Die „roten Schuhe“ des Holocaust

Konstantin Fam ist noch nicht lange als Kinoregisseur tätig, doch mit seinem meisterhaften Kurzfilm „Rote Schuhe“ feiert er in Europa große Erfolge. Auf leise und subtile Weise verarbeitet er das in Russland noch weitgehend tabuisierte Thema des Holocausts.

  

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Konstantin Fam ist jemand, den vor Kurzem außer einem kleinen Kreis von Fachleuten nur sehr wenige kannten, da er in der großen Kinowelt als Regisseur noch nicht lange tätig ist. Erst im vergangenen Jahr hat er auf europäischen Festivals einen Preis nach dem anderen abgeräumt. Heute sind seine „Roten Schuhe“ gemeinsam mit Fjodor Bondartschuks „Stalingrad“ auf dem Weg zur Oscar-Verleihung.

Der Kontrast zwischen den beiden Filmen fällt sofort auf: eine wilde Schießerei mit ultramodernen Spezialeffekten und eine tragische, 18 Minuten lange Geschichte über den Holocaust, die weder Gesichter zeigt noch einheitlich gesprochenen Text aufweist. Das Einzige, das den ganzen Film lang gezeigt wird, sind rote Stöckelschuhe. Doch das wirkt auf die Zuschauer stärker als jeder Action-Film, der unzählige Millionen gekostet hat. Es sieht so aus, als könnte man über den Krieg auch auf diese Weise erzählen: mit gedämpfter Stimme, einfach und weise.

Fam versteht es, einfache Geschichten zu erzählen, da er selbst eine, wenn auch nicht einfache, Geschichte zu erzählen hat. Seine Mutter ist Jüdin, sein Vater stammt aus Vietnam – eine geladene Mischung. Einer seiner Großväter kam in Vietnam um, der andere ist im Krieg spurlos verschwunden, eine seiner Großmütter hat die Besatzung überlebt – hinter seiner Geschichte verbirgt sich eine Familientragödie. „Meine Mutter erzählte mir davon, wie sie auf den Feldern nach gefrorenen Kartoffeln suchten, wie sie an Hunger litten und an Türen klopften, die Menschen sie aber nur als jüdischen Abschaum bezeichneten und draußen in der Kälte stehen ließen. Der Krieg war grundsätzlich eine Tragödie, doch für die Juden war er eine umso größere.“

Ein Meisterwerk, das zu Tränen rührt

Konstantin Fam drehte sein ganzes Leben lang, zumindest versuchte er es. Er hat schon vieles gedreht: Kurzfilme, Serien, Werbespots und anderes. Doch nichts davon deutete auf seinen Erfolg hin, den er nach dem Dreh von „Rote Schuhe“ erzielte – was im Kontext des einen, rein jüdischen Themas auch schwer zu erklären ist.

Im Film passiert für einen Film mit Kriegssetting eigentlich nichts Spektakuläres. Es wird gezeigt, wie sich eine junge Frau ihre langersehnten Stöckelschuhe kauft, sich verliebt, heiratet und Kinder bekommt. Die Geschichte erzählt von einem gewöhnlichen Ehepaar, allerdings einem sehr glücklichen. Bald bricht jedoch der Krieg aus und das von ihnen erlebte Glück wird mit einem Schlag zerschmettert. Jedes Glück sollte in diesem Krieg vernichtet werden. Die letzten Filmszenen zeigen folgende Bilder: Die Türen der Gasöfen fallen zu, draußen sieht man die düsteren Umrisse der Lagerbaracken und einen Berg mit Schuhen, die niemand mehr tragen wird.

Einige wenige Zuschauer zucken mit den Achseln, andere langweilen sich – die meisten jedoch, die sich Fams Meisterwerk ansehen, weinen.

„Vor etwa acht Jahren bin ich nach Auschwitz gefahren“, erinnert sich der Regisseur. „Zwei Stunden lang war ich total hysterisch. Ich konnte mich nicht beruhigen. Wenn man dort die kleinen Kinderstiefel gesehen hat, dann kann man nicht begreifen, wie so etwas passieren konnte. Ich habe fünf Kinder und fahre mit ihnen jedes Jahr nach Auschwitz, wo ich ihnen von den schrecklichen Dingen erzähle. Ich weiß, dass das kein positiver Ort für Kinder ist, doch man muss das einfach sehen, ansonsten wird man etwas Wichtiges im Leben nicht verstehen können und falsche Akzente setzen.“

Der Regisseur Konstantin Fam. Foto: Pressebild

Konstantin Fam empfiehlt auch seinen Freunden, ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zu fahren. Einer von ihnen besuchte Auschwitz während seiner Hochzeitsreise durch Europa und rief ihn direkt nach dem Besuch an. Am Telefon meinte er, dass er vor dem Schaufenster eines Geschäftes stünde und rote Stöckelschuhe sähe, eben solche, wie er zuvor in dem Riesenberg an Schuhen im Konzentrationslager gesehen hätte. So entstand die Idee zum Film.

