Lenin und Stalin: Mythos der Sowjet-Staatsmänner

Die Lenin-Büste von Nikolaj Andrejew. Foto: Olesja Kurpjajewa/Rossijskaja Gaseta

Die Lenin-Büste von Nikolaj Andrejew. Foto: Olesja Kurpjajewa/Rossijskaja Gaseta

In der sowjetischen Kunst wurden Lenin und Stalin als legendäre Führer und Übermenschen ohne Schwächen dargestellt. Die Ausstellung „Mythos über den geliebten Führer“ in Moskau zeigt erstmals auch Abbildungen, die in Sowjetzeiten verboten waren.

Im Staatlichen historischen Museum in Moskau am Roten Platz wurde die Ausstellung „Mythos über den geliebten Führer" eröffnet. Einige der Exponate lagerten 20 Jahre und sogar länger in Magazinen. Zwar wurden viele von ihnen schon in Schweden, Deutschland und anderen Ländern gezeigt, aber erst jetzt zum ersten Mal in Russland. Das wirft manche Fragen auf.

 

Realistische Darstellung unerwünscht

„Es gab bestimmte Prinzipien der Darstellung von Führern. Kunstwerke, die ihnen nicht entsprachen, wurden auf höchster Ebene abgelehnt", erklärt Ljubow Luschina, Historikerin und Mitautorin der Ausstellung. „Stalin etwa wurde immer mit einem geraden Blick abgebildet, der Sicherheit und Ruhe ausstrahlte." Die reale äußere Erscheinung Stalins, der ein eher kleiner Mann mit pockennarbigem Gesicht war, passte nicht dazu.

Auch die realen Biografien waren bei Weitem nicht so heroisch, wie man es gerne gehabt hätte. Darum wurden bestimmte Alltagsgegenstände nicht gezeigt. Zum Beispiel die Karten mit Zahlen und Kinderzeichnungen, mit denen die Krupskaja, Lenins Frau, dem Revolutionsführer nach seinem Schlaganfall erneut das Lesen und Rechnen beibrachte. Oder das von Stalin aus seiner Lieblingszeitschrift „Ogonjok" herausgeschnittene Bild, auf dem ein Mädchen ein Lamm aus einer Flasche Milch trinken lässt. Das passte nicht ins Bild des heroischen Führers. Das Volk sollte sie schließlich als Ikonen wahrnehmen, als Götter einer neuen Religion, die die sowjetische Macht erfunden hatte.

 

Neue Heilige

Die Bolschewiken bekämpften die Orthodoxie beharrlich, denn hier witterten sie Konkurrenz. Daher rissen sie Kirchen ab und verfolgten Geistliche. Aber man erinnerte sich eines alten Sprichworts: „Die Natur schreckt vor der Leere zurück." An die Stelle der nun verbotenen Ikonen

und Kreuze traten neue, sowjetische Symbole. Der fünfzackige rote Stern ersetzte das Kreuz, die neuen Ikonen waren Lenin und Stalin, die sich auf Abbildungen wie einst die Kirchenväter inszenierten. Diese wurden oft mit einem Buch in der Hand dargestellt. Ein geschlossenes Buch stand für das Mysterium, das geöffnete Buch versinnbildlichte den Weg zur Wahrheit. Auf einem Plakat zu seinem 70. Geburtstag hielt Stalin in seiner linken Hand ein geöffnetes Buch. Stalin war als „Leuchte des Kommunismus" zu erkennen. Die Parallelen zur orthodoxen Tradition sind unverkennbar. Stalin wurde sogar einmal ein Triptychon, eine tragbare Ikonostase, mit Abbildung der sechs Lebensalter des Führers geschenkt.

Lenin spielte in dieser sowjetischen Religion die Rolle eines Heiligen. Man schrieb ihm Unsterblichkeit zu. „Lenin lebt ewig!", lautete eine beliebte Losung. Seine im Mausoleum bewahrten sterblichen Überreste durften nicht verwesen – an diesem Ziel arbeitete ein ganzes Labor. Wie auch Heilige bildete man Lenin – übrigens im Unterschied zu Stalin – niemals lachend ab. Das ist wohl der Grund, warum eine nun in der Ausstellung gezeigte hölzerne Skulptur eines lachenden Lenins zuvor öffentlich nie gezeigt wurde.

