Vom Prestigebau zum Haus des Schreckens

Bersenewskaja-Uferstraße, 2: so lautete eine der sagenhaftesten Adressen im sowjetischen Moskau. Foto: Lori / Legion Media

Bersenewskaja-Uferstraße, 2: so lautete eine der sagenhaftesten Adressen im sowjetischen Moskau. Foto: Lori / Legion Media

Das Haus an der Uferstraße steht in Moskau ganz in der Nähe des Kremls. Einst war es ein Prestigebau der Sowjetära und luxuriöse Herberge der damaligen Führungselite. In den Dreißigerjahren wurde es zur ersten Adresse für die stalinistische Terrorherrschaft.

Das Haus an der Uferstraße ist eines der geschichtsträchtigsten Bauwerke Moskaus. Im Jahr 1931 wurde der riesige Gebäudekomplex auf einem über drei Hektar großen Grundstück fertiggestellt. In die für damalige Verhältnisse geradezu luxuriösen Wohnungen zogen Regierungsmitglieder und Parteifunktionäre ein. Die Kinder Josef Stalins lebten dort. In der Wohnung Nr. 37 residierte die Tochter Swetlana Allilujewa, nebenan wohnte ihr Bruder Wassilij Stalin.


Heimat für Helden

Auch der berühmte Bergmann Alexej Stachanow aus dem Bergwerk in Lugansk bekam im Haus an der Uferstraße eine Wohnung, als Belohnung für seine herausragende Arbeitsleistung. Stachanow war eine Ikone seiner Zeit, ein Held der Arbeit. Im August 1935 soll er in einer Schicht so viel

Kohle gefördert haben, dass er die in der Arbeitsnorm geforderte Menge um das Vierzehnfache übertraf. Der fleißige Bergmann wurde zum Vorbild der Stachanow-Bewegung. In allen Bereichen der Volkswirtschaft wurden nun Rekorde aufgestellt – die Produktion wurde zu einem sportlichen Wettkampf.  

In seiner neuen Heimat Moskau soll Stachanow oft betrunken am Brunnen vor dem Hauseingang gesessen und auf dem Akkordeon die anderen Bewohner mit Bergmannsliedern unterhalten haben. Betrunkene Bewohner sollen keine Seltenheit gewesen sein. Selbst der Chef von Stalins Geheimpolizei NKWD, Nikolaj Jeschow, soll besoffen und nur auf Strümpfen auf dem Korridor getanzt haben.

Die Mutter von Nikita Chruschtschow, der damals noch einer von Stalins Gehilfen war, soll gerne vor dem Hauseingang Sonnenblumenkerne geknabbert haben, ganz so wie früher in ihrem Heimatdorf.

Es war das beste Haus des ganzen Landes. Allabendlich waren die vielen Fenster hell erleuchtet und aus den Wohnungen drang fröhliche Musik. Vor dem Haus fuhren Nobelkarossen vor, aus denen Damen in teuren Pelzen ausstiegen.

Doch bei aller zur Schau gestellten Lebensfreude umgab das Haus an der Uferstraße auch etwas Düsteres. Der Hausaufgang Nr. 17 zum Beispiel war stets verschlossen. Niemand wohnte dort und keiner wusste, was dort vor sich ging. Es gab das Gerücht, dass sich dort eine geheime Niederlassung der Geheimpolizei befand und von hier aus alle im Haus wohnenden staatlichen Funktionäre abgehört wurden.


Der Terror als Mitbewohner

Der Schriftsteller Jurij Trifonow hat in dem Haus gelebt. Sein Vater wurde 1937 verhaftet und hingerichtet. Trifonow hat dem Haus ein literarisches Denkmal gesetzt. Auch er fängt die düstere Atmosphäre in seinem 1976 in der Sowjetunion erschienenen Roman „Das Haus an der Moskwa“ ein. Er beschreibt das Gebäude als „so groß, dass es morgens die Sonne verdeckte und sogar an sonnigen Tagen einen riesigen Schatten warf“. Trifonows Buch handelt vom Alltag der Bewohner des Hauses während der stalinistischen Säuberungsaktionen.

In der zweiten Hälfte der Dreißigerjahre wurden ganze Familien aus diesem Haus verhaftet. Fast 800 Personen, etwa ein Drittel der Hausbewohner, wurde festgenommen. Die Festnahmen verliefen immer nach demselben Muster: Noch in der Nacht, kurz vor dem Morgengrauen, fuhren die „Woronkas“, die „grünen Minnas“ der sowjetischen Geheimpolizei vor. In diesen Fahrzeugen wurden die Verhafteten beinahe unauffällig abtransportiert. Aus den privilegierten Wohnverhältnissen ging es in die Straflager.

Neue Bewohner im Haus an der Uferstraße hätten sich meist nicht lange

an der neuen Wohnung erfreuen können, schnell seien auch sie Opfer der Säuberungsaktionen geworden, berichtet Olga Trifonowa, die Witwe des Schriftstellers Juri Trifonow, die heute das Museum der Wohnanlage leitet. In manchen Wohnungen wurden fünf aufeinanderfolgende Mietparteien verhaftet. Meist aber wurden die Wohnungen nach einer Verhaftung versiegelt, bis zum Jahre 1938 waren es 280 von 500. Das Haus hatte fortan einen üblen Ruf.


Die Geschichte wiederholte sichf

Nach Stalins Tod wohnten im Haus an der Uferstraße Mitglieder der Nomenklatura, der sowjetischen Führungselite, wie hochgestellte ministeriale Beamte, bedeutende Generäle und Wissenschaftler. Das Leben hier verlief nun in ruhigeren Bahnen. Keiner der Bewohner des Hauses wurde mehr verhaftet, niemand mehr stürzte sich aus dem Fenster zu Tode, um der Gefangenschaft in Stalins Straflagern zu entgehen.

Nach dem Untergang der Sowjetunion erfreuten die Wohnungen im Haus an der Uferpromenade sich vor allem wegen der zentralen Lage gleich schräg gegenüber des Kremls einer großen Nachfrage. Nun zogen die „neuen Russen“ hier ein: Neureiche, die ihr Vermögen auf die Schnelle gemacht hatten, als das Volksvermögen privatisiert wurde. Die anrüchige

Geschichte des Hauses begann sich zu wiederholen: In den wilden Neunzigern waren einige Bewohner bis zum Hals in kriminelle Machenschaften verstrickt. Hinrichtungen waren in diesem Milieu nicht ungewöhnlich und so wurde manche Wohnung mehrfach neu vermietet, weil der vorherige Bewohner einer Gewalttat zum Opfer gefallen war, fast wie damals in den Dreißigerjahren. Doch diesen Opfern wurde weit weniger öffentliche Aufmerksamkeit zuteil als den Opfern des stalinistischen Terrors.  

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