Die schwarze Ikone der russischen Avantgarde

Neben dem schwarzen schuf Malewitsch noch das „Rote" und das „Weiße Quadrat". Foto: Juri Somow / RIA Novosti

Neben dem schwarzen schuf Malewitsch noch das „Rote" und das „Weiße Quadrat". Foto: Juri Somow / RIA Novosti

Das „Schwarze Quadrat" von Kasimir Malewitsch ist wohl das markanteste Symbol der russischen Avantgarde. Minimalistisch wie das Logo einer Sportmarke provozierte es Kontroversen – und war ein Meilenstein in der modernen Malerei.

Der vollständige Titel des Bildes lautet „Schwarzes suprematistisches Quadrat". Malewitsch malte es 1915 inmitten der Wirren des Ersten Weltkriegs. Die Idee war ihm bereits im Jahr 1913 gekommen, also vor genau hundert Jahren. Anfangs barg das „Quadrat" keine tiefere symbolische Bedeutung. Sein Sinn bestand lediglich darin, ganz individuelle, künstlerische Probleme zu lösen. Das Bild allerdings löste, wie häufig bei neuen, programmatischen Werken, zahlreiche Interpretationen und auch Skepsis aus, in der Art: „Ein Quadrat malen – das kann ja jeder!" Tatsächlich aber war das „Quadrat" ein kompliziert konstruiertes Werk. Um es zu malen, musste man umfangreiche Kenntnisse über Farben, Komposition und Proportionen besitzen.


Zufall und Genie verhelfen zur Ikone

 Zunächst einmal sollte erwähnt werden, dass das „Quadrat" gar kein Quadrat, sondern ein einfaches Viereck ist. Nicht eine seiner Seiten verläuft parallel zum Rahmen. Außerdem malte Malewitsch sein Bild aus einer Farbmischung, die kein Schwarz enthielt. Schaut man sich das „Quadrat" genau an, so erkennt man, dass die Farbe mit der Zeit rissig wurde. Man hat den Eindruck, als laufe ein Büffel über das Quadrat, der sich uns von der Seite und ein wenig von hinten zeigt.

Einer Anekdote zufolge entstand das „Schwarze Quadrat" zufällig. Eine große futuristische Ausstellung stand bevor, die für die Bilder Malewitschs und seiner Kollegen einen großen Saal vorsah. Als sie das erfuhren, machten sie sich schnell an die Arbeit, um ihre Bilderbestände aufzufüllen. Malewitsch aber wollte kein Gemälde gelingen – da tauchte er einfach seinen Pinsel in die Farbe und am Ende kam das berühmte „Quadrat" heraus.

Malewitsch selbst erklärte, er habe das Bild in einem Zustand mystischer Trance erschaffen, unter der Einwirkung „kosmischen Bewusstseins", und maß ihm eine entsprechend hohe Bedeutung bei: Während der Ausstellung hing das „Schwarze Quadrat" in der rechts vom Eingang gelegenen Ecke – nach russischem Brauch haben dort in Wohnräumen die Ikonen ihren Platz.

Diese Bedeutungsnuance erfasste der Kritiker und Künstler Alexander Benois sofort. Er schrieb: „Zweifellos ist das die Ikone, die die Herren Futuristen an die Stelle der Madonna setzen."

Neben dem schwarzen schuf Malewitsch noch das „Rote" und das „Weiße Quadrat". Aber auch von den „Schwarzen Quadraten" gibt es mehrere Ausführungen. Das zweite „Quadrat" malte er 1923 für die Biennale di Venezia. Es unterschied sich vom ersten durch seine Maße. Das dritte fertigte Malewitsch anlässlich einer Ausstellung in der Tretjakow-Galerie im Jahr 1929 an. Angeblich kam er damit einer Bitte des Direktors der Galerie nach, der nicht das „rissig gewordene" Original ausstellen wollte. Auf dem zweiten und dem dritten Quadrat gibt es keine Gebilde aus kleinen Rissen mehr – wahrscheinlich hat der Künstler hier mit Lack gearbeitet, um Rissbildungen zu vermeiden.

1993 entdeckte man, dass es noch eine vierte Variante des „Schwarzen Quadrats" gibt. Ein Unbekannter brachte das Kunstwerk in eine Bankfiliale in Samara, um es als Pfand für einen Kredit zu nutzen. Das Bild ging in das Eigentum der Bank über. Nach deren Pleite spielte es eine wichtige Rolle bei der Bedienung der Gläubiger. Um einen Verkauf des Bildes ins Ausland zu verhindern, verbot die Regierung offene Auktionen. Schließlich erwarb der Unternehmer Wladimir Potanin es zu einem Preis von rund 730 000 Euro. Er überließ es der Staatlichen Eremitage.


Ikone als Denkmal

 Die Geschichte des „Schwarzen Quadrats" setzte sich, wie bei jedem großen Kunstwerk, auch nach dem Tod des Künstlers im Jahr 1935 fort. Die Beisetzung Malewitschs wurde auf seinen letzten Wunsch hin von einer

„suprematistischen Zeremonie" begleitet, bei der das „Schwarze Quadrat" ebenfalls die Rolle einer Ikone spielte: Es war auf seinem Sarg abgebildet, eine Reproduktion schmückte den Leichenwagen.

Der Krieg zerstörte den Friedhof in Moskau, auf dem Malewitschs sterbliche Überreste beigesetzt wurden. Im Jahr 1988 errichteten Anhänger des Malers in der Nähe seiner Grabstätte das Gedenkzeichen, das Malewitsch in seinem Testament beschrieben hatte: einen weißen Kubus mit einem schwarzen Quadrat.

Ende der 2000er konnte die letzte Ruhestätte des Künstlers ausfindig gemacht werden. Sie befand sich allerdings auf einem Grundstück, das ein Bauherr erworben hatte. An der Grabstätte wurde ein Wohnhaus errichtet. So blieb das „Schwarze Quadrat" das wichtigste Denkmal für seinen Schöpfer, ganz im Sinne seiner eigenen Worte. „Nur der Suprematismus", so schrieb Malewitsch, „kann das Wesen mystischer Empfindungen ausdrücken. Er steht in seiner Gänze neben dem Tod und besiegt ihn."

 

Suprematismus

Der Suprematismus ist eine Stilrichtung der abstrakten Malerei, die in den Jahren nach 1910 von Kasimir Malewitsch begründet wurde. Charakteristisch für den Suprematismus sind Kombinationen verschiedenfarbiger Flächen einfachster geometrischer Formen (Kreis, Quadrat, Dreieck, Linie), die asymmetrische Kompositionen bilden.

Der Suprematismus wurde in der Plakat- und Anzeigenkunst, in der Architektur, im Design und beim Bühnenbild breit rezipiert.