Die Angst des deutschen Verlegers vor dem russischen Flop

Foto: Pressebild

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Ein Buch zu veröffentlichen und bereits im Vorfeld zu wissen, dass es beim Leser gut ankommt, ist unmöglich. Besonders hoch scheint das Risiko, wenn es aus der Feder eines Russen stammt.

Dostojewskis Raskolnikow, Gontscharows Oblomow und Tolstois Anna Karenina – sie alle haben nicht nur in der russischen 
Literaturgeschichte tiefe Spuren hinterlassen. Auch heutzutage begegnet man kaum jemandem, der nicht zumindest einige der ganz großen Namen schon einmal gehört hat. Selbst in einer Zeit schwindender Leserschaft lässt sich der deutsche Leser nur allzu gern von russischen Klassikern in die Vergangenheit versetzen. Nicht ohne Grund erschien 2012 bereits die achte deutsche Übersetzung von Iwan Gontscharows „Oblomow“, vorbildlich herausgegeben und neu übersetzt von Vera Bischitzky. Die Fußstapfen, in die die russische Gegenwartsliteratur zu treten versucht, sind groß. Und der Weg zum Erfolg ist oft sehr steinig.

Russische Literatur der Gegenwart – das Sorgenkind des Verlagswesens

„Um die Aufmerksamkeit des deutschen Lesers zu wecken, muss ein russisches Buch vor allem eins sein – gesellschaftskritisch“, weiß Marlies Jahnke, Lektorin beim Aufbau Verlag in Berlin. Russland scheint noch immer das weit entfernte Land zu sein, das kein Mensch richtig versteht – im Angesicht aktueller politischer Entwicklungen durchaus verständlich. Kein Wunder also, dass die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen 
Fragen nicht zuletzt auch in der Literatur seinen Ausdruck finden soll. Nicht umsonst werden Autoren wie Ljudmila Ulizkaja in Deutschland gern gelesen und ihre Werke intensiv diskutiert. „Natürlich schafft es die zeitgenössische russische Literatur auch mal bis ganz nach oben. Insgesamt aber sind die Verkaufszahlen leider sehr schlecht“, erklärt Marlies Jahnke. Manchmal ist – überraschenderweise – selbst die politische Relevanz eines Autors nicht ausreichend: Sachar Prilepin, ein in Russland politisch aktiver und einflussreicher Autor, verkauft sich in Deutschland nur schleppend. Die Angst vor einem Flop lässt Verlage davor zurückschrecken, das Wagnis einzugehen, russische Bücher in ihr Programm mit aufzunehmen. Die Kosten für die Übersetzung sind hoch – das Risiko dagegen unkalkulierbar. Da hilft oft nur eine Förderung durch Literaturstiftungen und -institutionen.

Rettungspaket für Verlage und Übersetzer

Seit 2011 bietet das Moskauer Institut für Übersetzung Finanzierungshilfen für belletristische Projekte an. Mit einem Förderprogramm werden Übersetzer aus dem Russischen sowie Verlage, die russische Literatur publizieren, bei ihrer Arbeit unterstützt. Die auf Antrag erteilten Zuschüsse sollen deutschen Verlagen und Übersetzern als Ansporn dienen, sich der russischen Literatur anzunehmen, erklärt der 
Direktor des Instituts Jewgenij Resnitschenko: „Es ist eine große Herausforderung, ein russisches Werk in Deutschland zu veröffentlichen. Die wenigen Verlage, die sich dessen annehmen, gehen ein hohes Risiko ein. Unser Förderprogramm bietet ihnen die Sicherheit, dass zumindest die Ausgaben für die Übersetzung gedeckt sind.“

Dabei hat gerade die Qualität der Übersetzung grundlegende Bedeutung für die Rezeption eines Buches. Die Förderung sei deshalb auch mehr als notwendig, findet die mehrfach ausgezeichnete Übersetzerin Vera Bischitzky: „Die Arbeit des Instituts für Übersetzung in Moskau und anderer russischer Stiftungen ist nicht hoch genug einzuschätzen. Sie ermöglichen es, dass auch Bücher erscheinen können, an die sich die deutschen Verleger ohne finanzielle Förderung nicht wagen würden.“

Tatsächlich scheint es, als hätten viele russische Titel sonst keinerlei Chancen auf dem deutschen Buchmarkt, bestätigt Übersetzerin Martina Jakobson: „Alle Bücher, die ich bisher übersetzt habe, konnte ich nur mithilfe dieser Förderung realisieren.“ Realisiert wurde auch ihr letztes Projekt, eine Übersetzung von Gedichten Tarkowskijs („Reglose Hirsche“) mit Unterstützung des Instituts für Übersetzung.

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