Fast Food mit Heilwirkung aus dem hohen Norden

Rentierflechte-Schokolade. Foto: Zentrum für Arktis-Forschung

Rentierflechte-Schokolade. Foto: Zentrum für Arktis-Forschung

Immer häufiger leiden die nomadischen Rentierzüchter in Russlands hohem Norden unter Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Wissenschaftler des Zentrums für Arktis-Forschung auf der nordwestsibirischen Halbinsel Jamal haben deshalb auf der Grundlage der Pflanzen Torfmoos und Rentierflechte die erste arktische Fast-Food-Mahlzeit entwickelt.

Zu einer Portion gerösteter Brotstückchen aus hefefreiem Teig auf der Basis von Torfmoos gehört eine Soße aus Rentierflechte. Diese Zutaten werden mit kochendem Wasser übergossen. Nach drei Minuten ist das sehr sättigende Gericht fertig. So einfach und schnell wird die Fertigmahlzeit zubereitet, die im Zentrum für Arktisforschung von Jamal entwickelt wurde.

Die neue Rezeptur ist frei von schädlichen Zusätzen, Konservierungsstoffen, gentechnisch veränderten Organismen und Soja. Damit unterscheidet sie sich von den herkömmlichen kalorien- und fettreichen Fast-Food-Gerichten. Die schnelle Mahlzeit soll sogar gesundheitsfördernd sein, denn Rentierflechte ist ein natürliches Antibiotikum und soll bei der Behandlung von Tuberkulose helfen. Torfmoor kann Bronchialasthma heilen. Die natürlichen Inhaltsstoffe unterstützen die Regeneration des Körpers nach langer körperlicher Anstrengung. Und sogar das Bevölkerungswachstum kann durch Torfmoos und Rentierflechte positiv beeinflusst werden, glauben die Forscher.

 

Heilende Wirkung

Das arktische Fast Food wurde entwickelt, um die Lebensmittelversorgung auf der abgelegenen Halbinsel zu verbessern. Jamal, das sich übersetzen lässt mit „Ende der Welt", ist von einem strengen arktischen Klima geprägt. Es leben dort kleine indigene Völker des Nordens: Mansen, Nenzen, Chanten und Selkupen, nomadisch lebende Rentierzüchter. Bei der einheimischen Bevölkerung wurde eine Zunahme von Allergien und Magen-Darm-Erkrankungen beobachtet, die möglicherweise im Zusammenhang mit dem steigenden Verzehr industriell gefertigter Lebensmitteln zusammenhängt.

Deshalb wurde im Zentrum für Arktisforschung mit der Entwicklung von gesundheitsfördernden Produkten auf der Basis von Rentierflechte begonnen. „In erster Linie waren wir natürlich an den heilenden Eigenschaften der Rentierflechte interessiert. Auf ihrem Weg durch den Darm absorbiert sie wie ein Schwamm toxische Stoffe und Allergene und leitet sie so aus dem Körper hinaus", erklärt Andrej Lobanow, stellvertretender Direktor des Forschungszentrums.

Bonbons aus der Rentierflechte. Foto: Zentrum für Arktis-Forschung

Lobanow und sein Team entdeckten noch mehr positive Eigenschaften der Rentierflechte als Basis für vollwertiges Fast Food. „Minderwertiges Fast Food verursacht ein weiteres großes Problem – ein demografisches", so Andrej Lobanow weiter. „Als Füllmasse wird heute beim Fast Food, egal, ob es sich um Fleischgerichte, Mehl- oder Konditoreiprodukte handelt, so gut wie immer Soja verwendet. Soja wurde einst in Japan den Männern in die Nahrung gemischt, um ihren Sexualtrieb zu schwächen. Soja führt zu einer Östrogenisierung, einer Erhöhung der Konzentration der weiblichen

Geschlechtshormone im Organismus. So tritt bei den Männern nach einer bestimmten Zeit eine Abnahme des für die Bildung von Spermien notwendigen Gewebes auf. Wenn wir diese Tendenz nicht stoppen, wird die Bevölkerung bald aufhören, sich zu vermehren."

Lobanow fährt fort: „Zudem entwickeln sich schwere hormonell bedingte Erkrankungen. Immer häufiger sehen wir einen neuen Typ Mann – mit weiblichen Brüsten, aufgedunsenem Gesicht und glanzlosen Augen. Die Frauen klagen über Menstruationsstörungen, emotionalen Schwankungen, Probleme mit der Figur, geschwollene Deltamuskeln und breiten Schultern. Dramatischerweise ist mit solchen Produkten bereits eine ganze Generation herangewachsen. Es muss in jedem Fall ein Ersatz für Soja gefunden werden. Wir haben ein solches universales Füll-Substrat aus Rentierflechte hergestellt."

 

Großes Interesse aus dem Ausland

Die Forscher hatten bei ihrer Arbeit zunächst nur die Bevölkerung Jamals im Blick und es kam ihnen gar nicht in den Sinn, dass durchaus ein globales Interesse an den Produkten aus Rentierflechte und Torfmoos bestehen könnte. Es stellte sich aber heraus, dass in vielen großen Städten, sei es in Indien oder China, die Einwohner vor den gleichen Ernährungsproblemen stehen. Daher gibt es Pläne, die Produkte auch international zu vermarkten. Ob daraus auch ein finanziell einträgliches Geschäft wird, lässt sich noch nicht voraussagen, doch vieles spricht dafür.

Der Selbstkostenpreis wird vermutlich unter dem herkömmlicher Fast-Food-Produkte liegen. Über Marktpreise kann man heute noch keine zuverlässigen Aussagen machen. Der Markt ist noch nicht erforscht, vergleichbare Produkte gibt es nirgendwo auf der Welt. Bereits jetzt gibt es eine Flut von Anfragen aus aller Welt zur Preisgabe des

Herstellungsverfahrens. Ein besonderes Interesse an dem Verfahren zur Gewinnung der Produkte auf der Basis von Torfmoos zeigen südostasiatische Staaten.

Bis Ende 2014 wollen die Forscher aus Jamal eine Test-Produktion in einer kleinen Menge starten. Die Erfinder der arktischen Ökoprodukte legen Wert darauf, dass das Schlüsselelement, das Substrat, ausschließlich auf Jamal produziert wird. Die Endprodukte – Brot, Marmelade und Bonbons – könnten bei entsprechender Nachfrage an beliebigen Orten, auch in China, hergestellt werden.

Die in Jamal entwickelten Produkte auf natürlicher pflanzlicher Basis lassen sich für eine Vielzahl von Nahrungsmitteln verwenden. Das Sortiment umfasst bereits Bonbons und Marmelade auf der Basis von Beeren und Moos der Region, Schokolade aus Rentierflechte und Tundrabrot, das zu 60 Prozent aus Torfmoos besteht. Entwickelt wurde sogar ein Getränk aus den Früchten von Schwarzer Krähenbeere und Birkenrinde und aus Torfmoos gewonnenem Alkohol. Die Schwarze Krähenbeere ist ein Stimulans, das den Blutdruck nicht erhöht, aber eine schnellere Regenerierung nach physischer Belastung ermöglicht. Dieses Getränk ist daher sicher nicht nur für die Bewohner der Tundra geeignet, sondern auch zur Entspannung des gewöhnlichen Büro- und Stadtmenschen, um die schädlichen Folgen von Stress und sitzender Arbeit zu minimieren.