Vom Scheitel bis zur Zehe königlich

Die Ausstellung „Im Glanz der Zaren“ folgt den Spuren der Romanows in Baden Württemberg. Foto: Pressebild

Die Ausstellung „Im Glanz der Zaren“ folgt den Spuren der Romanows in Baden Württemberg. Foto: Pressebild

Vier Generationen, fünf Heiratsverbindungen und drei Staatsoberhäupter: Wie die Zarenfamilie der Romanows dem Hause Württemberg zum Glanz verhalf.

Als Königin Olga von Württemberg am 30. Oktober 1892 an ihrem Witwensitz in Friedrichshafen starb, notierte Baronin Hildegard von Spitzemberg, Gattin des württembergischen Gesandten am preußischen Königshof, in ihr Tagebuch: „Mir ist ihr Tod unendlich wehmütig: war sie doch für unser Geschlecht ‚die Königin', und wie königlich vom Scheitel bis zur Zehe in ihrem ganzen Wesen und Gebaren! Solche Frauen werden nicht mehr geboren noch aufgezogen an den Höfen; ein ganzer Typus der fürstlichen Frau, wie sie uns lieb und verehrungswürdig war, sinkt mit der Königin Olga ins Grab ..."


Glamour für ein kleines Königreich

 Königin Olga (1822–1892), deren Tod hier so heftig betrauert wird, war die Tochter des Zaren Nikolaus I. und seiner Frau Alexandra Fjodorowna. Im Juli 1846 heiratete sie den württembergischen Kronprinzen Karl. Die schöne russische Großfürstin brachte „Glamour" in das kleine Königreich Württemberg; sie beeindruckte ihre Zeitgenossen durch ihre glanzvolle Erscheinung und vornehme Ausstrahlung.

Der legendäre Reichtum der Zarentochter zeigte sich in ihrer prachtvollen Aussteuer und reichen Mitgift, die es auch erlaubte, die Villa Berg als repräsentativen Sommersitz im Renaissancestil fertigzustellen. Olga ist bis heute in Stuttgart präsent, zumal noch viele Orte ihren Namen tragen. Schmerzlich empfand die Königin die Kinderlosigkeit ihrer Ehe, die sie durch ein besonders intensives soziales Engagement zu kompensieren suchte. Eine Vielzahl von Einrichtungen geht auf ihre Initiative zurück.
Die Ehe zwischen Karl und Olga war bereits die vierte im engen Geflecht der dynastischen Beziehungen zwischen den Häusern Romanow und Württemberg im 18. und 19. Jahrhundert. In vier Generationen kamen fünf Heiratsverbindungen zwischen beiden Häusern zustande, und in drei Fällen waren Staatsoberhäupter die Ehepartner.

Die Erste dieser Ehen geht auf Katharina die Große zurück, die im Jahre 1776 auf der Suche nach einer Braut für ihren Sohn Paul in Württemberg fündig wurde. Die Auserwählte war Prinzessin Sophie Dorothee (1759–1828), Nichte des regierenden Herzogs Carl Eugen. Die württembergische Prinzessin erfüllte alle Anforderungen, welche die Zarin an ihre zukünftige Schwiegertochter stellte: Sie entstammte einer uralten Reichsdynastie, war an einem kultivierten Hof aufgewachsen, war schön und gebildet. Als Großfürst Paul 1796 nach dem Tod seiner Mutter die Regierung übernahm, rückte Maria Fjodorowna – das war der Name, den sie nach ihrer Heirat und dem Übertritt zum orthodoxen Glauben angenommen hatte – in den Mittelpunkt der Petersburger Gesellschaft; weitreichende Anerkennung gewann sie durch ihre sozial-karitative Tätigkeit.

Während Maria Fjodorowna den Weg von Württemberg nach Russland angetreten hatte, ging ihre Tochter Katharina (1788–1819) eine Generation später den Weg zurück nach Stuttgart. Nach dem Tod ihres ersten Mannes führten sie ausgedehnte Reisen nach Mittel- und Westeuropa. Dabei lernte

sie ihren Cousin Wilhelm von Württemberg kennen. Im Januar 1816 fand in St. Petersburg die Hochzeitstatt. Als ihr Mann wenige Monate später den Thron bestieg, steckte Württemberg in einer schweren wirtschaftlichen Krise; Missernten hatten zu akuter Not geführt. Die junge Königin stellte sich tatkräftig den Problemen und initiierte zahlreiche und nachhaltige Hilfsmaßnahmen: Sie rief den Wohltätigkeitsverein ins Leben, gründete die erste Sparkasse und das erste Mädchengymnasium des Landes. Auch die Einrichtung eines Hospitals und der Landwirtschaftlichen Schule in Hohenheim konnte sie in der kurzen Zeit realisieren. Ihr plötzlicher Tod im Januar 1819 löste große Trauer in der württembergischen Bevölkerung aus.

Eine weitere Heirat in derselben Generation führte wiederum eine württembergische Prinzessin nach Russland: Friederike Charlotte Marie (1807–1873), ältestes Kind des Prinzen Paul von Württemberg, heiratete 1824 einen Bruder Katharinas, den Großfürsten Michail. Großfürstin Elena Pawlowna, so ihr Name nach dem obligatorischen Übertritt zum orthodoxen Glauben, tat sich als engagierte Mäzenin und sozialpolitische Förderin hervor.

Die Letzte im Reigen dieser Verbindungen war Wera Konstantinowna (1854–1912), Tochter des Großfürsten Konstantin und eine Nichte der

Königin Olga. Sie kam im Dezember 1863 in die Obhut ihrer Tante. Aus dem zunächst vorübergehenden Aufenthalt wurde ein dauerhafter; 1871 nahmen König Karl und Königin Olga Wera an Kindestatt an. Durch die Heirat mit Herzog Eugen von Württemberg wurde Wera vollends zur Württembergerin. Nach dem Vorbild ihrer Großtante Katharina und ihrer Tante Olga war auch sie in großem Maß karitativ engagiert. Mit dem Tod der Herzogin 1912 enden nicht nur die dynastischen Beziehungen der beiden Adelshäuser. Bereits wenige Jahre später war auch das Ancien Régime nur noch Geschichte.

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