Krasnojarsker Buchmesse: Sibirien feiert das Lesen

Zum siebten Mal trafen sich Verleger, Autoren und interessierte Besucher zur Buchmesse der Buchkultur in Krasnojarsk. Schwerpunkt in diesem Jahr war die Übersetzung russischer Texte in fremde Sprachen.

Foto: Alexandra Gusewa

Krasnojarsk wurde erst vor fünf Jahren zu einer Millionenstadt. Die Holzbauten aus dem 19. Jahrhundert mit ihren überlebensgroßen Toren und handgeschnitzten Fensterläden sind hier Nachbarn von stalinistischen, bunten Häusern, Stadien und Neubauten. Die Straßen sind nicht sehr belebt. Die staubige und trockene Luft scheint an einer Stelle zu stehen und nur der mächtige Jenissei-Fluss jagt sie manchmal von einem Ufer zum anderen.

Und plötzlich zog in diese sibirische Stille der Wind des kulturellen Wandels, der beinahe alle Krasnojarsker zur Messe der Buchkultur versammelt, die dieses Jahr nun schon zum siebten Mal stattfindet.

Zum Highlight der Veranstaltung wurde der Amerikaner Ian Frazier, der Sibirien im Winter und im Sommer kreuz und quer bereiste und das Buch „Reisen durch Sibirien" schrieb: Das Treffen mit ihm war sofort ausverkauft. Frazier wiederholte mehrfach, dass die Sibirier gar nicht so rau sind, wie man es ihnen nachsagt. „Sie sind sehr freundlich und neugierig, jeder wollte sich mit mir unterhalten", erzählte der Schriftsteller.

Im Ausland gebe es gar keine Vorstellungen darüber, was Sibirien darstellt, außer, dass es dort kalt sei und es viele Gefängnisse gebe. Frazier glaubt: „Wenn man über die vielzähligen interessanten Aspekte von Sibirien erzählen möchte, muss man zuerst die Stereotypen zerstören, die ihm anhaften und genau erklären, was der Jenissei und der Baikalsee sind und wie schön es dort ist."

 

Das Übersetzen stand im Fokus

Doch der Amerikaner stand nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit der Messe, die von der Prochorow-Stiftung organisiert wurde. Viele Veranstaltungen und Präsentationen der Messe drehten sich um das Problem der Übertragung von geschriebenem Wort in andere Sprachen.

Ein Workshop für Übersetzer aus dem Deutschen, der parallel zur Buchmesse in der Stadt stattfand, präsentierte den Messebesuchern seine Ergebnisse: Übersetzungen von kurzen literarischen Texten. Dieser Workshop wurde zum Auftakt des Programms „Transkript", das der Mitbegründerin der Stiftung Irina Prochorowa zufolge zum Ziel hat, die russische Literatur im Ausland populärer zu machen.

Der größte Teil des Kulturprogramms der Messe beschäftigte sich mit der Übersetzung von Lyrik, der generell schwierigsten Disziplin in der Übersetzungskunst. Zur Besprechung der Gedichte von Alexej Parschtschikow kamen seine Übersetzer ins Englische und Deutsche, die Dichter Eugene Ostashevsky (New York) und Hendrik Jackson (Berlin),

nach Krasnojarsk. Sie diskutierten das Werk des früh verstorbenen Dichters mit seinen Kollegen, Freunden und Bewunderern, und Jackson las seine Übersetzungen.

In Krasnojarsk bekamen auch die jungen Lyrikübersetzer das Wort. Sie präsentierten ihre Gedichtexperimente und stellten verschiedene Übersetzungsvarianten derselben Gedichte vor. Während der Museumsnacht, eines weiteren Programmpunkts der Messe, der zusammen mit dem Museumszentrum von Krasnojarsk veranstaltet wurde, stellten die jungen Dichter textbezogene Videodarstellungen vor. „Die Dichtung trifft heute auf andere Arten der Kunst. Wir versuchen, ihre Vielschichtigkeit und die mögliche Mehrdeutigkeit der Übersetzungen aufzuzeigen sowie die Doppeldeutigkeit des Originalwerks zu bewahren", sagt der Dichter Nikita Safonow.