Einen Monat später fuhr Konstantin Fam bereits nach Polen, um eine Erlaubnis für die Dreharbeiten einzuholen. Zuerst fuhr er ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, dann ins Konzentrationslager Majdanek und anschließend ins Krakauer Getto, wobei er alle Filmszenen in einem kleinen Hotel niederschrieb, das direkt an eines der Konzentrationslager angrenzte und von dessen Fenster aus man unmittelbar auf die Leichenhalle des Lagers blicken konnte. Fam drehte auch in Prag, Weißrussland und Paris. „Ich habe es bewusst so gemacht, dass man nicht weiß, wo sich die Protagonisten befinden. Es ist die Geschichte ganz Europas und nicht nur die eines bestimmten Landes.“

Eben aus diesem Grund werden im Film auch keine Gesichter gezeigt. Würde man die Kamera heben und das Gesicht der Protagonistin zeigen, würde die Geschichte sofort persönlich werden. Bei dem Film handelt es sich aber auch nicht um einen Kunstfilm, sondern um eine Arbeit, welche die Position des Regisseurs widerspiegelt. Mit Mitteln der Kinematografie schuf Konstantin Fam einem unbekannten Soldaten, genauer gesagt, einem unbekannten Opfer des Holocausts, ein Denkmal. Und das Publikum spürt das: Nach der Vorstellung herrschte eine Minute lang Stille im Saal. Erst dann standen alle auf.

Großer Erfolg in Deutschland, Zurückhaltung in Russland

„Als ich den Film meinen deutschen Partnern in Nürnberg, die Kontakte zu schulischen Einrichtungen haben, zeigte, meinten sie, dass es eine wunderbare Gelegenheit wäre, ein pädagogisches Konzept zum Film zu entwickeln und so auf eine neue Art und Weise mit den Schülerinnen und Schülern über den Holocaust ins Gespräch zu kommen. Auch politisch sei der Film im Sinne der Erinnerungsarbeit der Stadt Nürnberg“, erzählt der Regisseur.

In Russland stieß Konstantin Fams Projekt jedoch eher auf Zurückhaltung. Was auch verständlich ist, wenn man bedenkt, dass in den vergangenen Jahren in diesem großen Land gerade einmal zwei Filme auf die Kinoleinwand kamen: „Holocaust – ist das nicht ein Tapetenkleister“ von Mumin Schakirow und „Kleine Schuhe“.

„Mir scheint, sie haben Angst davor“, meint Fam. „Dieses Thema stellt die Menschen nicht gerade im besten Licht dar. Doch um mehrere Millionen Juden zu töten, reicht die Gestapo alleine nicht aus. Sicher ist es toll, der Enkel eines Helden zu sein. Die Menschen empfinden auch Mitleid für die Familien der Opfer. Doch der Nachfahre eines moralisch verkommenen Menschen zu sein? Als ich begriff, dass die Schergen und Denunzianten alle Enkel hatten und dass diese neben mir lebten, überkam mich ein wirklich beängstigendes Gefühl. Ich wuchs in einem kleinen Dorf in der Ukraine auf. Als Kind achtet man nicht so auf gewisse Dinge, später aber begreift man, dass man selbst keine Großeltern mehr hat, bei vielen anderen Kindern diese aber noch alle leben. Aus irgendeinem Grund verhielten sich diese dann auch noch aggressiv und herrenhaft. Und du fragst dich: Warum wohl?“


„Es geht aber nicht um Antisemitismus, glauben Sie mir“, so der Regisseur weiter und versucht eine Erklärung: „In Russland, so scheint es mir, mag man einfach das Andere, das Fremde nicht. So ist es bedeutungslos, ob es nun Juden sind  oder eine andere Bevölkerungsgruppe: Homosexuelle, Dissidenten oder Intellektuelle. Es geht um den imperialistischen Hintergrund, den Drang zu dominieren und sich selbst als den Stärksten zu erachten. Solange man sich seine Schwächen und Fehler nicht eingesteht, kann man diese nicht bewältigen.“

Als ich den Film meinen deutschen Partnern in Nürnberg, die Kontakte zu den schulischen Einrichtungen haben, zeigte meinten sie, dass es eine wunderbare Gelegenheit wäre ein pädagogisches Konzept zum Film zu entwickeln und so auf eine neue Art und Weise mit den Schülerinnen und Schülern über Holocaust ins Gespräch zu kommen. Auch politisch soll der Film im Sinne der Erinnerungsarbeit der Stadt Nürnberg sein. 

„Es entstand auch die Idee, die Deutschlandpremiere in Nürnberg, womöglich sogar auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände  –  dem internationalen Symbol für die Rassengesetze – stattfinden zu lassen“, führt Fam weiter aus. „Für mich wäre das sogar wichtiger, als den Film auf der breiten Bühne zu präsentieren. Genau ein solches Schicksal wünsche ich meinem Film.“

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