Charlottengrad: Russische Blütezeit in Berlin

Das Zentrum der vielköpfigen russischen Diaspora wurde Charlottenburg, ein vornehmes und prestigeträchtiges Stadtviertel. Foto: AKG / East News

Das Zentrum der vielköpfigen russischen Diaspora wurde Charlottenburg, ein vornehmes und prestigeträchtiges Stadtviertel. Foto: AKG / East News

In den 1920er-Jahren war Berlin ein beliebtes Ziel auswanderungswilliger Russen, die der deutschen Hauptstadt russisches Flair verliehen. Insbesondere der Stadtteil Charlottenburg wurde Zentrum des russischen Lebens.

In den 1920er-Jahren war Berlin nicht nur eine deutsche Stadt, sondern auch eine russische. Nach offiziellen Angaben gab es in Deutschland 600 000 Emigranten aus dem sowjetischen Russland. Etwa die Hälfte von ihnen ließ sich in der Hauptstadt nieder.

Die Blütezeit des russischen Berlins war kurz, aber intensiv. Sie hinterließ Spuren sowohl in der deutschen als auch in der russischen Literatur. Es genügt zu erwähnen, dass fast in jedem zweiten Roman Remarques ein Russe vorkommt. Und Schauplatz der frühen Prosa von Nabokov ist Deutschland, hauptsächlich Berlin.

Der Zufall wollte es, dass das Zentrum der vielköpfigen russischen Diaspora Charlottenburg wurde, ein vornehmes und prestigeträchtiges Stadtviertel. Dort fuhren auf den Straßen Hunderte von russischen Taxifahrern, dort hatten ganze sechs russische Banken und eine Unmenge russischer Verlage ihren Sitz, und in den Schaufenstern der Geschäfte prangten Schilder mit der Aufschrift „Wir sprechen auch Deutsch“, was die ansässigen Deutschen halb in Ohnmacht fallen ließ. Ins Auge stachen russische Schilder wie die des Buchladens „Rodina“ („Heimat“), des Restaurants „Medwed“ („Bär“) oder des Cafés „Moskwa“ („Moskau“). In Charlottenburg lebten zu verschiedenen Zeiten Wladimir Nabokov, Marina Zwetajewa, Ilja Ehrenburg und Wladislaw Chodassewitsch. Noch heute kann man an den Hauswänden die ihnen gewidmeten Gedenktafeln lesen.

 

Russische Kultur inmitten Deutschlands

Die Emigranten etablierten sich dauerhaft in Berlin, gaben Zeitungen heraus, eröffneten Bildungseinrichtungen, gründeten Gewerkschaften. Interessanterweise waren bei Weitem nicht alle Berliner Russen politische Flüchtlinge und längst nicht alle waren antisowjetisch eingestellt. In Berlin arbeiteten viele Sowjetbürger, eine Dienstreise in die Stadt war kein Problem. Man konnte relativ einfach ein deutsches Visum bekommen. Obendrein schlugen die Bolschewiken nach Kriegsende einen Kurs der Annäherung mit der deutschen Regierung ein. Auch spielte die Hyperinflation eine Rolle, die gerade in Deutschland ihren Anfang nahm. Aus ihr konnte man durchaus Nutzen ziehen, was viele Russen auch taten, indem sie stundenlang an den Geldwechselstuben Schlange standen. Die meisten von ihnen lebten so mindestens so gut wie die Einheimischen, manche sogar besser.