In Krasnojarsk fühlte man keine Besorgnis darüber, dass es das Buch einmal nicht mehr geben könnte und alles ins Digitalformat übergeht.

„Der Tod des gedruckten Buchs wird nicht so bald eintreten", glaubt Irina Prochorowa. „Wir haben keinen Mangel an guten Büchern, sondern ein Problem mit der Verbreitung. Die Krasnojarsker Messe der Buchkultur ist vor allem wichtig, um gute Bücher in die Regionen zu bringen." Als bildliches Beispiel dienten dazu die Tag für Tag leerer werdenden Regale und die Besucher, die die Stände mit zufriedenem Ausdruck auf den Gesichtern und Taschen voller Bücher in beiden Händen verließen.

 

Seminar „Translit": Deutsche Dichtung auf Russisch

Das Goethe-Institut und die Prochorow-Stiftung führten in Krasnojarsk das erste Seminar des Projekts „Translit" durch. Ziel des Projekts ist es, Übersetzer der deutschen Sprache in den Ländern Osteuropas und

Zentralasiens zu unterstützen.

Die Präsentation der Ergebnisse fand auf der Buchmesse statt. Irina Prochorowa klagte: „Nach dem Krieg hörten die Menschen auf, Deutsch zu lernen, und es kam zu einem furchtbaren Mangel an guten Übersetzern. Die Situation hat sich seitdem kaum verändert." Die Stiftung hat auch früher Stipendien zur akademischen Mobilität für junge Menschen, für Reisen zu Bildungszwecken innerhalb Russlands und ins Ausland vergeben. Das neue Projekt „Transkript" ist eine weitere Stufe zur Herausbildung einer neuen Schule der Übersetzung.

Es sei kein Seminar mit dem Ziel der Aufklärung gewesen und es habe auch nicht der Aufmerksamkeitserhöhung gedient, wie eine der Organisatoren, die Übersetzerin und Professorin Irina Aleksejewa, sagt: „Wir haben eine strenge Selektion betrieben: Wir wollten nur die, die ihr Leben tatsächlich der Übersetzungstätigkeit widmen wollen. Die gute Kenntnis der deutschen Sprache war noch nicht einmal ein Hauptkriterium – wir haben angenommen, dass das in jedem Fall vorhanden ist."

Rosmarie Tietze, die russische Literatur ins Deutsche übersetzt – unter ihren Arbeiten sind Übersetzungen von Pasternak, Tarkowskij,

Petruschewskaja und Leo Tolstoi – erklärte die Wahl der Stadt für das Seminar: „Wir haben Krasnojarsk ausgewählt, weil es das sibirische Literaturzentrum ist und weil es hier wunderbare Autoren gibt."

Vier Tage lang übersetzten ungefähr 30 junge Übersetzer unter der Leitung von Irina Aleksejewa und Rosmarie Tietze Texte von deutschen Schriftstellern in die russische Sprache. Irina Aleksejewa zufolge war „das Schwierigste die Übersetzung der einfachen Tätigkeiten, wie ‚er hob die Hand' oder ‚er schaute über das Klavier, ohne den Kopf zu heben'". Aljona Petrakowa, eine Lehrerin aus Krasnojarsk, sagte: „Das Schwierigste war nicht die Übersetzung selbst. Wir mussten Unstimmigkeiten im Text finden, die der Autor absichtlich als Kunstgriff eingeführt hatte. In solchen Fällen hilft eine Unterhaltung mit einem Muttersprachler ungemein, und Frau Tietze hat uns sehr geholfen."

Im Ergebnis gab es schließlich keine besseren und schlechteren Übersetzungen, sondern vielzählige Varianten der „Natürlichen Geschichte" von Thomas Bernhard.

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