„Vice“: „Wir lieben Russland!“

Carsten Kritscher: Wir werden immer Reportagen aus Russland bringen und weiter spannende Geschichten aus allen Ecken der Welt erzählen. Foto: FIPP

Carsten Kritscher: Wir werden immer Reportagen aus Russland bringen und weiter spannende Geschichten aus allen Ecken der Welt erzählen. Foto: FIPP

Das US-amerikanische Magazin „Vice“ berichtet mit seiner russischen Ausgabe „Vice Russia“ und dem neuen Nachrichtenportal „Vice News“ aus und über Russland. RBTH sprach mit Commercial Director Carsten Kritscher über die Arbeit der Zeitschrift.

Shane Smith, Gründer und Chef des amerikanischen Medienkonzerns Vice, fuhr 2011 mit dem Zug von Moskau nach Chabarowsk und setzte danach seine Reise nach Nordkorea fort. Im Ergebnis entstand der siebenteilige Dokumentarfilm „Nordkoreanische Arbeitslager". Dieser Bericht brachte den bis dato unbekannten Medienmachern internationale Anerkennung und einen Vertrag mit dem amerikanischen Fernsehsender „NBO" ein, der heute die Vice-Reportagen überträgt.

Mitte März 2014 startete Vice in 22 Ländern Nachrichtenportale unter dem Label „Vice News". Das Unternehmen sieht sich selbst als „weltweit führendes Medienunternehmen für die Jugend". Sein Profil zeichnet sich aber auch durch ernstzunehmende journalistische Reportagen und Recherchen aus.

RBTH sprach mit dem Commercial Director von Vice Media Deutschland Carsten Kritscher, wie sich das große Interesse für Russland erklären lässt.

 

RBTH: Seit der Gründung der Zeitschrift „Vice" reisen die Reporter und Redakteure regelmäßig nach Russland und bekennen sich offen zu ihrer Faszination für das Land. Wie sieht Ihre Arbeit dort aus?

Carsten Kritscher: Eines ist klar: Wir lieben Russland! Die erste DVD von Vice Media handelte von einer Reise mit der transsibirischen Eisenbahn. Danach folgten wir den Spuren radioaktiv verseuchter Lebewesen in die Wälder Sibiriens und richteten dann unser Augenmerk auf die Verhaltensregeln von Reisenden in russischen Zügen. Der Stil unserer Reportagen hat sich mit den Jahren kaum geändert. Mittlerweile sind die Texte etwas politischer geworden, aber das ist den Ereignissen in der Welt geschuldet. Vor zwei Jahren starteten wir das Projekt „Vice Russia". In Moskau arbeiten für uns 15 Redaktionsmitglieder. Wir decken alle Prozesse ab – von den journalistischen Recherchen bis zu der Gestaltung, von der Entwicklung einer Werbestrategie bis hin zur Erstellung des Bildmaterials.

Die vorwiegend männliche Zielgruppe von „Vice" ist zwischen 13 und 38 Jahre alt und damit recht jung. „The Onion", die ein ähnliches Format haben wie Sie, spottet, dass die Amerikaner kaum etwas über die Ukraine wissen und sich für den Krim-Konflikt nicht interessieren würden. Deren Leser sind etwas älter als die von „Vice". Warum interessiert sich die „Vice"-Leserschaft für die Ukraine?

Unsere Herangehensweise an Reportagen ist anders als bei „The Onion", wir haben das Format „Vice News". Anfang März verbrachten die Journalisten unseres Moskauer Teams zwei Wochen in der Ukraine. Sie produzierten Videos, die wir als „Selbstversuch" bezeichnen: Unsere Jungs

gingen zu den Leuten hin und baten sie, ihre Geschichte zu erzählen. Sie interpretierten und ergänzten nichts. Auf diese Weise überschritten sie die eigentümliche Grenze zwischen Russland und der Ukraine. Wir verstehen Russland nicht besser als andere ausländische Medien. Ich habe das Gefühl, dass die Russen sich gelegentlich selbst nicht so recht verstehen. Was unsere Arbeit jedoch von anderen Medien unterscheidet, ist, dass wir Russen und Ukrainern ihre Geschichten selbst erzählen lassen. Deshalb sind wir besser.

