Masleniza: Zwischen Lust und Überdruss

Bild: RIA-Novosti

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Eine "zeremonielle" Maßlosigkeit beim Essen und Trinken bescheinigt ein amüsanter Artikel in der Zeitung "Moskowskie Wedomosti" von vor hundert Jahren den Festen in der russischen Butterwoche.

Das Fest Masleniza, im Deutschen auch als Butterwoche bekannt, wurde in Russland in allen Familien gefeiert - angefangen von den ärmsten, die ein ganzes Jahr lang ihr Geld sparen mussten, um das Fest des Frühlings und der Fruchtbarkeit überhaupt feiern zu können, bis hin zur Zarenfamilie, die gerne an verschiedenen Banketten teilnahm, Bälle besuchte und sich anderer Vergnügungen erfreute. Auch wenn die Feiern in der Stadt und auf dem Lande noch so unterschiedlich gewesen sein mögen, so gab es dennoch eine große Gemeinsamkeit: Alle pflegten eine traditionelle, "zeremonielle" Maßlosigkeit beim Essen und Trinken. Vor hundert Jahren publizierte die Zeitung "Moskowskie Wedomosti" eine humorvolle Reportage über die Feierlichkeiten der Butterwoche in Moskau. Russland HEUTE erinnert noch einmal an diese amüsante Geschichte.

Tag eins der Butterwoche: Irgendwo werden Blini gebacken. Man einigt sich dabei darauf, dass dies wohl die ersten sind, die zubereitet werden. Das sind meistens die so genannten "Klumpen". Es macht nichts, denn es gibt immer genügend Menschen, die für sie Schlange stehen. Gegen diese "Klumpen" hilft im Übrigen auch Mehlbeerenschnaps. Blini essen sowohl die Rechten, als auch die ganz Linken. Nach den ersten Blini-Klumpen stehen diese dann auf und beginnen zu taumeln: entweder deswegen, weil sie es nicht gewohnt sind, oder weil die Mehlbeeren ihnen einen "leichten Gang" bereitet haben.

Tag zwei: Die Lage ist deutlich ernster geworden. Heute werden Blini aus

Weizen- und Buchweizenmehl gebacken sowie welche mit und ohne Füllung. Zu essen gibt es auch, von den Damen des Hauses nur mit Unmut und begleitet von Flüchen, beschafften Lachs und schwarzen, gepressten Kaviar. Denn von körnigem Kaviar kann nicht die Rede sein - davon träumt man nur. Lediglich die Progressiven bekommen roten Kaviar. Weißlachs fängt man eben in aufwieglerischen Verschwörungen nicht.

Unter Gastronomen nennt man den Fisch aus dem Don einen "wahren Staatsrat" und jene Blini, die mit ihm serviert werden "Blini mit einem General". Und so beginnt im Namen der im ganzen Lande eingeführten Nüchternheit die Vernichtung des "Klaren", also des englischen "Bitteren", der diversen Kräuterliköre, des Zubrowka, des Wermuts oder der süßen Johannisbeerschnäpse. Kurz darauf tauchen auf den Straßen auch schon die ersten undurchsichtigen Gestalten mit ihren trüben Blicken auf, deren Gang bislang zumindest noch einigermaßen  gerade ist.

Tag drei und vier: Blini soweit das Auge reicht. Die Folge davon ist eine allgemeine, mit dem exzessiven Verzehr von Blini eng verbundene, Verstopfung. Es herrscht ein enormer Bedarf an Medikamenten zur Bekämpfung dieses unangenehmen Zustands. Zu diesen zählen etwa Cognac der Marke Schustow, Madeira-Wein, Wein aus Teneriffa oder klarer russischer Fusel. Nationalisten haben ihr eigenes Rezept: Whiskey und dunkles Porter-Bier aus England.

