Moskaus Bunker und die verschollene Metrolinie

Der Kalte Krieg soll ein großes Netz an Schutzräumen, Gängen und sogar eine intakte Metrolinie hinterlassen haben. Foto: PhotoXPress

Der Kalte Krieg soll ein großes Netz an Schutzräumen, Gängen und sogar eine intakte Metrolinie hinterlassen haben. Foto: PhotoXPress

In Moskau kursieren viele Gerüchte über unterirdische Regierungsverstecke, sogar über eine geheime Metro. Dies veranlasste Russland HEUTE dazu, nachzuforschen und Fakten über die Stadt unter der Stadt aufzudecken.

Bei dem Gedanken an unterirdische Verstecke, die Atomangriffen standhalten, an Tunnel, die vom Kreml direkt zu Stalins Datsche außerhalb der Stadt führen sowie an Flughäfen und Panzertunnel, die sich tief unter Moskau befinden, stellt sich einem unweigerlich eine Frage: Ist das nicht alles aus dem Reich der Legenden? Ja, aber nur bis zu einem gewissen Grad, denn unterirdische Schutzräume und Verkehrsnetze der Sowjetzeit existieren tatsächlich.


Beweise aus dem Landschaftsbild, nicht über Baupläne

 Nach dem Zweiten Weltkrieg begann man in Moskau unterirdische Schutzräume zu bauen, welche die Zivilbevölkerung vor den Folgen eines Atomangriffs schützen sollten. Ebenso errichtete man zu dieser Zeit unter strengster Geheimhaltung auch speziell befestigte, unterirdische Zufluchtsorte für hohe Regierungsmitglieder und Militäroffiziere – waren sie doch die einzigen, die Entscheidungen treffen und Maßnahmen einleiten konnten, um das Land zu verteidigen.

So wurde für den Fall eines Bombenangriffs auch eine spezielle Untergrundverkehrsader eingerichtet, da die Moskauer Metro damals zu unsicher war. Diese neue Verkehrsverbindung erhielt von den Moskauern den Namen „Metro-2", da sie große Schutzräume der Regierung mit unterirdischen Kommandozentralen verband und bis weit hinter die Stadtgrenzen Moskaus zu großen Schutzbunkern führte.

Doch keine Angst, im Folgenden werden keine Staatsgeheimnisse verraten, denn sämtliche Beweise, die für eine Existenz eines solchen Tunnelsystems sprechen, sind im Grunde genommen öffentlich. So lässt sich in erster Linie festhalten, dass es an verschiedenen Stellen in der Stadt abgedeckte Grubenschächte und Ventilationsanlagen gibt. Die Moskauer Metro wurde mittels Tiefenbohrungen gebaut, bei der ein Schacht mit einem Durchmesser von sechs Metern und 60-70 Metern Länge in die Erde gegraben wird. Dies ist nötig, um in jene Tiefe zu gelangen, auf der die eigentliche Metrolinie gebaut wird. Im weiteren Bauverlauf wird dieser Zugangsschacht dann einerseits zum Transport von Maschinen und andererseits zur Förderung von Erde aus dem Bauschacht verwendet.

Nachdem der Bau einer Metrolinie dann abgeschlossen wurde, hat man auch den Schacht verschlossen. Wenn jedoch ein solcher Schacht offen war, bedeutete dies, dass dort gearbeitet wird. In den 1970er Jahren entdeckte man dann tatsächlich einen solchen offenen Schacht in der Nähe des Roten Platzes, genauer im Gebäude des Gostinij Dwor.

Dieser Schacht lässt sich beispielsweise auf Panoramaaufnahmen des Kremls gut erkennen. Heute findet man einen weiteren Schacht in der Nähe der Metrostation Kitaj-Gorod, wobei die Bauarbeiten an dieser Metrostation schon vor Jahrzehnten abgeschlossen wurden. Auch in den Vororten von

Moskau und außerhalb der Stadtgrenzen, wo es eigentlich gar keine Metro gibt, lassen sich einige aktive Schächte entdecken. Die heruntergekommenen und verlassen wirkenden Eingänge zu den Schächten und Ventilationsanlagen tragen zudem zu ihrer Geheimhaltung bei. Außerdem werden die Schächte inzwischen so gut bewacht, dass es praktisch unmöglich ist, sie zu betreten.

Weitere Beweise für die Geheimmetro kann man auch in der Moskauer U-Bahn selbst bestaunen. Dort gibt es nämlich versperrte Treppen, Ausgänge, die nirgendwo hinführen, und die berühmte Sackgasse, die sich auf der Strecke zwischen den U-Bahnstationen Sportiwnaja und Uniwersitet befindet. Diese Sackgasse, wie Amateurforscher berichten, soll vor einem riesigen Tor enden, das wiederum, so glaubt man jedenfalls, einer der Eingänge in die geheime zweite U-Bahn Moskaus, die Metro-2, sein soll. Eine interne Quelle erzählte Russland HEUTE, dass jeder der Beamten, welche die geheimnisvolle U-Bahn betreten dürfen, Zugang nur zu jeweils einem Teil des Metrosystems hätten.

