Zeit der Wirren im Bolschoi-Theater

Im vergangenen Januar wurde der künstlerische Leiter des Bolschoi Theaters Sergej Filin (rechts) Opfer eines Säureanschlags, der ihn beinahe vollständig erblinden ließ.  Foto: ITAR-TASS

Im vergangenen Januar wurde der künstlerische Leiter des Bolschoi Theaters Sergej Filin (rechts) Opfer eines Säureanschlags, der ihn beinahe vollständig erblinden ließ. Foto: ITAR-TASS

Im vergangenen Jahr hat sich das Bolschoi-Theater von Skandal zu Skandal gehangelt: die Entlassung des Generaldirektors, der Säureanschlag auf den künstlerischen Leiter und der unerwartete Rücktritt des Chefdirigenten. Wie überwindet das Bolschoi seine Krise?

Es ist gerade ein paar Jahre her, dass sich das Bolschoi-Theater wegen einer umfangreichen Sanierung, die später als geplant im Jahr 2011 abgeschlossen wurde und die das ursprünglich veranschlagte Budget weit überschritt, öffentlichen Prüfungen unterziehen musste. Kaum hatte das Theater seine endlich fertiggestellten Räumlichkeiten bezogen, da folgten schon die nächsten Skandale.

Im vergangenen Januar wurde der künstlerische Leiter des Hauses Sergej Filin Opfer eines Säureanschlags, der ihn beinahe vollständig erblinden ließ. Ein Gericht sprach vor Kurzem den Bolschoi-Tänzer Pawel Dmitritschenko schuldig, das Attentat beauftragt zu haben, und verurteilte ihn zu sechs Jahren Freiheitsstrafe. Der eigentliche Täter und der Fahrer wurden ebenfalls verurteilt.

Der Vorfall brachte bittere Rivalitäten und Skandale hinter den Kulissen des Bolschoi-Balletts an die Öffentlichkeit und spaltete seine Mitarbeiter. Einige

stellten sich hinter Dmitritschenko, andere ergriffen Partei für Filin. Der berühmte Tänzer Nikolaj Ziskaridse, der das Theater vor dem Attentat verlassen hatte, sprach von einer vergifteten Atmosphäre im Haus und von Willkür bei Entscheidungen über die Besetzung führender Rollen.

Nach Aussagen von Experten sind derartige Skandale und Rivalitäten selbst in renommierten Häusern wie dem Bolschoi-Theater keine Seltenheit. Sie dringen nur meist nicht an die Öffentlichkeit. „Es gibt kein Theater ohne Skandale und Rivalitäten", sagt Wadim Gajewski, Professor an der Fakultät für Theaterwissenschaften der Staatlichen Universität für Geisteswissenschaften in einem Gespräch mit Russland HEUTE. „Die Fehden werden allerdings hinter den Kulissen ausgetragen und gelangen selten in die Schlagzeilen. Sobald sich allerdings ein angesehener Dirigent oder Choreograf der Truppe anschließt, brechen wieder ruhigere Zeiten an."

 

Was sind die Ursachen der Skandale?

Andere Beobachter stimmen darin überein, dass der Umgang mit unvermeidlichen Konflikten innerhalb eines Theaters stark von den Management-Qualitäten seiner Leitung abhänge.

„Nehmen wir das Beispiel des Sankt Petersburger Mariinski-Theaters", führt Michail Agin, Professor am Fachbereich für Sologesang des Moskauer

Gnessin-Instituts, in einem Gespräch mit Russland HEUTE an. „Sein Intendant Waleri Gergijew hat die Situation im Griff. Vieles hängt von der Leitung eines Theaters ab. Es liegt in ihrer Hand, Probleme zu klären und Skandale zu vermeiden."

Problematisch waren aber nicht nur atmosphärische Spannungen im Bolschoi, sondern auch die künstlerische Qualität seiner letzten Ballett- und Opernproduktionen. „In den vergangenen Jahren sind die Qualitätsstandards gesunken", sagt Agin. „Was das Theater aus den Opern ‚Jewgenij Onegin' und ‚Ruslan und Ljudmila' gemacht hat, war nicht sehr gut. Die Stücke wurden vollkommen auf den Kopf gestellt. Wassili Barchatow mag ein guter Intendant gewesen sein, aber was er dem Jewgenij Onegin angetan hat, ist inakzeptabel."

Manche Beobachter machen den früheren Intendanten Anatoli Iksanow für die Abwärtsspirale verantwortlich, in die das Theater hineingeraten ist. Agin zufolge sei es schwer zu sagen, welches Maß an Verantwortung Iksanow trägt. Die Streitigkeiten und Skandale jedoch setzten ein, nachdem er die Intendanz übernommen hatte. In Iksanows 13-jähriger Amtszeit am Bolschoi fiel das umstrittene Sanierungsprojekt, das sich drei Jahre länger als geplant hinzog und dessen Kosten die ursprüngliche Schätzung um das 16-fache überstiegen. Die Endkosten: 1,3 Milliarden Euro.

 

Wird der neue Intendant die Probleme lösen können?

So konnte die Entscheidung des Kulturministers Wladimir Medinski im letzten Sommer, Iksanow durch Wladimir Urin zu ersetzen, niemanden überraschen. „Die Ernennung des neuen Intendanten Wladimir Urin wird die Lage hoffentlich entspannen", sagt Agin. „Er wird allerdings einige Probleme lösen müssen, die sich unter seinem Vorgänger angestaut haben."

Leicht wird Urins neue Aufgabe sicher nicht, auch wenn der langjährige Leiter des Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheaters einen reichen Erfahrungsschatz auf dem Gebiet des Theatermanagements mitbringt. Eine der Herausforderungen wird sicher darin bestehen, Musiker, Sänger und Dirigenten von Weltklasse für sein Haus zu gewinnen, dessen Reputation auf diesem Gebiet in den letzten Jahren merklich gelitten hat.

„Es besteht auch ein Mangel an Top-Musikern", ergänzt Agin. „Es gibt zweifellos gute Sänger in Russland. Aber man hat nichts dafür getan, sie

ins Bolschoi zu holen. Es ist lächerlich, für die Rolle des Lenski jemanden aus dem Ausland unter Vertrag zu nehmen. Das gleiche gilt für die Dirigenten."

Eine der Lücken, die es zu stopfen gilt, ist die der musikalischen Leitung, nachdem der Chefdirigent Wassili Sinaiski Anfang Dezember ohne Erklärung von seinem Posten zurückgetreten ist – mitten während der Vorbereitungen auf die Opernpremiere des „Don Carlos". Niemand kommentierte dieses Ereignis, in manchen Medien aber hieß es, Sinaiski sei unruhig geworden, als er von der Suche nach seinem Nachfolger erfuhr.

Nun bleibt es anscheinend Urin überlassen, Russlands wichtigstes Theater aus seinem Tief zu befreien. Dazu wird er wohl einen langen Atem benötigen. „Das Bolschoi ist wie ein großes Schiff, das eine Wende einschlägt, aber es ist noch unklar, in welche Richtung", sagt der Professor Wadim Gajewski. „Wir durchleben gerade eine Zeit großer Unsicherheit."

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