Der Pferdeflüsterer und der verzauberte Zar

Als Spross eines deutsch-baltischen Adelsgeschlechts wäre die Offizierslaufbahn für Peter Jakob Baron Clodt von Jürgensburg der logische Schritt gewesen. Doch seine Leidenschaft gehörte der Kunst und den Pferden. Seine detailgetreuen Nachbildungen von Rössern und Reitern gelten bis heute als einzigartig.

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Peter Clodt von Jürgensburg (1805-1867) hätte ein angesehener Offizier werden können, wäre da nicht seine Liebe zur Kunst gewesen. Der militärischen Tradition seiner deutsch-baltischen Adelsfamilie folgend, schlug er zunächst die Offizierslaufbahn ein. Auf der Militärakademie soll er seine Zeit am liebsten im Pferdestall verbracht haben. Er hatte immer einen Stift dabei und zeichnete die Pferde ab. Anschließend schnitzte er sie aus Holz.


Die Leidenschaft zum Beruf gemacht

Clodt leistet bis 1828 Dienst als Artillerieoffizier und widmete sich dann ganz der Kunst, in der damaligen Zeit eine ungewöhnliche Beschäftigung für einen Mann von Adel. Seine Leidenschaft blieben die Pferde. In seiner Sankt Petersburger Souterrainwohnung soll er hunderte Pferdefiguren gesammelt haben. Zeitgenossen berichteten, er habe selber kaum Platz gehabt. Die Figuren waren Inspirationsquelle für seine eigenen künstlerischen Werke von Pferden und Reitern. Ab 1838 unterrichtete Clodt als Professor an der Kunstakademie von Sankt Petersburg.

Der Baron schuf so detailgetreue Figuren, dass auch Zar Nikolaus I. auf ihn aufmerksam wurde. Ein Diener des Zaren soll ihm einst einen von Clodt gefertigten hölzernen Reiter überreicht haben. Das Gesicht des Reiters

 ähnelte dem des Zaren auf verblüffende Weise. Nikolaus I. soll begeistert gewesen sein und nach dem Namen des begnadeten Künstlers gefragt haben. Fortan protegierte der Zar Clodt von Jürgensburg. Er erteilte ihm den Auftrag eine Bronzestatue seiner Garde-Kavallerie zu schaffen. Diese Statue, die „Rossebändiger“, ist wohl die berühmteste Clodts. Sie wurde auf der Anitschkow-Brücke in Sankt Petersburg aufgestellt und beeindruckte auch den preußischen König, so dass Zar Nikolaus I. von Clodt einen Abguss anfertigen ließ, um dem preußischen Könighaus eigene „Rossebändiger“ zu schenken. Die Statue ist heute im Berliner Heinrich-von-Kleist-Park zu sehen.


Die Natur übertroffen

Die Pferde des Künstlers sind auch in Kiew, Moskau und sogar in Neapel zu sehen. Auf dem Gipfel des Kiewer Bolschoi-Theaters lenkt Apollo die Quadriga von Clodts geflügelten Pferden. Von den Mauern des Kremlpalastes stürmt der Heilige Georg auf die hinterlistige Schlange hinab. Unter ihm stolziert ein Pferd von Clodt.

Um seine Skulpturen ranken sich viele Geschichten. Zwischen den Beinen einer der vier Pferdefiguren auf der Anitschkow-Brücke soll ein menschliches Gesicht dargestellt sein. Ob das so ist, und wenn ja, um wessen Gesicht es sich dabei handelt, ist bis heute nicht geklärt. Manche behaupten, es sei Napoleon. Sie wollten sogar die Umrisse des berühmten napoleonischen Dreispitzes erkannt haben. Andere glauben dagegen, es handele sich um das Antlitz von Zar Nikolaus I.  Anderen Vermutungen

zufolge habe Clodt hier das Gesicht eines Liebhabers seiner Frau verewigt, um sich zu rächen. Allerdings ist gar nicht bekannt, ob Clodts Frau überhaupt jemals einen Liebhaber hatte oder wie dieser ausgesehen hat.

Eine Tatsache ist dagegen, dass Clodts naturgetreue Darstellung von Pferden unnachahmlich war. Zar Nikolaus I. soll gesagt haben, Clodt erschaffe „edlere Pferde als jeder preisgekrönte Hengst.“. Es ist noch nicht lange her, da wurde diese vermeintliche Echtheit Clodts Pferdestatuen auf der Anitschkow-Brücke zum Verhängnis. Unbekannte trennten einer von ihnen die Zügel ab und beschädigten das Geschirr. Es hatte fast den Anschein, als hätte das Tier befreit werden sollen. Clodts Pferde wirken so echt, dass man sie einfach loslaufen lassen möchte.

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