Der nördlichste Tee der Welt

Der Tee „Domik Koschmana", der handgepflückt wird, kann heute in russischen Geschäften zu einem relativ guten Preis gekauft werden. Foto: RIA-Novosti

Der Tee „Domik Koschmana", der handgepflückt wird, kann heute in russischen Geschäften zu einem relativ guten Preis gekauft werden. Foto: RIA-Novosti

Der „Tee aus Krasnodar“, über den selbst erfahrene Teekenner wenig wissen, ist ein Getränk, das viele einzigartige Eigenschaften besitzt und hinter dem sich eine märchenhafte Geschichte verbirgt.

Viele Gäste der Olympischen Winterspiele in Sotschi hatten bereits das Vergnügen, den geheimnisvollen „Tee aus Krasnodar", der in der Region Sotschi angebaut wird, zu probieren und in den Genuss seiner einzigartigen Eigenschaften zu kommen: sein feines Aroma, das an den chinesischen Blatt-Tee Ljansin erinnert, und seine anregende Wirkung. Die Geschichte des Tees aus Krasnodar reicht weit zurück und verdient es, in spannenden Abenteuerromanen erzählt zu werden.

 

Die Geschichte beginnt im 18. Jahrhundert

Die Anfänge des Tees aus Krasnodar sind tief in der Vergangenheit verwurzelt, weswegen man mit seiner Geschichte ab dem 18. Jahrhundert beginnen sollte. Damals teilten sich das russische und das britische Imperium den internationalen Teehandel unter sich auf. Dabei gab es zwei Handelspforten: Einerseits durfte Teehandel auf dem Seeweg nur durch die chinesische Stadt Nanjing geführt werden, wo die Engländer dominierten, andererseits durch die burjatische Stadt Kjachta, durch die man in russisches Gebiet gelangte.

In Russland betrachtete man die Engländer nicht als Konkurrenten, denn der Tee, den man auf dem Seeweg transportierte, stammte nicht von den besten Teeplantagen. Darüber hinaus wirkten sich die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit, die durch die wochenlangen Transportfahrten auf dem Meer noch verstärkt wurden, schlecht auf die feinen Teeblätter aus. Der Tee, der mit Karawanen transportiert wurde, stammte hingegen aus den

besten Plantagen. Zudem war der Transport auf dem Landweg viel schonender für den Tee als jener auf dem Seeweg. Die wahren Teekenner wussten das und gaben daher auch viel mehr Geld für den Tee russischer Unternehmen aus. Viele Teeexperten von heute tun das noch immer – so beispielsweise die in ganz Europa bekannte französische Firma Kusmi Tea, die ihren Tee ausschließlich von dem russischen Teehersteller Kusmitschew & Co. bezieht.

Als Chinas „Eiserner Vorhang" fiel und die Briten die Kultivierung von Tee in Indien und in Ceylon (heute Sri Lanka) veranlassten, entschloss man sich auch in Russland, die Produktion auszuweiten. Man begann mit der Kultivierung von Teesträuchern in den südlichen Randgebieten des Russischen Kaiserreichs – in Georgien und Aserbaidschan. Der Anbau verlief erfolgreich, sodass die Plantagen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits gute Ernten lieferten, obgleich die Qualität des dort angebauten Tees etwas zu wünschen übrig ließ: Aufgrund der Zusammensetzung des Bodens konnte von einem exklusiven Teeprodukt noch lange nicht die Rede sein. Der einzige Vorteil der aserbaidschanischen und georgischen Tees war, dass sie kostengünstig angebaut werden konnten.

 

Ein geheimnisvoller Teezüchter

Der bekannteste Teezüchter Russlands Iuda Koschman mit seiner Familie. Foto: Historisches Museum Sotschi

Doch dann tauchte ein gewisser Iuda Koschman auf, eine rätselhafte Persönlichkeit, über die man leider viel zu wenig weiß. Bekannt ist lediglich, dass er aus der Ukraine stammte, genauer aus einer kleinen jüdischen Ortschaft. Als er sich auf die Suche nach Arbeit begab, reiste Koschman zunächst in die Türkei und dann nach Georgien zu den Teeplantagen, was ungewöhnlich war, da jüdische Arbeiter und Kaufleute eher auf ihrer Suche nach Arbeit in den Westen emigrierten. Landwirtschaft betrieben sie eher später, zu jener Zeit, als der Zionismus seine Blüte erlebte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließ sich der bereits 60-jährige Koschman in einer winzigen Siedlung in den Bergen nahe Sotschi namens Solochaul nieder. Von dem auf den Teeplantagen erarbeiteten Geld kaufte er sich eine kleine Landparzelle, wo er gemeinsam mit seiner russischen Frau Matrjona Iwanowna – ebenfalls ungewöhnlich, denn solche Ehen kamen äußerst selten vor – und seinen Kindern damit begann, Tee zu kultivieren,

