Russischer Film: Flucht vor der Realität

Filmkritiker Anton Dolin: Dreht jemand einen Film über das wirkliche Leben in Russland, hat er vielleicht Chancen, auf Festivals gezeigt zu werden, die Russen werden ihn aber unter Garantie nicht anschauen. Foto: Pressebild

Filmkritiker Anton Dolin: Dreht jemand einen Film über das wirkliche Leben in Russland, hat er vielleicht Chancen, auf Festivals gezeigt zu werden, die Russen werden ihn aber unter Garantie nicht anschauen. Foto: Pressebild

Der junge russische Filmkritiker Anton Dolin stellt im Interview seine Sicht auf das russische Kino dar und erklärt, warum es nicht an die Erfolge der Vergangenheit anknüpfen kann.

Anton Dolin zählt wohl zu den wichtigsten jungen russischen Filmkritikern. Er hat Bücher über Lars von Trier, Takeshi Kitano und Alexei German geschrieben. Seit zwölf Jahren besucht er regelmäßig die Berlinale.

 

Russland HEUTE: Russische Filme sind auf der Berlinale nicht vertreten. Sind die diesjährigen Filmfestspiele in Berlin eine Beleidigung für die russischen Filmemacher?

Anton Dolin: Das haben sie sich selbst zuzuschreiben. Vielleicht haben sie nichts Überzeugendes produziert, vielleicht aber haben sie ihre neuen Filme nicht nach Berlin, sondern nach Cannes geschickt. Man kann viel spekulieren, aber ich halte mich an die Fakten: Es werden hier keine russischen Filme gezeigt. Das fällt allerdings nur russischen Journalisten und Kritikern auf.

Wenn ein russischer Regisseur einen Film eigens für die Berlinale drehen würde, was wäre das für ein Film?

Wenn jemand etwas speziell für einen Oscar, für Cannes, Venedig oder Berlin produziert, kann nichts Gutes dabei herauskommen. Das Originelle lässt sich nicht nach Vorgaben schaffen. Originalität kommt immer durch Inspiration. Entschuldigen Sie bitte diese Trivialität, aber so ist das. Natürlich kann die Berücksichtigung bestimmter Formate helfen. Mit einem Film über die Situation von Schwulen und Lesben in Russland zum Beispiel hat man gute Chancen, auf allen internationalen Festivals anzukommen, insbesondere auf der Berlinale, wo solche Filme eine lange Tradition haben.

Könnten Sie das Format der Berlinale in einigen Sätzen beschreiben?

Die Berlinale ist ein politisches und soziales Filmfestival, bei dem es immer auch um Menschenrechte geht. Es ist ein Festival nicht der großen Namen, sondern der aktuellen Themen und neuen Terrains. Es machte sich für Alexei Popogrebski bezahlt, seinen Film „How I ended this Summer" im Hohen Norden Russlands zu drehen. Er schaffte es unter die Favoriten des Wettbewerbs und wurde mit zwei silbernen Bären ausgezeichnet.

Deutsche Produktionen gibt es auf der Berlinale massenhaft. Kann der russische Film vom deutschen etwas lernen?

Unbedingt. Deutschland hat zum Beispiel ein unglaublich starkes Theater mit hervorragenden Schauspielern, die auch regelmäßig vor der Kamera stehen. In Russland mangelt es auch nicht an sehr guten Bühnenschauspielern. Sie werden aber für Filmproduktionen nicht engagiert. Filmschauspieler bilden in Russland einen mehr oder weniger geschlossenen Kreis. Dabei bräuchte der russische Film dringend neue Gesichter. Der deutsche Film schafft es außerdem, das reale Leben der Deutschen abzubilden. Diese Filme werden in ganz Deutschland angesehen.

Und in Russland?

In Russland erleben wir das Gegenteil. Dreht jemand einen Film über das wirkliche Leben in Russland, hat er vielleicht Chancen, auf Festivals gezeigt zu werden, die Russen werden ihn aber unter Garantie nicht anschauen.

Wir wissen nicht, ob das an den Zuschauern liegt, an unseren Regisseuren oder am Verleih – jedenfalls werden in den Kinos keine Filme mit starkem Realitätsbezug gezeigt. Dafür zahlt niemand Geld. Geld bezahlt man für Filme wie „Stalingrad" und „Legende Nr. 17": Streifen, die nicht das wirkliche Leben abbilden, sondern irgendeine Fantasiewelt, häufig aus entfernter Vergangenheit. Eine nostalgische Welt, die den Zuschauern vorgaukelt, was sie sehen wollen, aber auf gar keinen Fall die Realität. Die Deutschen dagegen zeigen die Realität.

Russische Filme gibt es auf der Berlinale nicht. Russische Themen aber sind durchaus gegenwärtig – und sei es in Filmen aus anderen Ländern.

Die russische Kultur wird immer eine Stimme in der Welt haben. Die Sujets von Dostojewski, Tolstoi oder Gogol werden für alle Zeiten von asiatischen, europäischen und amerikanischen Filmen aufgegriffen. Aber in der internationalen Wahrnehmung ist Russland nicht nur ein riesiges, rätselhaftes Imperium. Es wird auch mit Menschenrechtsverletzungen und Armut assoziiert. Diese Fragen bewegen auch Filmschaffende aus anderen Ländern.

Fallen Ihnen ein paar kürzlich herausgekommene Filme ein, die theoretisch auch für die Berlinale hätten ausgewählt werden können?

Alexei Germans „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein". Der Film wäre wahrscheinlich auf der Berlinale genommen worden. Man hatte ihn aber bereits für das Römische Filmfestival eingereicht, dessen Direktor es schon lange auf den Film abgesehen hatte und auch gute Beziehungen zur Familie des Regisseurs pflegt. „Celestial Wives of the Meadow Mari" („Nebesnyje scheny lugowych mari") von Alexei Fedortschenko hätte auch in einem der Programme gezeigt werden können.

Es sind sehr viele Gäste aus Russland auf der Berlinale. Warum?

Erstens lockt ein großer und bewegter Filmmarkt. Hier kommen Filmproduzenten aus der ganzen Welt zusammen, um beispielsweise einen

Co-Produzenten zu finden oder um Filme zu verkaufen. Außerdem verfolgen viele hier persönliche Ziele. Am Rande der Filmfestspiele gibt es jede Menge Gelegenheiten, Kontakte zu knüpfen. Und schließlich kann man Unmengen an Filmen sehen, von denen die große Mehrheit nicht in den russischen Verleih kommen wird.

Was ist für Sie das wichtigste Ereignis auf der diesjährigen Berlinale?

Auf jeden Fall „Nymphomaniac Part 1". Ich verehre Lars von Trier schon lange, befasse mich mit seinem Werk und habe auch ein Buch über ihn geschrieben. Ich bin überzeugt, dass von Trier der begabteste Gegenwartsregisseur der Welt ist. Außer „Nymphomaniac" sind noch einige weitere, sehr interessante Filme im Wettbewerb. Der chinesische Film „Black Coal, Thin Ice" fällt wirklich aus dem Rahmen. Der deutsche Film „Kreuzweg" scheint mir auch ein großer Wurf zu sein. Das ist echtes und unverfälschtes Kino.

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