Pelewin schreibt sich an das T wie Tolstoi heran

Der Gigant des russischen Realismus, Lew Tolstoi, eckte stets an wegen seiner pazifistischen, antiklerikalen und anarchistischen Ansichten. So auch beim Komitee, das jährlich den Träger des Literaturnobelpreises bestimmt.

Viktor Pelewin, „Tolstois Albtraum“,

Roman, aus dem Russischen von

Dorothea Trottenberg, München 2013

1902 zog es den deutschen Historiker Theodor Mommsen unter anderem deshalb vor, weil Letzterer die Kirche, den Staat und das Privateigentum negiere. Aber hätte Tolstoi einen Preis angenommen, der seinen Ursprung im Dynamit hat? Ein weites Feld.

Wer schon einmal einen Roman des 1962 in Moskau geborenen Erzählers Viktor Pelewin gelesen hat, der erwartet keinen konventionellen Roman. Er sollte das auch nicht, wenn es um einen Grafen T. geht, der als Leo Nikolajewitsch angesprochen wird, also alles auf Tolstoi hindeutet. Und in der Tat, eine Romanbiografie ist Pelewins neues Buch nicht. Der russische Titel „T 2009“ fasst Pelewins ästhetisches Programm besser als das deutsche „Tolstois Albtraum“. Sicherlich, anfangs deutet einiges darauf hin, dass es sich tatsächlich um den historischen Tolstoi handelt. Aber schon warten erste Irritationen.

T. hat, von Staat und Kirche gegängelt, sozusagen Gutsarrest, sprich, er darf sein Anwesen nicht verlassen: „... ein Adelsgut, offensichtlich erbaut von einem verschwenderischen Tollkopf. Das Gebäude war von einer sonderbaren Schönheit. Es sah wie eine Elfenbehausung oder wie das Schloss eines Mönchritters aus. Die weißen Turmspitzen, die spitzbogigen Fenster, die luftigen Marmorpavillons, die sich zwischen den bizarr gestutzten Sträuchern im Park erhoben – all das wirkte vollkommen irreal in der endlosen russischen Weite. (…) Ungewöhnlicher noch als das weiße Schloss sah indes der Ackermann aus, der am Hang hinter dem Pflug herging: ein hochgewachsener Mann mit schwarzem Bart, von mächtiger Statur, angetan mit einem langen Hemd. Er hatte bloße Füße, die Hände lagen auf den Griffen des hölzernen Pflugs, den ein Kaltblüter hinter sich herzog.“

So sehen es auch die beiden Reisenden im vorbeirollenden Expresszug. Einer davon ist jener Graf T., der gemütlich auf dem Acker arbeitende ein von ihm engagierter Doppelgänger.

Bald kommt die wilde Handlung ins Rollen: Der Mitreisende will Graf T. an Leib und Leben. Nach gewonnenem Zweikampf gelingt T. die Flucht aus dem Zug, fortan sieht er sich den seltsamsten Abenteuern und wildesten Anschlägen auf sein Leben ausgesetzt. Der so friedliebende T. mutiert zu einem russischen Super-James-Bond, der seine Gegner zwar zur Friedfertigkeit zu überreden sucht, jedoch nie um den exzessiven Gebrauch exotischer Waffen herumkommt.

Irgendwann geht ihm auf, dass er nur eine ferngesteuerte Figur namens Graf Tolstoi in einem Ego-Shooter-Spiel ist. Was das ist, muss er erst lernen. T. rebelliert und erkämpft sich durch ein Dickicht von religiösen, esoterischen und politischen Verschwörungen seine Autonomie. Wie der (westliche) Leser verliert auch er dabei ab und an den Überblick. Wer diese Geschichte chronologisch nacherzählen kann, der ist ein Genie. Lässt man sich aber auf den singulären Erzählstil des Demiurgen Pelewin ein, der wieder gekonnt klassische Prosa mit postmodernem Spiel verbindet, hat man überwiegend seinen Spaß. Überwiegend, denn Pelewins wilder Mix tendiert denn doch immer wieder einmal zum energischen Leerlauf.

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