Wider dem Hass: Der Krim-Dichter Woloschin

Der Dichter Maximilian Woloschin auf der Krim. Foto: RIA Novosti

Der Dichter Maximilian Woloschin auf der Krim. Foto: RIA Novosti

In den schrecklichsten Jahren des Bürgerkriegs versteckte der Dichter Woloschin (1877-1932) bei sich zu Hause auf der Krim sowohl Bolschewiki als auch Weißgardisten. Er gilt als einer der wenigen Menschen, der Brücken zwischen den feindlichen Lagern baute und dem Hass widerstand.

Woloschin verstand sich als Pazifist. Bereits als junger Mann verweigerte er den Militärdienst. In einem persönlichen Schreiben an den damaligen Kriegsminister erklärte er, dass er einen Dienst in der Armee nicht mit seinen Überzeugungen vereinen könne. Seine pazifistische Gesinnung war nicht zuletzt verbunden mit seiner Hinwendung zur Anthroposophie. Er verkehrte viel in den verschiedensten quasireligiösen Kreisen und beteiligte sich in der Schweiz an der Errichtung eines anthroposophischen Kultbaus, eines Symbols der Völkerverständigung und Verbrüderung der Religionen.

Unmittelbar nach der Oktoberrevolution des Jahres 1917 zog Woloschin nach Koktebel, einem malerischen Städtchen auf der Krim, nicht weit entfernt von Feodossija. „Ich flüchte vor niemandem, ich habe nicht  vor zu emigrieren“, sagte er. „Ich werde mich keiner der kämpfenden Seiten anschließen, ich lebe nur durch Russland und in dem, was hier geschieht (…). Ich muss in Russland bleiben bis zu meinem Ende.“

Woloschins Haus in Koktebel entwickelte sich zu einer Art literarischer

Kolonie, einem Treffpunkt für Schriftsteller verschiedenster Anschauungen und politischer Couleurs: Andrej Belyj, Maxim Gorki, Alexej Tolstoi, Alexander Grin, Marina Zwetajewa, Ossip Mandelstam, Michail Bulgakow, Kornej Tschukowskij.

Woloschin war sehr kreativ und berühmt für ausgefallene Events. Das entsprach dem Zeitgeist und den damaligen Vorstellungen über Literatur. Ein Dichter hatte nicht einfach nur Gedichte zu schreiben, sondern musste auch eine brillante Persönlichkeit sein, die Legenden schafft.

„Das alles wirkte unseriös: Mal schrieb er Gedichte, dann zeichnete er oder dachte sich irgendwelche verrückten Dinge aus (…). Er war insgesamt ein Stück Kultur. Er verbreitete sie um sich herum“, beschrieb der Dichter Jewgenij Bunimowitsch seinen Freund.

Während des Bürgerkriegs in Russland von 1918 -1922 wurde die Krim abwechselnd von den Weißen und den Roten erobert. Woloschin empfing sie alle. Bei ihm fanden, wie er selbst schrieb, „ein roter Revolutionsführer wie auch ein weißer Offizier“ Unterschlupf. Der „rote Führer“ war der bekannte ungarische Kommunist Béla Kun, der auf der Krim wütete und Tausende Menschen erschoss. Béla Kun stellte Woloschin einen Schutzbrief aus. Einstweilen war dieser so vor der Regierung sicher.

Woloschins Haus in Koktebel. Foto: S. Prijmak / RIA-Novosti

„Das kulturelle Schaffen von Woloschin in Koktebel“, so der Dichter und Übersetzer von englischer Lyrik Grigori Kruschkow, „könnte als Eskapismus ausgelegt werden. Es ist aber kein Eskapismus. Er vertrat eine deutlich artikulierte Position als Bürger Russlands“. 1920 reiste Woloschin nach Moskau, trug dort Gedichte über den Terror vor und hielt den zutiefst visionären Vortrag „Gekreuzigtes Russland“. Er sprach Dinge aus, die die Menschen erst 70 Jahre später verstehen sollten. Er erklärte, welche Kräfte an die Macht gekommen waren, dabei hätte er sich auch zurückziehen und auf jede Art der Einmischung verzichten können. Er hätte verhaftet werden können, er machte sich aber trotzdem auf den Weg und erklärte allen, was geschah. „Aussprechen, was geschieht – das ist ein sehr machtvoller bürgerlicher Standpunkt“, so Kruschkow.

Auf einer seiner Datschen fand einmal ein illegaler Kongress der Bolschewiki statt. Die Spionageabwehr wurde auf diese Zusammenkunft aufmerksam, die Bolschewiki flohen in die Berge, einer von ihnen aber tauchte bei Woloschin auf und bat ihn um ein Versteck. Woloschin brachte ihn auf seinen Dachboden. Als die Spionageabwehr eine Hausdurchsuchung machen wollte, schenkte er den Offizieren Wein ein und erzählte ihnen Geschichten über Ritter im Mittelalter. Auf den Speicher ließ er sie nicht. Als sie weg waren, befreite er den Bolschewiken. Zum Abschied sagte er ihm: „Denk daran, wenn Ihr einmal an der Macht seid, werde ich Eure Feinde ebenfalls verstecken“.

Die Losung „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ lehnte er ab. Diesem Thema widmete er eines seiner Gedichte aus dem Jahr 1919: „Sie kommen, um Moskau zu befreien / dass Russland wieder einig werde, / Andere, mit entfesselter Gewalt / wollen eine neue Welt erschaffen (…) / Ich aber stehe einsam zwischen ihnen / Im Rauch der tosenden Flammen, / Und bete mit allen meinen Kräften / für diese und die anderen“.

Für eine solche Lyrik hatte die sowjetische Presse natürlich keinen Platz. Nach der Revolution wurde von Woloschin überhaupt nichts veröffentlicht. Er war zu wenig sowjetisch. Mit Stolz erklärte er, dass er Marx nicht gelesen habe und auch nicht lesen werde. Die einzige Rettung des zugrunde gehenden Russlands sah er in einer Vereinigung unter der Führung des Patriarchen Tichon.

Im Jahr 2000 wurde zum Gedenken an Woloschin in Koktebel ein Poesie-Festival ins Leben gerufen. Jedes Jahr reisen im Frühherbst zahlreiche Dichter aus verschiedenen Städten und Ländern der Welt dorthin – aus New York, Istanbul, Israel, aus Moskau, Sankt Petersburg, Kasan, Riga und Kiew. Vor dem Museum und Wohnhaus von Woloschin fließt dann edelster Cognac, eine Spezialität der Krim, es scheint die Sonne, Gedichte werden gelesen. Und ganz in der Nähe, auf der Uferpromenade, mit dem Rücken zum Meer, steht eine Bronzeskulptur des Dichters.

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