ein wenig reden und schon tritt die Freiheit ein. Aber es hat sich herausgestellt, dass die Freiheit eine Höllenarbeit bedeutet.

Aus irgendeinem Grund denken wir immer, dass Blut für ein hohes Ideal fließen muss und dann stellt sich eine gewisse Wahrheit ein und ein neues Leben. Solche Erwartungen gibt es viele in der russischen Literatur. Aber dieses „neue Leben" ist eine langwierige und langweilige Arbeit. Man muss nicht nach Afghanistan fahren oder aufs Dach klettern, um einen Reaktor zu löschen, aber man muss lernen, mit seinem Kind zu reden, sich auf dem Mikrokosmos des menschlichen Lebens konzentrieren, das so lange nicht Mittelpunkt des staatlichen, aber auch des persönlichen Interesses war. Und es wurde klar, dass wir keine Ideen haben.

Stattdessen haben wir begonnen, an den alten Ideen festzuhalten. Die Zeit des Secondhand ist die Zeit des Alten, der alten Vorurteile. Dasselbe Europa wird von Tausenden von kleinen Gruppen bewohnt, die die ganze Zeit besprechen, wie man etwas in der Stadt oder zu Hause verbessern könnte. Wie man mit seinen Kindern umgehen sollte, wie man dem hungernden Afrika helfen kann. Und so, in der Arbeit, erarbeitet man sich eine gewisse Eigenschaft der Seele. Wir haben so was aber nicht. Und alles wird aus irgendeinem Grund sofort in Hass überführt.

Ich muss gestehen, dass es dafür Grund genug gibt. Während der Perestroika sind die Leute nicht auf den Straßen mit Plakaten „Das ganze

Öl an Abramowitsch" herumgelaufen. Es gab ganz andere Wünsche. Aber vielleicht musste man für die Erfüllung dieser anderen Wünsche, wie eine Heldin aus meinem Buch sagt, „auf den Plätzen Tage und Nächte verbringen und die Sache zu Ende führen". Wir waren aber nur dazu imstande, schön zu reden, einander zu gefallen und dann wieder auseinanderzugehen. Und jetzt tun wir auch das, was wir kennen und können. Aber was wir können, ist nur die Zuordnung: „Ist er Feind oder Freund unserer Sache?" Und so denkt das halbe Land.

Wenn wir ein schwieriges Erbe haben und es uns in die gewohnten Muster der Wahrnehmung der Welt und des Handelns hineindrängt, wie kann dann ein anderer, „innerer Mensch" entstehen?

Russland ist groß und es ist hier unmöglich, alles unter Kontrolle zu bringen und die Erfahrung der Freiheit auszubügeln. Es kommen neue Menschen zur Welt. Sie haben Zivilcourage. Die neue Generation hat bereits ganz eigene Vorstellungen von allem. Aber damit die neue Generation mit der harten Arbeit der Freiheitserschließung beginnen kann, muss die Elite, müssen die Intellektuellen anfangen, mit ihnen zu reden. Richtig, heute hören wir die Stimmen von Ulitskaja oder Akunin. Aber in Russland gibt es doch auch so bedeutende Kulturgrößen wie Olga Sedakowa.

Ich bin überzeugt, dass es von ihnen mehr gibt, als wir für gewöhnlich annehmen. Aber sie schweigen. Damit sich das Leben aber verändert, müssen sie sprechen. Ein Nawalny wird unseren „inneren Menschen" nicht verändern. In Gesprächen über Veränderungen muss die kulturelle Elite teilhaben. Sie muss anfangen, sich ihr verlorenes Feld zurückzuerobern. Dann werden nicht nur Worte wiederbelebt, sondern auch Auffassungen und die Ethik.

Mir scheint, dass die Menschen heute bereit für ein Gespräch sind. Die Hoffnungen auf ein leichtes Auftauchen eines neuen Lebens, wie in einem Märchen, sind vorbei. Alle haben begriffen, dass Freiheit nicht wie Schweizer Schokolade importiert werden kann, dass eine Selbstwiederbelebung beginnen muss.

Viele Helden aus meinem Buch dachten, es sei das Wichtigste, die Tür der Freiheit zu öffnen, als Freunde von ihnen für ihre Schriften ins Gefängnis geworfen wurden. Und jetzt, wo diese Türen offen sind, laufen die Menschen in eine völlig andere Richtung: Sie wollen mit Schuhen und Kleidung

versorgt sein, in fremden Ländern Urlaub machen. Und es kommen solche neuen Ideen aus all diesen Angekleideten und aus dem Urlaub Zurückgekehrten heraus! Und wir, ein wenig verdutzt, verstehen, dass wir für diesen Wechsel noch gar nicht bereit sind. Es ist das eine, mit einem Riesenungetüm zu kämpfen und zu siegen, aber etwas ganz anderes, einen neuen Strang von ihm und Hunderte seiner Auswüchse zu entdecken. Das ist in einer gewissen Weise weitaus erschreckender gewesen. Und wir haben nicht die kulturellen Fertigkeiten, damit zu kämpfen.

Doch es sind 20 Jahre vergangen und das Schweigen der Intellektuellen muss beendet werden. Es ist an der Zeit zu reden.

 

Biografie:

Swetlana Aleksijewitsch ist in der Ukraine geboren, zog später nach Belarus. Sie hat ihr Studium an der Fakultät für Journalistik der Belarussischen Staatlichen Universität abgeschlossen und ist Autorin der Bücher „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht", „Zinkjungen", „Im Banne des Todes", „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft", „Die letzten Zeugen" sowie von „Secondhand-Zeit".

Bereits Preisträgerin sowjetischer, russischer und internationaler Preise wurde ihr 2013 auch der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei Rossijskaja Gaseta.   

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