Mit dem Pelzmantel durch den Winter

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Der Pelzmantel ist schon längst nicht mehr nur ein wärmendes Kleidungsstück. Vielmehr ist er seit langer Zeit ein Kulturphänomen mit eigenen Stilaspekten und sozialen Funktionen – und mit einer reichen Geschichte.

Mitte Januar ist in Moskau endlich der Winter eingekehrt. Ein richtiger Winter bedeutet – in unserer Vorstellung – Frost mit einer Temperatur von 15 bis 20 Grad unter dem Gefrierpunkt, Sonne, knirschender Schnee unter den Füßen, rote Nasen, Reif in den Haaren und, natürlich, ein Pelzmantel – das einzige zuverlässige Mittel gegen die Kälte. Bisher hat die Menschheit sich noch nichts Besseres ausgedacht.

In der Rus war die Oberbekleidung aus Fell ein unabdingbarer Bestandteil der Garderobe. Das verbreitetste Kleidungsstück war der Koschuch, ein Mantel, der bis zum Boden reichte und aus bis zu neun gegerbten Schaffellen gefertigt wurde. Der Koschuch verfügte über einen umschlagbaren Kragen, der bei Kälte aufgestellt werden konnte. Beliebt war zur damaligen Zeit auch die Schuba, ein weiter Pelzmantel aus Kaninchen- oder Schaffell mit großem Pelzkragen. Pelze waren immer schon kein billiges Vergnügen, deshalb verfügten arme Familien häufig nur über einen einzigen Mantel für alle Familienmitglieder und dieser wurde von Generation zu Generation weitervererbt.

Viel besser ging es da schon den wohlhabenden Menschen der mittelalterlichen Rus. Die Pelzmäntel der Fürsten und Bojaren, der damaligen Elite der Gesellschaft, liefen nach unten auseinander, hatten lange und weite Ärmel und umschlagbare Krägen. Reiche Leute konnten sich eine Vielzahl wertvoller Pelzmäntel aus Fuchs-, Zobel- oder Polarfuchsfell leisten und zogen manchmal sogar gleichzeitig mehrere davon an. Vom 15. bis 17. Jahrhundert wurden die Pelzmäntel mit Gold und Edelsteinen bestickt und einige reiche Mitmenschen flanierten sogar im Sommer mit ihnen auf der Straße, um jedermann ihren Wohlstand zu demonstrieren.

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Gekrönten Häuptern stand eine reiche Auswahl an Kürschnerwaren zu, für alle Lebenslagen: für die Krönungsfeierlichkeiten, für die Jagd, für Audienzen und für Festmahle. Der Zar trug immer ein Kleidungsstück aus edlem Pelz, das mit Edelsteinen besetzt war und dem gegebenen Anlass entsprach. Manche von ihnen sind in die Geschichte eingegangen, wie zum Beispiel die Mütze des Monomach, die über mehrere Jahrhunderte zu den Krönungsinsignien der russischen Zaren gehörte, oder der kaiserliche Hermelinpelz. Pelzmäntel waren also auch ein Element der höfischen Etikette.

 

Peter der Große reformierte selbst die Pelzmode

Der Stil der Pelzmäntel änderte sich mit der Entwicklung des Landes. Der Reform-Zar Peter I. war kein Freund von Ausschweifungen: Er schaffte die übermäßig langen Ärmel und Säume ab. Die sich im 18. Jahrhundert ausbreitende europäische Mode führte dazu, dass die traditionelle Schuba von nun an nur noch selten in der Oberschicht getragen wurde.

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 Aber wenn dann der Winter einbrach, erinnerten sich selbst die eingefleischten Modenarren an dieses rettende Kleidungsstück. Der Schnitt nahm dabei die unterschiedlichsten Ausprägungen an: Sehr beliebt waren zweireihige Pelzmäntel mit geradem Rückenteil und Schößen, langen geraden Ärmeln und umschlagbarem Kragen. Im 19. Jahrhundert kamen Pelzmäntel mit „Einschnitt" und mit „Verengung" in Umlauf, mit anderen Worten: mit Taille. Sie wurden zumeist mit durchgenähtem Rücken und durchgenähten Schößen und vor allem mit Zwickeln gefertigt, die an den Seiten unterhalb der Taille eingesetzt wurden. Unabhängig vom Zuschnitt wurden die Pelzmäntel rechts über links mithilfe von Haken oder Knöpfen geschlossen. Die Länge jedoch konnte unterschiedlich ausfallen – von bodenlang bis recht kurz –, wobei die Frauen in der Regel kürzere Mäntel trugen. Im Wesentlichen unterschieden sich die Pelzmäntel für Männer und Frauen nur durch ihre Größe.


Pelz als Statussymbol in der Sowjetunion

Zu Sowjetzeiten nahm die Zahl der Pelzwaren im weiten Russland nicht ab, sondern es gab, ganz im Gegenteil, eine Reihe großer Pelztierfarmen, Betriebe, die sich auf die Zucht von Rauchwild spezialisierten. Aber die Mäntel wurden nicht mehr individuell geschneidert, sondern in Pelzfabriken gefertigt, wodurch das Sortiment äußerst eingeschränkt war. Eine der größten Pelzfertigungen befand sich in der Stadt Tschita und diente in erster Linie der Versorgung der Armee. Hunderttausende Soldaten und Offiziere wurden mit Schaffellmänteln, -mützen und -handschuhen beliefert. Während des Krieges, in den Jahren 1941 bis 1945, produzierte die Fabrik rund um die Uhr, sieben Tage die Woche.

Außer Wintermänteln für die Armee fertigte die Pelzfabrik in Tschita auch Kinder-Pelzmäntel aus den Fellen des Zigajka-Schafes und einige Damen- und Herren-Pelzmantelmodelle. Die Qualität war hervorragend. Die Einwohner von Tschita allerdings hatten, wie auch die meisten anderen normal sterblichen Sowjetbürger, kaum eine Chance, diese begehrten Erzeugnisse zu erwerben. Teure und elegante Karakulschaf-Pelzmäntel konnten sich in der Regel nur Frauen von Männern der Elite leisten. Aber auch diese Mäntel zeichneten sich meist durch einen klassischen Schnitt in den Farben schwarz oder grau aus.

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Nach dem Untergang der Sowjetunion kam der Pelzmantel wieder verstärkt in Mode – sowohl, um den neu erworbenen Reichtum zur Schau zu stellen, als auch, um die wieder gewonnene Bürgerlichkeit zu symbolisieren. Vielen Frauen ging es zudem darum, ihre Weiblichkeit zu unterstreichen. Die freie Marktwirtschaft verschaffte dem russischen Pelzmantel einen wahrhaften Durchbruch. Heutzutage existieren im Land mehrere große Pelzfabriken, die mit modernsten Fertigungslinien ausgestattet sind und ein modisches Sortiment anbieten. Auf den Straßen kann man kittelartige Zobelmäntel und Kaninchen-Pelzjacken, moderne Varianten des traditionellen Schaffell-Pelzmantels sowie „Trapeze" oder aus Chinchilla gefertigte Waren antreffen.

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