Der Kontakt zur Heimat brach nie ab. Es lässt sich kaum ein bedeutender sowjetischer Kunstschaffender finden, der nicht im Berlin der 1920er-Jahre gewesen wäre. Ein Großereignis war jedes Mal die russische Theatersaison. Im Winter 1922/23 kam das Moskauer Künstlertheater mit Starbesetzung für ein Gastspiel nach Berlin, mit Stanislawski, Katschalow, Knipper und Moskwin. Das Tairow-Theater mit der Koonen brachte „Phädra“, „Salome“ und das Musikschauspiel „Moritz von Sachsen“ mit. Das Wachtangow-Theater mit Michael Tschechow kam und Katschalow las bei Literaturmatineen Gedichte von Blok und Rabindranath Thakur. Es gab auch eine große Gruppe russischer Maler in Berlin. Ausstellungen von Roerich, Benois, Kandinsky und Chagall wurden gezeigt.

Es gab so viele Russen, dass sogar ein russischer Stadtführer herausgegeben werden musste. Schaut man auf den Stadtplan, sieht man, dass die „russische Emigrantenrepublik“ zwischen Charlottenburg und dem Zoologischen Garten gelegen war, in der Gegend der Gedächtniskirche im Westteil der Stadt. Ihre Struktur war autonom und eigenständig, bis hin zu den Friseuren, Kindergärten und Gymnasien. Aus diesem Grund bürgerte sich irgendwann auch der Begriff „Charlottengrad“ ein.

Auch ein „klub pisatelej“ („Schriftstellerklub“) wurde 1922 gegründet. Anfangs trafen sich die Klubmitglieder im Café „Landgraf“ auf dem Kurfürstendamm und organisierten Lesungen und Musikabende. Danach traf man sich in der Kleiststraße. Dort fand auch ein Thomas-Mann-Abend statt, an dem eben dieser seinen Essay „Goethe und Tolstoi“ vortrug. In Berlin gab es drei russische Theater mit anspruchsvollem Repertoire: Das „Russische Romantische Ballett“, den „Blauen Vogel“ und das „Russische Theater Wanka-Wstanka“. Dabei feierte das „Romantische Ballett“ Erfolge nicht nur bei den Emigranten, sondern auch bei den Deutschen.

Einen Aufschwung nahm auch der Buchmarkt. Der Verlag „Slowo“ („Wort“)

gab Gesamtausgaben von Lermontow, Puschkin, Gogol, Tolstoi und Dostojewski sowie Sammelbände der sowjetischen Gegenwartslyrik heraus. „Mysl“ („Gedanke“) verlegte die russischen und europäischen Klassiker. Die Bücher waren von solch hoher Qualität und typographischer Gestaltung, dass die Sowjetverlage keine Konkurrenz für sie darstellten. Eine Filiale der Berliner Buchhandlung „Moskwa“ eröffnete sogar in New York. Die in Deutschland verlegten, vergleichsweise günstigen Bücher waren in Polen, Lettland, Litauen, Finnland, Bessarabien und Russland erhältlich. Es gab eine Reihe von russischen Zeitungen: „Golos Rossii“ („Stimme Russlands“), „Rul“ („Lenkrad“) und „Nakanune“ („Vorabend“). Erstaunlicherweise wurde neben den Emigranten-Zeitungen auch die kommunistische Tageszeitung „Novy mir“ („Neue Welt“) gedruckt, herausgegeben von der sowjetischen Botschaft.

Diese Entwicklungen zogen sich für zwei bis drei Jahre hin. Bereits gegen Ende 1923 war dieser Prozess rückläufig. Die Emigrantenszene überwarf sich aus politischen Gründen und zerfiel in feindliche Lager. In der UdSSR verhärtete sich das Regime, die Kontakte zur ehemaligen Heimat gestalteten sich immer schwieriger. Die einen siedelten in andere Länder um, hauptsächlich nach Frankreich, andere – und es waren nicht wenige – gingen zurück nach Russland. Das kleine, aber aktive russische Kulturleben in Berlin hörte auf zu existieren. Die nächste größere Zahl russischer Berliner sollten die Deutschen erst mehr als 60 Jahre später sehen, als die Mauer fiel und sich ein Emigrantenstrom aus der Sowjetunion, deren Tage gezählt waren, ins wiedervereinigte Deutschland ergoss.

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