der aus Georgien importiert wurde. Die Nachbarn respektierten den vor Gesundheit strotzenden und einen Vollbart tragenden Mann und seinen Fleiß. Allerdings dachten sie auch, dass er verrückt sei: Versuche, die in den 1870er-Jahren von Agronomen durchgeführt wurden, zeigten nämlich, dass es im Nordkaukasus viel zu kalt ist, um dort Tee anzubauen.

Koschman erwies sich bald als genialer Teezüchter, dessen Tee sich bereits nach vier Jahren derart gut an die Region angepasst hatte, dass man ihn im Winter nicht mehr durch Einwickeln vor der Kälte schützen musste – auch wenn es in Solochaul im Januar bis zu minus zwölf Grad haben kann. Nach zehn Jahren, genauer im Jahre 1913, konnte sich die Familie dann bereits über ihre erste Ernte freuen. Damals stellte sich auch heraus, dass der dortige Boden eine einzigartige Zusammensetzung aufwies, weswegen der Tee etwas später die Bezeichnung „Tee aus Krasnodar" erhielt – die dortigen Anbauflächen beziehen sich auf die Region von Krasnodar: Der Tee wurde für seinen süßen Geschmack, seine schöne dunkle Bernsteinfarbe und sein blumiges Aroma auch als Pendant zum besten chinesischen Ljansin-Tee gepriesen. Und weil die Teesträucher aufgrund des dortigen Klimas relativ wenig Sprossen hervorbrachten, überschritt der Gehalt an anregenden Substanzen im Tee aus Krasnodar bei Weitem jenen der besten chinesischen Tees.

 

Späte Anerkennung für den russischen Tee

Eine Frau mit berühmtesten

sowjetischern Teesorten. Foto: 

Vladimir Perventsev/RIA-Novosti

An dieser Stelle hört die Geschichte auf, an ein wunderbares Märchen zu erinnern, denn nun bekam es der Tee mit der Bürokratie und dem Handel zu tun. Koschman musste damals viel verkraften, bevor er Anerkennung für seinen Tee erntete.

In seinem bescheidenen Haus in Solochaul, das heute ein Museum ist, sammelten sich viele formelle Schreiben und Briefe von der Akademie der Wissenschaften, in denen Wissenschaftler aus Sankt Petersburg den Tee aus Krasnodar als Schöpfung eines Schizophrenen bezeichneten. Es ging sogar so weit, dass das Teemonopol in Georgien die Polizei auf den potenziellen Konkurrenten hetzte. Koschmans Frau musste ihren Mann aus dem Gefängnis freikaufen. Danach standen die Plantagen des Teebauers kurz vor ihrem Ende, doch – und das ist ein weiteres Rätsel in der Geschichte des Tees aus Krasnodar – dazu kam es nicht. Scheinbar hatte die Familie immer noch ein wenig Geld zum Bestechen übrig.

Iuda Koschmans Tee erhielt erst knappe 70 Jahre später, zu Zeiten der Sowjetunion, auf einer landwirtschaftlichen Ausstellung seine verdiente Anerkennung in Form einer Goldmedaille. Koschman verstarb mit knapp einhundert Jahren und wurde gemeinsam mit seiner Frau zwischen Teesträuchern auf seinen Plantagen begraben, die heute noch geerntet werden. Der Tee „Domik Koschmana", der handgepflückt wird, kann heute in russischen Geschäften zu einem relativ guten Preis gekauft werden, weshalb er auch kein Ladenhüter ist, sondern echte Exklusivware.

Die Teesträucher Koschmans zählen zu den ältesten Teesträuchern in Russland, und je älter ein Strauch ist, desto besser ist auch sein Tee. Die Teesorten, die der geniale Züchter hervorbrachte, waren im 20. Jahrhundert in den Niederungen der Region um Sotschi weit verbreitet. In der Sowjetunion konnte man seinen Tee in jedem Geschäft kaufen, doch er erfreute sich nicht wirklich großer Beliebtheit – das maschinelle Ernteverfahren kostete ihn seine einzigartigen Qualitäten.

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