Warum viele russische Bücher werden nicht ins Deutsche übersetzt?

Thomas Wiedling, der Mitbegründer der Literatur-agentur Nibbe & Wiedling, darüber, warum viele Bücher nicht ins Deutsche übersetzt werden.

Thomas Wiedling. Foto aus dem

persönlichen Archiv.

Wo steht die russische Literatur im Jahr 2013?

 Die Rolle, welche die Literatur für die Gesellschaft spielt, hat sich in Russland über die letzten zehn bis 15 Jahre an Westeuropa angenähert. In Deutschland etwa ist die Erkenntnis, dass man mit politischer Literatur die Welt nicht wirklich verändern wird, nicht neu und aus leidvoller Erfahrung entstanden.

In Russland war die Literatur lange eine Instanz, die von der Gesellschaft gefragt wurde: „Was tun? Wer ist schuld?" Heute ist die Situation ähnlich wie bei uns: Ein offener Brief deutscher Autoren zur NSA-Affäre wird genauso viel Resonanz auslösen wie ein Empfang russischer Autoren bei Putin, der sich ihre Äußerungen anhört und dann wieder nach Hause geht. Die Anerkennung eines Autors läuft heute wie überall über literarische Qualität oder Medienhype, nicht aufgrund seiner politischen Meinung.


Welche interessanten literarischen Entwicklungen sehen Sie?

 Ich beobachte mit Interesse die Autoren, die fantastische Elemente in „realistische" Literatur einweben wie Slawnikowa oder Dubovitsky, genauso wie die Geschichten, die reale Ereignisse mit den Mitteln der Fiktion ausfüllen wie bei Matveeva.

Dieser „Mix" ist in der osteuropäischen Literatur sehr beliebt und zu einer gewissen Meisterschaft entwickelt. Deutsche Verlage tun sich schwer damit,

weil die Genres strenger abgegrenzt sind. Dies beginnt schon beim Lektorat: Da ist die Abteilung Fantasy, da ist SF, da ist Gegenwartsliteratur. Das sollte man aufbrechen, weil den Lesern sonst eine besonders reizvolle Art von Literaturerlebnis vorenthalten wird.

 

Wie können sich heute russische Autoren im Ausland bemerkbar machen?

 Präsenz ist das Stichwort. Aus der Entfernung sind Autoren heute für den Menschen, ob Journalist oder Leser, nicht greifbar. Da hilft es, wenn es Aktionen wie die der Frankfurter Buchmesse gibt, die ähnlich wie die Petersburger Messe oder das Goethe-Institut Autoren einlädt und Rundreisen veranstaltet.

Je mehr die Autoren durch Veröffentlichungen dann im Westen präsent sind, umso mehr werden sich auch Medien, Pressestellen und Institutionen um sie kümmern – und diese übernehmen dann auch mit steigendem öffentlichen Interesse Schritt für Schritt die Einladungen.


Halten Sie die erwähnte „Renaissance des Fantastischen" jenseits der „Wächter"- und „Metro"-Geschichten für exportierbar?

 Soweit ich das beobachten konnte, war die Fantastik in Russland schon immer besonders stark, und Sie haben mit Strugatzki, Belyaev und

Jefremow ja einige Namen unter den Begründern der modernen Fantastik. Bis 2010 sind 
Bücher russischer Autoren zur Stalker-Computerspielserie auch in Deutschland erschienen.

Der Blick dieser Fantastik ist vorrangig der auf postapokalyptische Gesellschaften.

Das stimmt. Ich weiß allerdings nicht, ob das als Spiegel der russischen Gesellschaft verstanden werden sollte, weil es auch hierzulande als Genre erfolgreich ist. Den Wunsch, in andere Welten zu gehen, gab es immer schon, sei es durch die Fantasy oder Science-Fiction. Die in den letzten Jahren immer greifbarere Darstellbarkeit solcher Welten im Film hat die Beschäftigung mit dem Genre bestimmt noch verstärkt.

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