 

Lenin aus aller Welt

Lenin wurde aus allen Ländern der Welt mit Darstellungen seiner Person beschenkt. Aus Japan kam ein Holz-Lenin mit breiten Wangenknochen und schmalen Augen, die ihn fast wie einen Japaner aussehen ließen. Der Lenin aus Madagaskar war schwarzhäutig und hatte afrikanische Züge. Es gibt sogar eine Skulptur der britischen Bildhauerin Clare Sheridan, eine Cousine Winston Churchills. Ihre Zurschaustellung wurde aber verboten.

Lenin war „zu naturalistisch" geraten. Es soll auch einen aus Walrosszahn geschnitzten Riesen-Lenin auf der Halbinsel Tschukotka geben. Lenin-Porträts wurden aus den ungewöhnlichsten Materialien hergestellt: Es gibt sie aus Tausenden von Körnern, aus Vogelfedern, aus Fohlenfell, aus Pappelwolle, Drähten, Bernstein, Zucker und Glasperlen angefertigt. Eines der Porträts besteht sogar aus Leninzitaten. Es ist das Werk eines Häftlings, der wegen Geldfälscherei hinter Gittern saß und Lenin verehrte. Vielleicht ließ er sich auch von einem anderen Motiv leiten, der Hoffnung auf Haftminderung, für so viel Ergebenheit.

Stalin bekam so viele Geschenke, dass sie im Jahr 1949, als er 70 Jahre alt wurde, ganze drei Museen füllten. Die Geschenke kamen aus aller Welt, auch aus Italien, Frankreich, Deutschland oder Argentinien. Mao schenkte ihm großartige Seidendrucke, die einen Platz in der Diele von Stalins Datscha erhielten. Unter den Geschenken waren auch eine Krokodilledertasche aus Brasilien und eine Sammlung seltener Pfeifen.

Stalins Pfeife ist übrigens ein Mythos für sich. „Stalin rauchte in seinem Privatleben Zigaretten", sagt Luschina. „Die Pfeife verwendete er, um in Verhandlungen und auf Sitzungen die beschwerlichen ‚Stalinschen Pausen' zu überstehen. Er sah außerdem mit Pfeife imposanter aus."

Stalin selbst besuchte die Ausstellung seiner Geschenke nicht. Der echte Stalin hätte wohl kaum eine gute Figur abgegeben neben den fantasievollen Porträts, die die Besucher von allen Wänden anschauten. Die ideologisch wohl durchdachte Lüge über sich jedoch förderte er nach Kräften.

"Die 6 Jahren von Joseph Stalin", Silber, Georgien. Foto: Olesja Kurpjajewa/Rossijskaja Gaseta

Auf einer Ausstellung anlässlich des 15. Jubiläums der Roten Armee verharrte Stalin vor einem Gemälde, auf dem er bei einem Appell der Kavallerie im Jahr 1919 abgebildet war. „Wer, wenn nicht Stalin, musste wissen, dass er bei diesem Appell nicht anwesend war", so Ljubow Luschina. „Aber als er das Bild sah, lächelte er. Er kehrte im Laufe dieses Ausstellungsbesuches noch mehrmals zu ihm zurück."

 

Der Mythos zeigt noch Wirkung

„Das Genie eines Lenins bräuchten wir – und zwar mehrfach" oder „Unsere heutigen Kremlbewohner sind im Vergleich zu Lenin und Stalin Nullen", schreiben Ausstellungsbesucher in das Gästebuch. „Wir sind eine

neue Generation von Marxisten-Leninisten, wir sind dem Museum dankbar. Eure Bemühungen inspirieren uns dazu, das Vermächtnis von Iljitsch weiterzuführen", schreiben junge Kommunisten. Und weiter: „Wir sind heute vielleicht noch nicht viele, aber unsere Herzen glühen und der Verstand ist begierig, zu lernen!" Die Mythen leben also fort und ziehen die unterschiedlichsten Menschen an. Übrigens besuchte Lenin höchstpersönlich die Ausstellung im Historischen Museum und betrachtete seine Porträts. Er hatte keinen weiten Weg, denn er arbeitet auf dem Roten Platz – als Doppelgänger.

Die Ausstellung „Mythos über den geliebten Führer" ist noch bis 13. Januar 2015 im Staatlichen historischen Museum in Moskau am Ploschtschad Rewoluzii 2/3 zu sehen. Ein fremdsprachiger Audioguide ist erhältlich.

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