Der ganze Tolstoi auf einen Klick

Lew Tolstoi verfügte, dass seine Werke allen Menschen gehören sollten. Foto: Vostock-Photo, Kollage bei Andrej Schimarski (Russland HEUTE)

Lew Tolstoi verfügte, dass seine Werke allen Menschen gehören sollten. Foto: Vostock-Photo, Kollage bei Andrej Schimarski (Russland HEUTE)

46 000 Seiten Tolstoi gibt 
es demnächst im Netz zum Herunterladen. Auf einen Klick und kostenlos.

An der Digitalisierung des dichterischen Werks von Lew Tolstoi waren freiwillige Helfer aus den USA, Deutschland, Brasilien und Argentinien beteiligt.

Am 9. September, dem Vorabend des 185-jährigen Geburtstags von Lew Tolstoi, startete das Internetportal www.tolstoy.ru, ein Gemeinschaftsprojekt des Lew-Tolstoi-Museums und des Staatlichen Museums und Landguts „Jasnaja Poljana". In dem Portal wird zum ersten Mal eine elektronische Version der 90-bändigen Gesamtausgabe des Schriftstellers vorgestellt, an der im Rahmen des Crowdsourcing-Projekts „Der ganze Tolstoi auf einen Klick" gearbeitet wird. Das Projekt begann im Juni 2013 in Zusammenarbeit mit der russischen Firma ABBYY, die ersten Bände liegen bereits in den Formaten PDF, fb2 und ePub vor und können kostenlos heruntergeladen werden.

Für das Digitalisierungsprojekt wurden auch freiwillige Helfer ins Boot geholt. Und nicht nur Russen aus 252 Städten beteiligten sich am Lesen von Tolstois Werken, sondern die ganze Welt: Ukrainer, Weißrussen, Kasachen, US-Amerikaner, Deutsche und sogar Brasilianer, Argentinier,

Neuseeländer, Peruaner und Thailänder. Insgesamt arbeiteten Tolstoi-Verehrer aus 49 Ländern mit. Nach nur zwei Wochen hatten sie alle 90 Bände (46 000 Seiten) gelesen.

„Wir hätten nie mit so einer massiven Unterstützung gerechnet", sagt Fjokla Tolstaja, eine Ururenkelin des Schriftstellers und Leiterin der Entwicklungsabteilung des Tolstoi-Museums. „Wir waren überzeugt, dass ein paar Leute uns nach Kräften unterstützen und uns irgendwie behilflich sein würden, aber auch, dass wir die Hauptarbeit selbst stemmen müssen. Wie groß war da unsere Überraschung, als klar wurde, dass die Helfer in zwei Wochen eine Arbeit vollbrachten, für die normalerweise Jahre draufgehen."

Tolstoi verfügte, dass seine Werke allen Menschen gehören sollten. Also wurde zwischen 1928 und den 1950er-Jahren in der Sowjetunion seine 90-bändige, nach heutigem Kenntnisstand so gut wie vollständige Gesamtausgabe herausgegeben – die Hälfte der Bände machen seine Briefe und Tagebuchaufzeichnungen aus.

Die Tolstoi-Forschung in Russland ist in einer paradoxen Situation. Man kennt ihn, aber man kennt ihn auch wieder nicht. Einerseits galt und gilt

Tolstoi als literarisches Genie. Seine Bücher zieren die Klassikerabteilung jeder beliebigen Buchhandlung in Russland, seine Porträts, Zitate und Titel sind allgegenwärtig. „Schaut man aber genauer hin", so Galina Alexejewna, stellvertretende Direktorin der Forschungsstelle am Museum „Jasnaja Poljana", „muss man feststellen, dass in wirklich hohen Auflagen nur ganze sieben Bücher erscheinen, die freilich Bestsellercharakter haben: ‚Krieg und Frieden', ‚Anna Karenina', ‚Auferstehung', die Trilogie ‚Kindheit, Knabenjahre, Jugendzeit', ‚Hadschi Murat' – und das war's im Großen und Ganzen." Mehr als 80 Prozent von Tolstois Werk wird somit so gut wie nicht wahrgenommen, bleibt der Masse der Leser verschlossen.

Dazu gehören auch seine kirchenkritischen Schriften, insbesondere das berühmte Traktat „Worin mein Glaube besteht?", nach dessen Erscheinen Tolstoi aus der Kirche ausgeschlossen wurde. Seit Beginn der Perestroika, also seit 
20 Jahren, wurde das Traktat in Russland nicht mehr neu aufgelegt – ebenso wenig wie andere kirchenkritische, politische und philosophische Schriften des Dichters.

Genau hier setzt das Digitalisierungsprojekt „Tolstoi auf einen Klick" an: Forscher und Literaturliebhaber sollen den Zugriff auf sämtliche Werke des Dichters bekommen, nicht nur auf seine bekanntesten. Schon jetzt haben die freiwilligen Tolstoi-Forscher viel Neues entdeckt und bleiben mit Feuereifer bei ihrer Arbeit.

Es mag seltsam erscheinen, dass als Grundlage der elektronischen Version die 90-bändige Tolstoi-Gesamtausgabe dient, stammt sie doch aus Sowjetzeiten mit der entsprechenden ideologischen Auslegung. Vor zehn

Jahren begann man in Russland mit der Arbeit an einer neuen 100-bändigen Ausgabe, die vom Maxim-Gorki-Institut für Weltliteratur besorgt wird. Bis jetzt sind erst zehn Bände aufbereitet. „Sie haben viel Zeit", witzeln die Projektbeteiligten, „aber bis wir auf die restlichen 90 Bände gewartet haben, sind wir grau geworden."

Die elektronische Version des 90-bändigen Werks wird nach und nach ins Portal gestellt. Heute kann man auf www.tolstoy.ru bereits die ersten drei Bände lesen. Die restlichen werden im Laufe der nächsten Jahre erscheinen. Im Portal sind auch wissenschaftlich fundierte Informationen über Leben und Werk des Schriftstellers zu finden, und erstmalig werden umfangreiche Archivmaterialien veröffentlicht: Fotografien, Werkillustrationen, Audio- und Videoaufzeichnungen.