Russischer Karawai: Der Laib des Lebens

Foto: Lori / Legion Media

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Schon zu der Zeit der alten Rus war das Brot ein Symbol für Fruchtbarkeit und Reichtum. Eine besondere Rolle spielte das Rundbrot Karawai, dessen Form an eine Sonne erinnerte. Fünf weitere Dinge gibt es, die man über den traditionellen Weizenlaib kennen muss.

1. Der Hochzeits-Karawai

Die Tradition, einen Karawai zur Hochzeit zu backen, ist bis heute lebendig. Das Backen eines „Hochzeits-Karawais“ war früher nur einer verheirateten Frau gestattet, die eine glückliche Ehe führte und folgsame Kinder hatte. Die Slawen glaubten, dass eine solche Frau durch den Karawai einen Teil ihres Glücks an das junge Paar weitergeben könne. Den Karawai in den Ofen zu schieben, war wiederum deren Gatten vorbehalten.

Je größer der Karawai, so glaubte man, desto glücklicher würde die frisch gebackene Familie werden. Manchmal geriet er so groß, dass der Ofen auseinander genommen werden musste, um ihn herausholen zu können. Vom fertigen Brot biss man nichts ab, es wurde auch nicht gebrochen. Man musste es nur drei Mal küssen. Erst beim Hochzeitsschmaus schnitt man das runde Brot in Stücke. Nur ein Kind durfte für diesen Zweck mit einem Messer ausgestattet werden.

2. Karawai zum Einzug in eine neue Bleibe

Zum Einzug in ein neues Haus buk man besonders große Rundbrote.

Schließlich versammelte sich zu diesem Fest die ganze Familie, es kamen außerdem ferne Verwandte, Freunde und Nachbarn. Den Teig rührte traditionell das Familienoberhaupt an, das Backen überließ man der Hausfrau. Auf dem Festtagstisch nahm der Karawai einen zentralen Platz ein. Alle am Tisch versammelten Gäste mussten mit dem Brot bewirtet werden. Einige Stücke versteckte man außerdem in verschiedenen Ecken des Hauses. Das sollte das Haus vor Schicksalsschlägen und Unglück bewahren.

3. Karawai zum Trauerfall

Der Karawai begleitete eine Person auf ihrem letzten Weg. Vor dem Begräbnis wurde er gebacken, während der Trauerfeier lag das Brot auf dem Sargdeckel. Nach dem Begräbnis diente der Karawai dem Gedenken – er wurde unter allen geteilt, die gekommen waren, um sich von dem Verstorbenen zu verabschieden. Der Karawai für ein Begräbnis unterschied sich übrigens überhaupt nicht vom Hochzeitsbackwerk. Wurde ein unverheirateter junger Mann beigesetzt, stellte er ein Hochzeitsattribut dar, das das Einswerden des Verstorbenen mit Mutter Erde symbolisierte.

4. Ein Ruschnik für den Karawai 

Einen Karawai zum Empfang von Gästen trug man in jedem Fall auf einem Ruschnik, dem traditionellen, handbestickten Tuch, welches in jedem russischen Haushalt vorzufinden ist. Für neuvermählte Paare platzierte man ihn auf dessen roten Enden, sein weißes Mittelteil hing locker durch. Üblicherweise trug die Mutter den Karawai, der Vater hielt eine Ikone, mit der das Hochzeitspaar gesegnet wurde. Die Muster der Ruschniks haben eine sakrale Bedeutung, sie stellten die Verbundenheit eines Menschen mit seinen Vorfahren dar.

5. Salz vertreibt die bösen Geister

Anfangs wurde der Karawai fast gar nicht dekoriert. Wenn überhaupt eine Verzierung zulässig war, dann mit einem bescheidenen Zopfmuster. Später erhielt der Karawai aufwendige Teig-Ornamente, man schmückte ihn außerdem mit Zweigen des Schneeballstrauches, dem mystische Eigenschaften zugesprochen werden. Die Beeren selbst und die Zweige des Strauchs symbolisierten Liebe und Glück. Ein Salzstreuer ist neben einem Karawai nicht unbedingt erforderlich. Das Hochzeitsbrot wurde in der Regel ohne Salzstreuer präsentiert. Nicht fehlen durfte er dagegen auf einem sogenannten „Brot-Salz“ beim Empfang von Gästen. Der Salzstreuer hat in diesem Fall eine symbolische Bedeutung: Wem ein Karawai zu backen aufgetragen wurde, erhält dadurch die Chance, die Hausherren vor bösen Geistern zu schützen. Außerdem konnten sich junge Paare dadurch ihre gegenseitige Zuneigung ausdrücken. konnten das wechselseitig tun. Sie schwören sich, gut, rechtschaffen und sorgsam zueinander zu sein.

 

 

Nach Materialien von Russian7.ru

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