Für Arbeit, Mut und Mutterschaft: Zivile Orden der Sowjet-Ära

Leonid Breschnew war stolzer Besitzer von vier verschiedenen Jacketts mit einem jeweils unterschiedlichen Set von Medaillen und Orden. Foto: Photoshot / Vostok-Photo

Leonid Breschnew war stolzer Besitzer von vier verschiedenen Jacketts mit einem jeweils unterschiedlichen Set von Medaillen und Orden. Foto: Photoshot / Vostok-Photo

Wussten Sie, dass Juri Gagarin, der erste Mann im Weltall, einen Orden „Für die Entdeckung von Neuland“ erhielt? Oder dass Stalins Lieblingsmedaille „Held der sozialistischen Arbeit“ war? In der Sowjetunion gab es zahlreiche zivile Auszeichnungen.

Helden der Arbeit

Die ersten zivilen Medaillen wurden in Russland bereits von der zaristischen Regierung eingeführt. In den Anfangsjahren der UdSSR gab es zunächst nur Kriegsorden und andere militärische Auszeichnungen. „Der sowjetische Staat wollte sich aber in erster Linie als Arbeiterstaat positionieren“, erzählt Igor, ein Sammler sowjetischer und russischer Orden. Die ersten zivilen Medaillen wurden in Russland noch von der zaristischen Regierung eingeführt, und die Sowjetunion übernahm diese Idee.

Um den Arbeitskult zu fördern, wurde 1938 die Medaille „Held der Arbeit“ eingeführt. Sie wurde dem „besonders verdienten Arbeiter als Anerkennung und Ehrung hingebungsvoller und tapferer Arbeit oder wichtiger Beiträge in den Bereichen Wissenschaft, Kultur und Produktion“ verliehen.

Wenn ein Mann also seine Arbeit im Bergwerk, als Schriftsteller oder

Dirigent besonders gut machte, belohnte der Staat ihn mit dieser Auszeichnung. Zusammen mit der Medaille war die Verleihung des Titels „Held der sozialistischen Arbeit“ verbunden. Medaillensammler Igor erklärt: „Der erste Empfänger dieser Auszeichnung war Joseph Stalin, der sehr stolz darauf war und den Orden im Gegensatz zu anderen Medaillen stets trug.“

Auch Mutterschaft galt als heldenhafte Leistung, denn die Bedingungen, um Kinder großzuziehen, waren von den 1940er-Jahren bis Mitte der 1970er-Jahre äußerst schwierig. Seit 1944 wurde zur Anerkennung dieser schwierigen Umstände der Mutterorden verliehen, den es in den Klassen 1 (für neun Kinder), 2  (für acht) und 3 (für sieben) gab. Hinter der Einführung des Ordens stand noch eine andere Idee: Die Sowjetunion wollte nach dem Zweiten Weltkrieg die Geburtenrate steigern.



Treue und Tapferkeit

Später wurden Orden und Medaillen auch für „tadellosen Dienst“ verliehen, ebenfalls eine Idee, die noch aus zaristischen Zeiten stammt. Bei diesen Orden gab es ebenfalls verschiedene Klassen.

Für einen Lokomotivführer zum Beispiel bedeutete das, dass er nach zehn aufeinanderfolgenden und gut verrichteten Dienstjahren eine Medaille „für ausgezeichnete Arbeit“ erhalten konnte, nach 15 Jahren die Medaille „Held der Arbeit“, nach 20 Jahren eine Ehrenplakette und nach 25 Jahren den „Orden des Roten Banners der Arbeit“.

Aber auch für  Zivilcourage, für den selbstlosen Einsatz normaler Bürger, die in Notsituationen Tapferkeit bewiesen hatten, gab es Auszeichnungen. Die Medaille „Für  Tapferkeit bei einem Brand“ wurde eingeführt zur Anerkennung von „mutigen Taten und Führerschaft bei der Bekämpfung von Bränden“. Es gab auch eine Medaille „Für die Rettung eines Ertrinkenden“. Diese jedoch ließ so manchen Sowjetbürger schmunzeln, denn in einem Klassiker der russischen Literatur von Ilf und Petrow, dem satirischen Roman „Das goldene Kalb“ hieß es schließlich: „Die Rettung des Ertrinkenden obliegt dem Ertrinkenden selbst.“

Weniger bekannt war die Auszeichnung „Für die Entdeckung von Neuland“ aus dem Jahre 1956. Dabei handelte es sich um ein Lieblingsprojekt des damals führenden sowjetischen Politikers Nikita Chruschtschow. Er verlieh diese Medaillen Forschern und Entdeckern von schwer zugänglichen Gebieten in  Kasachstan, Sibirien, dem Ural, der Wolga-Region oder dem Nordkaukasus. Übrigens erhielt auch Kosmonaut Juri Gagarin, Russlands erster Mensch im „Neuland“ Weltraum, diese Auszeichnung.



Schmuckstücke

Sowjetische Politiker schmückten sich gerne mit ihren Orden. Leonid Breschnew soll stolzer Besitzer von vier verschiedenen Jacketts mit einem jeweils unterschiedlichen Set von Medaillen und Orden gewesen sein. Er konnte sich mit über 38 Orden und Medaillen alleine der Sowjetunion sowie mit über 50 Auszeichnungen aus dem Ausland schmücken; „Held der Sowjetunion“ war er natürlich auch.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Ende 1991 wurden die Orden und Medaillen nicht mehr verliehen. Doch später wurden einige Auszeichnungen aus der Sowjetära in Russland wieder eingeführt. Seit 1994 gibt es die Lebensrettungsmedaille, die im Grunde die Medaillen „Für Tapferkeit bei einem Brand“ und „Für die Rettung eines Ertrinkenden“ ersetzte. Als die Regierung 2010 wieder versuchte, die Geburtenrate zu steigern, wurde der „Orden zum Ruhm der Eltern“ als Nachfolger des Mutterordens eingeführt, der an „verdiente Eltern außergewöhnlich großer Familien“ vergeben wird.

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