Moskaus Magischer Ring – die älteste Kneipentour Moskaus

Foto: Ruslan Suchuschin

Foto: Ruslan Suchuschin

Die Tradition, nach russischer Art zu trinken, verschwindet immer mehr. Von vielen als das übelste Laster und zugleich die größte Tugend der Nation gesehen, hat Russland HEUTE die ältesten Kneipen Moskaus besucht – Lokale, die man in den besten Reiseführern nicht findet.

Ein besonderes Merkmal russischer Kneipen ist, dass es schwierig ist, ein wirklich passendes deutsches Wort zur Beschreibung zu finden. Zur Zarenzeit, als die Alkoholproduktion einem staatlichen Monopol unterlag, konnte man Weine und Spirituosen in eigenen Kneipen, sogenannten „kabaki“, kaufen.

Da hier oft viele Menschen allein zum schnellen Rausch antrinken herkamen, haben sich diese nie als gemütliche Lokale für Stammtischtreffen wie in irischen oder englischen Pubs entwickelt. Darüber hinaus waren sie keine üblichen Lokale für Russen aus der Mittelschicht, diese bevorzugten eher von Ausländern geführte Restaurants mit einem entsprechend höheren Preisniveau.

 Nach der Oktoberrevolution wurden die meisten Lokale wegen des damals eingeführten Alkoholverbots geschlossen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg tauchten kleinere Trinkstuben wieder auf, sogenannte „pivnye“ (zu Deutsch: „Bierstuben“) oder „rjumotschnaja“, was am ehesten als „Stube, wo Schnaps serviert wird“ übersetzt werden kann. Sie vereinten Bar und Café, da ihre Getränke- sowie Speisekarten einerseits Spirituosen und Bier beinhalteten, andererseits auch kleine Häppchen wie eingelegtes Gemüse, belegte Brote und „Herring Canapés“ (Dosenheringe auf Roggenbrot). 

In dieser Art von Lokalen waren Russen aus allen sozialen Schichten anzutreffen, wofür sich mehrere Gründe nennen lassen. Erstens baten die Trinkstuben ihren Alkohol gläserweise an, da zu dieser Zeit Wodka sehr teuer war und sich nicht jeder eine ganze Flasche leisten konnte.

Der zweite Grund bestand darin, dass man den Alkohol zu Hause auch in Portionen nicht immer genießen konnte – die aufgebrachte Ehefrau oder die lästigen Nachbarn waren stets dazu bereit, einen als Alkoholiker oder als jemanden, der nicht dem Idealbild des sowjetischen Staatsbürgers entsprach, an den Pranger zu stellen. Damals wohnten viele in Gemeinschaftswohnungen, wo unerwarteter Besuch von Nachbarn unvermeidbar war.

Eine Rjumotschnaja war eben ein Ort, an dem die Menschen auf der sozialen Leiter gleichauf waren: Dort konnte man an einem Tisch sowohl einfache Arbeiter als auch hohe Regierungsbeamte antreffen, die zuerst gemeinsam anstießen und später wieder ihrer Wege gingen. Und das war der dritte Grund, warum man dort Russen verschiedener sozialer Schichten antraf: Diese Lokale lagen nämlich für viele oft auf dem Heimweg von der Arbeit, sodass niemand einen Umweg machen musste, wenn er vor einem gemeinsamen Abend mit Ehefrau und Kindern noch einen doppelten Wodka kippen wollte.

Die meist nach wenigen Stunden überfüllten Lokale verfügten für gewöhnlich über keine Sitzmöglichkeiten, sondern nur Stehtische. Die meisten dieser kleinen Kneipen sind heute geschlossen, da sich die Mittelklasse-Restaurants in der Hauptstadt besser etabliert haben. Doch diejenigen, die übrig blieben, haben es zu beträchtlicher Beliebtheit und einem Kultstatus in der Metropole gebracht.

So gibt es derzeit in der Hauptstadt noch etwa zehn solcher Lokale, welche Moskaus „magischen Ring“ bilden und sich aufgrund ihrer doch recht weiten Entfernung zueinander bestens für eine Wochenendkneipentour eignen. Russland HEUTE stellt die vier bekanntesten Kneipen vor.

„Druschba“

 In der sich am Platz Sucharewskaja ploschad, unter einem unauffälligen Schild mit der Aufschrift „Druschba“ („Freundschaft“), befindlichen Kneipe kann man ein in ganz Russland bekanntes, jedoch nicht hier entstandenes Ge

richt probieren: sogenannte Tschebureki. Die Teigtaschen, mit Hackfleisch und kochender Brühe gefüllt sowie in Öl gebraten, sind eigentlich ein türkisches Gericht und werden gerne als Appetithäppchen zu Wodka serviert.

In der Kneipe, genauer in einem Raum, der mit gedämpftem Licht ausgeleuchtet ist, beginnt die Warteschlange an der Theke oft schon am Eingang. Denn das Sortiment bietet neben dem einzigen Gericht vor allem verschiedenste Sorten Alkohol. Die Kellner haben auch nichts dagegen, wenn die Gäste ihren eigenen Wodka mitbringen, um ihr Bier damit zu versetzen und sich somit einen traditionellen sowjetischen Cocktail, den „Jorsch“ („Kaulbarsch“), zu mixen – dieser hat schon mehr als nur ein Leben ruiniert.