In einer Gesellschaft auf dem Land berauschen sich nach dem Blini-Essen sämtliche Anwesende, inklusive des Politikers und Duma-Abgeordneten Fjodor Roditschew und des Kutschers eines anderen hohen Staatsbeamten an ihrer Nüchternheit. Sie schließen eine "Wette" ab, bei der es darum geht, wer am meisten Blini essen und am meisten Wodka trinken kann. Herr Roditschew gewinnt. Wasilij Maklakow, ein angesehener Anwalt, der eine hohe Wette auf den Kutscher abgeschlossen hatte, verliert so sein ganzes zuvor mit den verschiedensten Prozessen verdientes Honorar.

Der Geruch nach Blini beginnt ganz langsam an den Nerven zu zehren. Auf einer Straße kommt es in der Hitze des Gefechts zu einer Auseinandersetzung zwischen mehreren Intellektuellen. Zuerst nahm man an, es handle sich um eine Schlägerei zwischen Rechten und Linken, doch wie sich herausstellte, hatten sich nur parteilose Besoffene einen handgreiflichen Disput geliefert. Jetzt hören auch die Medikamente aus den Weinläden und anderen Geschäften auf zu wirken, sodass man auf Pfefferminzlikör und Soda zurückgreifen muss.

Tag sechs und sieben: Es bietet sich eine gelungene Parodie der babylonischen Sprachverwirrung, da sich alle unverständlicher Sprachen bedienen, um sich zu verständigen. Dionysos muss diese wohl vertauscht haben, nachdem er festgestellt hatte, dass die Blini-Pyramide so groß war, dass sie selbst einen Turm, wie jenen zu Babel, zweimal überragt hätte.

Einige Bürger können nicht mehr "Papa" und "Mama" sagen. Andere beginnen sogar "Fischnamen" vor sich hinzumurmeln. Doch Blini werden nach wie vor in Hülle und Fülle gegessen. Weise Leute, die mit scharfem Auge in eine dunkle Zukunft blicken, fürchten den Hunger. Alkohol fließt immer noch in Strömen. Restaurants, in denen Blini serviert werden, erinnern aus irgendeinem Grund an Passagierschiffe bei hohem Wellengang. Auf den Straßen findet man alle möglichen Gestalten: solche, die sich gerade noch bewegen, andere, die bereits kippen, wieder andere, die ausgestreckt daliegen, und schließlich jene, die aussehen als wären sie tot. In den Häusern hingegen werden Banketts mit Blini veranstaltet, auf denen die verschiedensten Reden geschwungen werden. Doch die aufgeblähten Mägen steigen den Rednern ziemlich in den Kopf, sodass sie in ihren Ansprachen Ereignisse und Namen vertauschen.

Tag sieben: der letzte Tag (zum Glück). Der Brand ist fast gelöscht und die Stimmung blumig, von den Pflanzen der Blini-Gelage. Doch die Diät

löst nun die Orgie ab. Der Anblick von Blini weckt Gedanken an Blutrache. Viele sind jetzt aus Hass auf Dinge, die an die Gaumenfreuden erinnern, der Raserei verfallen. So liest sich in dem Protokoll eines auf dem Gebiet der Literatur gebildeten Revieraufsehers, dass in dem Restaurant "Jagodka" ein progressiver Kaufmann, der offensichtlich die russische Gefräßigkeit verurteilte und strenge Enthaltsamkeit predigte, sämtliche Flaschen am Boden zerschlagen und vor Wut beinahe Eier gelegt hätte. Doch der Verfasser des Protokolls war scheinbar ein sehr lakonischer Mensch, weshalb man nicht zu glauben braucht, dass er den progressiven Kaufmann für einen Stör gehalten hat. Nein, hier gibt es keinen tieferen Sinn, hier ist alles nur mehr auf spiritualistischer Ebene. Schließlich endet die Masleniza mit einem traurigen Seufzer und reumütigen Gebeten: Gebt uns Sauerkraut - und sauren Gurkensaft!

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