Die Mode der Kriminalität – der Stil des Verwegenen

Die Anführer der organisierten Syndikate trugen gerne himbeer- oder bordeauxfarbene Clubanzüge, dunkle Hemden und dunkle Krawatten und unbedingt schwere Goldketten und Handschuhringe. Foto: Kommersant

Die Anführer der organisierten Syndikate trugen gerne himbeer- oder bordeauxfarbene Clubanzüge, dunkle Hemden und dunkle Krawatten und unbedingt schwere Goldketten und Handschuhringe. Foto: Kommersant

Die russischen Gangsterbosse Japontschik und Opa Hassan sind weltbekannt und die russische Mafia führt der Londoner Zeitung „Daily News“ und der spanischen „Diario“ zufolge die Liste der Top-10-Mafias der Welt an. Doch bekannt ist die russische Unterwelt nicht nur für ihre Verbrechen, sondern auch für ihre Mode – die insbesondere bei der Jugend sehr beliebt ist.

Eine Faszination mit der Welt des Verbrechens existiert in Russland seit Jahrhunderten: Die Figur des Räubers, eines verwegenen Kerls, war in Russland schon immer beliebt und hatte etwas Romantisches an sich. Während der Zeit der Oktoberrevolution von 1917 erreichte ihre Beliebtheit wohl ihren historischen Höhepunkt, denn es galt das Motto „Raube, was geraubt wurde", und Kriminelle, Diebe und Anarchisten erlangten breite Anerkennung.

 

Kriminelle als Trendsetter

In den Nachkriegsjahren der 1940er wurde die Mode des gemeinen Banditen zum alltäglichen Erscheinungsbild auf den Straßen. Zu Ehren des Sieges über das faschistische Deutschland wurde eine Amnestie durchgeführt, im Zuge derer Tausende Kriminelle freikamen.

Zu dieser Zeit gab es im Land eine immense Zahl an Straßenkindern, die ihre Eltern verloren hatten. Sie trugen kleine Mützen mit kurzen Schirmen, Chromlackstiefel, die am Schaft gerafft waren, weiße Schals und sogenannte „Fixes" – Imitationen von eingesetzten Goldzähnen. Die Musik der Kriminellen fand in dieser Zeit eine bislang ungekannte Verbreitung und ihre Beliebtheit ist bis heute ungebrochen.

Die Straßenkinder Foto: RIA Novosti

Die Jungs aus den Höfen, oft auch aus guten Familien, trugen Schlaghosen mit eingebauter Verstärkung, die sie manchmal in die Stiefel steckten, Soldatenblusen, Wattejacken sowie Matrosenhemden und rauchten Zigaretten der Marke „Belomorkanal". Die Welt der Banditen lockte sie ebenso sehr wie die Welt der Helden von Mayne Reid und Louis Boussenard mit ihren Verfolgungsjagden und Schlägereien, ihrer Furchtlosigkeit und dem Hass gegenüber aufgezwungene Autoritäten.

 

Je teurer, desto besser

Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde die Mode der Unterwelt in den 1990ern erwachsen. Die neugewonnene Freiheit löste im Land einen kriminellen Boom mit unzähligen Gruppierungen und einer Umverteilung der Macht aus. Die Menschen sahen gern Filme und Serien zu diesem Thema. Zum Symbol der Epoche wurde der Streifen "Banditskij Peterburg" („Sankt Petersburg der Banditen").

Lederjacken sind zum Symbol der 90er geworden. Foto: AFP/East News

Die Anführer der organisierten Syndikate trugen gerne himbeer- oder bordeauxfarbene Clubanzüge, dunkle Hemden und dunkle Krawatten und unbedingt schwere Goldketten und Handschuhringe. Besonders fiel diese Mode im Ausland auf, wo neureiche Russen problemlos an ihrer mächtigen Goldkette mit einem Mindestgewicht von 30 Gramm, oft in Kombination mit einem entsprechend großen orthodoxen Kreuz, den bunten Badeshorts und Latschen erkannt wurden. Weil die neuen Herren des Lebens damals noch kein Gefühl für Mode entwickelt hatten, zogen sie es vor, sich nach dem Prinzip „Je teurer, desto besser" einzukleiden. Damals gab es in Russland folgenden Witz: „Schau mal, was für eine Krawatte ich mir für 100 Euro gekauft habe!" „Du Idiot, hier um die Ecke hättest du genauso eine für 200 Euro bekommen können!"

 

Fingerdicke Kette

Die Vorliebe für Juweliererzeugnisse zeichnete auch die kleineren Fische der kriminellen Banden aus. Ihnen war es allerdings zugedacht, Massivschmuck aus Silber zu tragen, was viel harmonischer zu den bei ihnen beliebten und im Kampf unersetzlichen Sportanzügen, Sportschuhen und kurzen Frisuren passte.

Die „Stiere", wie man sie in der kriminellen Hierarchie nannte, waren schwere Jungs. Von den Heldentaten der Filmstars van Damme und Stallone beeindruckt, trainierten sie stundenlang im Fitnessstudio und übten Kampfkünste. Und weil körperliche Kraft eine magische Anziehung

auszustrahlen scheint, wurden die „Stiere" zum Vorbild für eine Unmenge von Jugendlichen im ganzen Land, die eigentlich keine Beziehungen zur organisierten Kriminalität hatten. Sie trainierten mit ähnlicher Begeisterung, ließen sich die Haare vom Kopf scheren und stolzierten in Trainingshosen und Lederjacken herum. Heute nennt man diese Jungs „Gopniki".

Mittlerweile sind kriminelle Größen längst legitimiert, wurden zu Geschäftsleuten und werden allerseits geachtet. Sie tragen nun Luxusmarken, bevorzugen teure und oftmals antike Uhren und Schmuckstücke, fahren Autos der Luxusklasse und wohnen in Prachtvillen. Der Kleinkriminelle zieht immer noch Silberketten und Ringe vor, doch die Sportanzüge wurden durch Leder- und Kaschmirjacken, Hüte mit Ohrwärmern aus demselben Material und rohrförmigen Hosen, die die Bewegungen nicht einengen, ersetzt. Auch das Auftreten der „Gopniki" ist aktueller geworden: Sie ziehen nun Produkte von Adidas vor, tragen Textil-Schirmmützen und Sonnenbrillen und das alles gleichzeitig. Doch das Hauptmerkmal ihres Stils: die abgefahrene Kombination aus einem Sportanzug mit klassischen Lederschuhen.

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