Im Kommunismus ist die Liebe frei: Der Film "Bett und Sofa"

Spielszene aus dem Film "Bett und Sofa". Foto aus den freien Quellen.

Spielszene aus dem Film "Bett und Sofa". Foto aus den freien Quellen.

Einer der skandalträchtigsten Filme der sowjetischen Filmgeschichte, „Bett und Sofa“, entstand im Jahr 1927. Der Stummfilm über eine Dreiecksliebe wurde in der UdSSR als pornografisch eingestuft und verboten. RBTH hat sich den Film angesehen, seine Herkunft erforscht und sich mit der Moral sowjetischer Bürger beschäftigt.

Die Diagnose der sowjetischen Behörden war falsch. Im Film „Bett und Sofa" aus dem Jahr 1927 gibt es keine anstößigen Szenen. In der Zeit der Kollektivierung und Industrialisierung hörten die Menschen nur einfach nicht auf zu leben und zu lieben. Vielleicht nahm diese Liebe zuweilen befremdliche Formen an.

Wladimir kommt nach Moskau und wohnt bei Kolja in der Tretja Meschanskaja Straße (Kleinbürgerstraße Nr. 3) . Kolja haust in einem Souterrainzimmer mit seiner jungen Frau Ljudmila. Die Beziehung zwischen Kolja und Ljudmila ist vom Alltag schon ein wenig abgenutzt, und so beginnt, als ihr Mann auf einer Dienstreise ist, der klassische Ehebruch. Just in diesem intimen Moment aber kehrt Kolja unerwartet zurück.

„Bett und Sofa" ist ein interessantes Beispiel für eine frühe Form von Filmen über unkonventionelle Beziehungen. Für die 1920er Jahre war dieser Film gleichermaßen schockierend wie subtil: Die pikanten Details der Dreiecksbeziehung sind in Allegorien voller Humor gekleidet.

Der Filmtitel „Bett und Sofa" selbst, spielt auf den französischen Ausdruck ménage à trois an. Die Geschichte des Fremdgehens wird durch Andeutungen hindurch erzählt. Wladimir bringt Ljudmila eine Ausgabe der Zeitschrift „Nowy mir" (zu Deutsch: Neue Welt) mit und führt sie unbeabsichtigt zu einem Flugplatz, wo selbige „das erste Mal abhebt".

Viel Komisches und Trauriges in diesem Film hängt damit zusammen, dass das Ehepaar und der Liebhaber weiter in einem Zimmer zusammenleben. Nicht zufällig kam das Kammerspiel mit dem Titel „Bett und Sofa" in den ausländischen Filmverleih. Das Ehebett steht dem Sofa gegenüber, auf dem Bett sitzen abwechselnd der Gatte und sein Nebenbuhler neben der Hauptdarstellerin. Die Bildersprache ist sehr dicht. Als der Wasserkocher überkocht, begreift Kolja, dass das Liebespaar ihn abends allein zurückgelassen hat. Die zitternde Karaffe auf dem Tisch zeigt Wladimir, dass er heute an der Reihe ist, mit dem Sofa vorlieb zu nehmen.

 

Majakowski und Komsomolzen

Neuere Filminterpretationen erkennen eine Parallele zwischen der Handlung im Film und der berühmten Liebesbeziehung von Wladimir Majakowski und dem Ehepaar Lilja und Ossip Brik. Außer dem Ablauf der Beziehungsgeschichte ähnelt einer der beiden männlichen Protagonisten dem Dichter äußerlich sehr stark, er heißt zudem ebenfalls Wladimir. Majakowski streitet den Bezug ab und fühlte sich von dem Film sogar persönlich angegriffen.

Der Drehbuchautor des Filmes Viktor Schklowski hingegen versicherte, die Geschichte sei der Zeitung Komsomolskaja Prawda entlehnt. Besagter Artikel handelte von einer jungen Frau, die aus der Geburtsklinik von zwei Komsomolzen – zwei Vätern – abgeholt wurde. Dem Unverständnis ihrer Umgebung setzten die drei jungen Leute entgegen, in einer sozialistischen Gesellschaft sei es eine normale Sache, sich eine Frau zu teilen. Eine Komsomolzenliebe kenne keine Eifersucht.

 

Die Geschichte der Aufklärung

Die kommunistischen Ideen wurden in den 1920er Jahren teilweise recht originell ausgelegt. So etwa entstanden Theorien über die freie Liebe nach sowjetischer Manier. Nichts sollte die Männer vom Aufbau des Kommunismus ablenken.

Die bekannteste war die sogenannte „Wasserglas-Theorie". Sie besagte, dass ein Mann das Recht habe, sich jeder Frau zur Befriedigung seiner

sexuellen Bedürfnisse zu bedienen. Das Konzept der Familie galt nach diesem Ansatz als veraltet, das Verlangen nach Sex konnte gestillt werden wie der tägliche Durst. Somit galt die Devise: „Trinken und Weitergehen".

Diese Theorien hielten der Realität natürlich nicht Stand. Schlicht und bedrückend erzählt darüber „Bett und Sofa". Wladimir und Kolja werben natürlich, sich stets beäugend, um Ljudmila und denken überhaupt nicht an daran, „weiterzugehen". Ljudmila, mittlerweile schwanger, erträgt schließlich ihre Doppelrolle nicht mehr und verlässt ihre zwei Männer. Ihr Abschiedsbrief lautet: „Ich komme nicht zurück in Eure Tretja Meschanskaja Straße".

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