Mode hinter dem Eisernen Vorhang

Eine Frau mit dem modischen Haarknoten. Foto: Getty Images/ Fotobank

Eine Frau mit dem modischen Haarknoten. Foto: Getty Images/ Fotobank

Die Mode in der Sowjetunion der 1960er Jahre war politisch korrekte, eintönige Massenfertigung in guter Qualität. Die Menschen versuchten aus dem Wenigen das Beste zu machen. Importe aus dem Westen gab es so gut wie nicht.

Anfang der 1960er Jahre führte die Sowjetunion hinter dem Eisernen Vorhang ein weitgehend abgeschottetes Leben und war vollständig auf eigene Produkte angewiesen. Ausländische Mode drang nicht durch auf den Markt der Ostblock-Wirtschaft. Die politische Propaganda verkündete, dass die Sorge um das Äußere ein Überbleibsel des Kapitalismus sei. Die älteren Frauen trugen Kleider mit einfachem geradem Schnitt und Kopftücher in „Alenuschka"-Manier zusammengeknotet unter dem Kinn.

Um Fußknöchel und Knie kräuselten sich je nach Saison Woll- oder Baumwollstrümpfe, die nicht das kleinste bisschen Elastan enthielten. Unter offenen Halbschuhen schauten meist Baumwollsocken hervor. Man wollte sich die von der Arbeit strapazierten Füße nicht wund scheuern. Männer, insbesondere im fortgeschrittenen Alter, sah man vorwiegend in grauen oder dunkelbraunen weit geschnittenen Anzügen und Hemden oder Poloshirts, die liebevoll „Bobotschki" genannt wurden.

Natürlich hatte das Leben viele Facetten. Die Menschen erhielten sich trotz ideologischer Vorgaben ihre Selbstachtung und den natürlichen Wunsch nach einem gepflegten Aussehen. Hausfrauen kochten in Eimern oder Töpfen direkt auf dem Küchenherd weiße Hemden, Bettwäsche und andere häusliche Textilien, die sie mit speziellen Holzzangen aus dem Wasser herauszogen. Manche stärkten die Wäsche sogar noch, bis sie auf die bekannte Weise knisterte.

Dior-Modells in Moskau. Foto: Getty Images / Fotobank

Wie immer gab es auch hier Ausnahmen von der Regel. Meine Urgroßmutter zum Beispiel nähte sich im Alter von knapp über 40 Jahren nach der Vorlage von Modezeitschriften elegante Kleider in ausgefallenen Farbmustern. An die Stoffe kam sie allerdings nur über „Beziehungen" und jeder Zentimeter wollte wohl durchdacht sein.

Mit dem Tauwetter in den Beziehungen zum Westen, der Eroberung des

Weltraums, dem ersten Raumflug im Jahr 1961und einer immer weiter um sich greifenden Fortschrittseuphorie erlebte die UdSSR einen gewaltigen sozialen Aufstieg. Die Zeiten der erzwungenen Bescheidenheit und eintönigen Kleiderkultur schienen vorbei.

Man wollte sich nicht mehr länger mit einem spartanischen Leben begnügen und auf modische Kleidung verzichten. Die Regale der Geschäfte begannen sich mit Importware zu füllen und Schneiderinnen sammelten ausländische Modemagazine mit Schnittmustern.

Als 1959 das erste Mal eine Kollektion von Christian Dior in die Sowjetunion eingeführt wurde, gingen die Fotos von eleganten französischen Mannequins „von Dior", die sich im Moskauer Warenhaus GUM unter die Moskauer mischten, um die ganze Welt. Dort hätten die schlanken Ladies in ihren Hüten niemanden überrascht, aber für die Sowjetunion war das natürlich eine Sensation.

Dior-Modells in Moskau. Foto: Getty Images / Fotobank

Dennoch setzte sich die Damengarderobe weiterhin überwiegend aus Artikeln der Massenfertigung zusammen. Jeder kannte den Witz: „In der UdSSR gibt es keine Mode, es gibt Leichtindustrie". In der Tat waren alle in die Regale der Kaufhäuser gelangenden Kleidungsstücke in staatlichen Modehäusern entworfen worden. Man hatte sie sorgfältig auf ihre Vereinbarkeit mit den kommunistischen Idealen übrerprüft, bevor sie in großen Stückzahlen im ganzen Land produziert wurden. Der Gerechtigkeit halber sei erwähnt, dass ihre Qualität vorzüglich war. Man trug die Kleidung jahrelang und überließ sie teilweise noch den Kindern. Im Ergebnis aber war die Auswahl in den Geschäften mehr als bescheiden. Ein paar Modelle von Sommerkleidern, ein paar für den Winter, ein Typ Fausthandschuhe und wenige Stiefel.

Foto: RIA Novosti

Ein Segen für die sowjetische Damenwelt waren die aus anderen sozialistischen Ländern importierten Güter, wie Lederwaren, Trikotage und Kosmetik. Ganz selten und mit großem Glück ergatterte man sogar italienische oder französische Mode, die zu astronomischen Preisen wie in Detektivromanen auf dem Schwarzmarkt verkauft wurde. Damals standen auf illegalen Handel mit ausländischer Ware eine gehörige Freiheitsstrafe und die Konfiszierung des Eigentums. Zudem war der Besitz ausländischer Währung verboten. Schwarzhändler fanden immer neue Wege, von Ausländern an die begehrten „Schmotki" (Klamotten) zu kommen. Die einen tauschten sie gegen sowjetische Souvenirs, anderen gegen Theaterkarten und manch einer trug sie als „Zeichen ewiger Freundschaft" nach einem gemeinsamen Trinkgelage mit armenischem Cognac nach Hause.

Im sowjetischen Modehaus. Foto: Getty Images / Fotobank

Das Bedürfnis, attraktiv zu sein, war stärker als das Defizit. Im Fernsehen sah man außerdem immer häufiger ausländische Filme und Nachrichten aus dem Ausland. 1957 fand das erste internationale Festival der Jugend und Studenten statt, das eine Menge Ausländer und Ausländisches nach Moskau zog. Es folgte die Ausreiseerlaubnis für Sportler und Filmschaffende, die ihren Familien und Freunden modische Kleider mitbrachten.

Bei allem Beschwerlichen gab es positive Momente. Viele Russen erinnern sich fast wehmütig an die weit zurückliegenden wilden 1960er Jahre. Shorts mit kräftigen Damenstrumpfhosen tragen heute auf der ganzen Welt nicht nur Kinder, und „Omakleider" aus dieser Zeit sind geradezu ein Moderenner.

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