Da jedoch niemand genau weiß, wie viele Sicherheitsstufen es diesbezüglich gibt, kann man auch nie wirklich sagen, wie diese Metro komplett aussieht. Darüber hinaus verfügt niemand über Pläne dieses U-Bahnsystems, sodass eine Freigabe des geheim gehaltenen Materials über die Metro-2 praktisch unmöglich ist.


Der unechte und der erfundene Bunker Stalins

 In Moskau existieren zwei sogenannte „Stalin-Bunker", welche sich leicht erkunden lassen, wenn man eine Führung durch diese bucht. Der erste von ihnen befindet sich neben dem Hotel „Ismajlowskaja" und soll in den 1930ern erbaut worden sein. Allerdings ist dieser kein echter Bunker Stalins – in Wirklichkeit diente er früher als Stauraum, der in den 1990ern umgestaltet wurde, um als Touristenattraktion zu fungieren.

Der zweite Bunker befindet sich in der Nähe der U-Bahnstation Taganskaja. Dieser ist tatsächlich ein echter Schutzraum, doch auch er hat nicht wirklich etwas mit Stalin zu tun, da er erst nach Stalins Tod erbaut und als Zentrale für die Langstreckenluftstreitkräfte genutzt wurde.

Der Bunker befindet sich knapp 61 Meter unter der Oberfläche und erstreckt sich auf einer Fläche von etwa 6970 Quadratmetern. In den 1960ern wurde der Bunker dann mit speziellen Lebenserhaltungssystemen sowie mit Wasser- und Lebensmittelvorräten ausgestattet, sodass die sich

darin befindlichen Beamten und Militärangehörigen für längere Zeit überleben konnten. Doch in den 1980ern verfiel der unterirdische Schutzraum so, dass er 1995 als nicht mehr geheim eingestuft und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Bis dahin waren der stählerne Schutzmantel sowie die Wände und die Luftschutztüren die einzigen Originalteile, die vom gesamten Bunker übrig geblieben waren. Nichtsdestoweniger ist der Schutzraum bis heute immer noch ein sehr interessanter Ort, den man besucht haben sollte.

Der Haupteingangsschacht, in dem man mit einem Aufzug in das Bunkerinnere gelangt, wird von einer über sechs Meter dicken Betonkappe geschützt, die wiederum in einer Hausattrappe mit leeren Fenstern, die im Stil des 19. Jahrhunderts erbaut wurde, versteckt liegt. Diese Schutzkappe dient dazu, um den Bunker vor der Druckwelle einer Atombombenexplosion zu schützen, und kann einem direkten Bombeneinschlag aus der Luft stand halten.


Bunker als Event-Location

 Derzeit gehört der Schutzraum, der nun unter dem Namen „Museum des Kalten Kriegs" geführt wird, einem privaten Unternehmen, das Führungen, Feiern, Bankette und Präsentationen im Schutzraum veranstaltet. So wurde beispielsweise die Premiere des bekannten Computerspiels „Command and Conquer: Alarm Stufe Rot 3" hier gefeiert.

Zu den beliebtesten Touristenattraktionen gehört der inszenierte Alarm vor einem Luftangriff, der während jeder Führung ertönt, und ein inszenierter Atombombenangriff auf ein anderes Land. Dabei dürfen die Gäste selbst die Raketen vom Bunker aus „abschießen".

Russland HEUTE hat dafür speziell Viktor, einen ehemaligen Tourguide des Bunkers, kontaktiert, um mehr über die Attraktionen zu erfahren: „Meistens

reagieren die Menschen mit Angst, vor allem Frauen und Kinder. Doch die Angst vergeht schnell wieder, wenn wir den Gästen mitteilen, dass es sich um einen falschen Alarm handelt. Allerdings gab es auch unangenehme Zwischenfälle. So ist einmal eine Dame aus Lateinamerika bewusstlos geworden, als der Alarm ertönte. Ein anderes Mal hat ein erwachsener Mann während des Alarms in seine Hose eingenässt. Was den inszenierten Abschuss der Atomraketen angeht, so reagieren die Touristen eher heiter – vor allem US-amerikanische Gäste. Am liebsten ‚bombardieren' sie ihr Heimatland. Dabei sagen sie immer: ‚Lasst uns New York abschießen! Ist uns egal, wir sind ohnehin aus Florida!'" Solche Witze waren natürlich in Zeiten des Kalten Krieges undenkbar und Gott sei Dank ist dieser schon längst vorbei. Doch die einst strategisch wichtigen Schutzräume gibt es immer noch und, wie man annimmt, sind sie immer noch vollkommen intakt.

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