Es ist erstaunlich, wie sich Ihre Darstellungsweise in den Krim-Reportagen vom Stil des „Wall Street Journal" oder der „Washington Post" abhebt. Die sind sich sicher, auf welcher Seite sie stehen. „Vice" schlägt sich aber weder auf die eine noch auf die andere. Geht es Ihnen nicht darum, im „Informationskrieg" mitzumachen?

Das ist eine sehr einfache Frage. Wir verstehen uns nicht als eine politische Zeitschrift. Wir sind nicht rechts, nicht links, nicht in der Mitte. Wir sind „Vice" und wir haben eine eigene Philosophie. Ich weiß, das ist frech, aber es ist die Wahrheit. Wir suchen einfach nach interessanten Geschichten, und aus dem Grund können wir immer noch sagen, was wir wollen.

Haben Sie schon einmal Probleme mit Politikern oder Behörden in Russland bekommen oder unter juristischem beziehungsweise wirtschaftlichem Druck gestanden?

So weit ich weiß, gab es solche Fälle nicht. Aber wenn Sie sich die Reportage über die Krim von Simon Ostrowski anschauen, dann wissen Sie, welche Probleme wir bei unseren Dreharbeiten haben. Man versperrt unseren Kameraleuten den Weg, jammert, schimpft, wirft Steine nach uns und so weiter – eben das volle Programm.

Mit anderen Worten: die gleichen Probleme wie bei allen Journalisten. Stellen wir uns einmal vor, Russland verwandelt sich in eine Art Nordkorea. Wird „Vice" dann in Russland bleiben?

Was für eine interessante Frage! Glauben Sie mir, wir werden nicht gehen. Wir werden immer Reportagen aus Russland bringen und weiter spannende Geschichten aus allen Ecken der Welt erzählen. Aber ich glaube nicht, dass das beschriebene Szenario eintreten wird. Das ist meine persönliche Überzeugung.

Jetzt mal ernst gefragt: Haben die Medien einen großen Einfluss auf die Entwicklung der internationalen Beziehungen?

Darüber braucht man überhaupt nicht zu diskutieren. Natürlich haben sie Einfluss auf die Verhältnisse. Es gibt eine ganze Reihe von Filmen, die

ernsthafte internationale „Reibereien" auslösten. Die Medien wiederum produzieren und verbreiten diese Filme, um Stoff zum Schreiben zu bekommen. Sie werden immer viel Macht haben. Und schließlich sind da noch wir, die Medienkonsumenten, Sie und ich. Uns bleibt nichts anderes übrig, als unsere Sicht auf die Welt anhand dessen zu formen, was uns die Medien vermitteln. Wenn du nicht glaubst, was deine Zeitung schreibt, dann lies eine andere. Dein Sender verbreitet Irrglauben? Dann schau einen anderen!

Wie wählt „Vice" die Themen über Russland aus?

Wir haben in jedem Land einen Chefredakteur, der diese Entscheidungen vor Ort trifft. „Vice" lässt sich dabei aber immer von denselben Prinzipien leiten: Verschaffe den Lesern und Zuschauern einen aktuellen und spannenden Einblick in Themen, achte sie, gib ihnen die Karten in die Hand, mach ihr Leben interessanter und lass sie alles mit ihren eigenen Augen sehen. Unsere Leserschaft ist uns dafür dankbar und trägt den Lebensstil von „Vice" weiter. Das macht uns glücklich.

Unter dem Label „Vice Media“ erscheinen Zeitschriften, Reportagen und Dokumentarfilme. Es werden Werbeagenturen betrieben, Musikfestivals veranstaltet und junge Künstler gefördert.

Bis 2016 will das Unternehmen Einnahmen von 725 Millionen Euro erzielen und plant einen Börsengang, wie der Commercial Director von VICE Media Deutschland Carsten Kritscher auf dem Innovationsgipfel in Berlin ankündigte.