„Aist“

Foto: Ruslan Suchuschin

Gut 40 Minuten Gehweg von der Druschba entfernt, versteckt zwischen einem Pub und einem Schnapsladen am Slawjanskaja ploschad nahe der U-

Bahnstation Kitaj-Gorod, liegt die Cafeteria Aist („Storch“). Tagsüber ist der Stadtteil voll mit Büroangestellten und nachts mit Clubbesuchern, da sich in der naheliegenden uliza Soljanka und uliza Marosejka einige der bekanntesten Clubs der Stadt befinden.

Doch die Gäste der Kneipe sind nicht die feierwütige Jugend, ganz im Gegenteil: Die meisten Besucher hier sind in ihren Fünfzigern und kennen den „Storch“ schon seit Sowjetzeiten.

Das Lokal hat bis heute noch seine träge Atmosphäre aus Breschnews Zeit der Stagnation beibehalten, als das Aist oft von hohen Regierungsbeamten besucht wurde. Die hohen Gäste kamen von der gegenüberliegenden Seite des Platzes, wo sich ein altes Jugendstil-Gebäude befindet, das einst als das Hotel Bojarskaja gostinica bekannt war und Mitglieder des Zentralkomitees der kommunistischen Partei beherbergte.

Derzeit sitzt die russische Präsidialverwaltung in dem historischen Gebäude, sodass immer noch wichtig aussehende ältere Männer in Anzügen nach 18 Uhr hierher kommen, wenn die Abendsonne hinter dem Kreml versinkt und mit ihrem Licht den 15 Meter hohen Raum in goldigem Licht erstrahlen lässt. Unter den hier angebotenen Gerichten sollte man auf jeden Fall die Spezialität des Hauses probieren: die Ostankino-Würstchen, die immer frisch sind und mit Erbsen als Beilage serviert werden.

„Wtoroe Dychanie“

Foto: Ruslan Suchuschin

 Wenn man plant, eine typische Trinkstube zu besuchen, sollte man unbedingt einen Drink in der Kneipe Wtoroe Dychanie („Zweiter Wind“) zu sich nehmen. Es handelt sich dabei um einen Keller, der den Begriff des Schäbigen neu definiert und nur einen Katzensprung von der U-Bahn-Station Nowokusnezkaja entfernt ist. Genauer findet man das Lokal am Pjatnizkij pereulok, wo man unter einem gelben Schild eine Treppe hinunter zu einem Keller steigt, in dem sich ein kleiner Raum mit hohen Metalltischen, antikem Schmutz und Aschenbechern aus Blechbüchsen – das Rauchen ist hier erlaubt – befindet.

Die Bartheke ist mit Kopien alter, sowjetischer Postkarten mit Anti-Alkohol-Bannern geschmückt. Hinter der Theke steht eine Bardame, eine verblüffend schöne Frau, die den Kontrast zur Innenausstattung perfekt macht und mit jedem Glas nur noch schöner wird...

Die Klientel ist ebenfalls verblüffend – hierher kommen viele nostalgische Intellektuelle, die sich gerne an ihre Jugendzeiten erinnern, Studierende, Musiker, aber auch manchmal der eine oder andere Alkoholiker.

„Nikitskaja“

Foto: Ruslan Suchuschin

Im Gegensatz zu den vorherigen Orten hat dieses Lokal keinen richtigen Namen, weswegen er auch nach seiner Lage in der Bolschaja Nikitskaja uliza 22/2, an der Kreuzung zur Sackgasse Chlynowskij tupik, benannt wurde.

Zu Sowjetzeiten gab man dieser Trinkstube den Beinamen „Hoochie Coochie Man“, da sie zu einem Treffpunkt für Moskauer Hippies und Liedermacher geworden war. Bis heute ist das Lokal besonders zu Mittag

ein beliebter Treffpunkt für Studenten der Musikhochschule, da man hier nicht nur alkoholische Getränke bekommt sondern auch köstlich zubereitetes russisches Essen. 

Die Trinkstube kann sich zudem mit prominenten Gästen rühmen: Vor der großen Revolution gastierte hier der berühmte Schauspieler Konstantin Stanislawskij, der unweit der Kneipe wohnte. Zu Sowjetzeiten war auch Wladimir Wysotskij, Schauspieler und Sänger, ein gern gesehener Gast. Er lieh dem Personal oft Geld, damit es sich Getränke und Essen kaufen konnte. Darüber hinaus lassen sich hier von Zeit zu Zeit andere bekannte Schriftsteller und Künstler blicken. Das ist daran zu erkennen, dass an einem Tisch stets ein Kärtchen mit der Aufschrift „Reserviert“ steht – geradezu unerhört für ein Lokal dieser Klasse. Doch der Ehrengast ist der Schriftsteller Wladimir Orlow, der sich in der kleinen Kneipe immer wieder inspirieren lässt und sie deswegen in seinen Romanen mehrmals als „Kochtopf “ erwähnt hat.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland