Der vergessene Krieg

Foto: Olessja Kurpjaewa / Rossijskaja Gaseta

Foto: Olessja Kurpjaewa / Rossijskaja Gaseta

In diesem Jahr jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. Das Allrussische Museum für dekorativ-angewandte Kunst in Moskau eröffnet aus diesem Anlass die Ausstellung „Zeugen des Ersten Weltkriegs“. Die ausgestellten Exponate stammen größtenteils aus Privatsammlungen.

Foto: Olessja Kurpjajewa/Rossijskaja Gaseta

Im Jahr 1914 erklärt Zar Nikolaus II. den Eintritt Russlands in den Ersten Weltkrieg. Vor dem Winterpalast in Sankt Petersburg drängt sich eine Menge von Menschen, die Gesichter wirken angespannt. Noch ist den Versammelten nicht bewusst, was sie in den nächsten Jahren erwartet. Zahlreiche Momente des Ersten Weltkriegs wurden in Fotografien festgehalten, die nun in einer Ausstellung im Allrussischen Museum für dekorativ-angewandte Kunst in Moskau gezeigt werden.

 

Denkmal für die unbekannten Helden

An den Wänden hängen Amateurfotos. Die meisten Abbildungen sind Porträts. Einige zeigen bekannte Gesichter, den Zaren, den Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch oder General Alexei Brussilow. Auf den meisten Fotos jedoch sind unbekannte Gesichter zu sehen, einfache Menschen aus dem Volk. Die Ausstellung zeigt hunderte Bilder aus dem Alltag dieses in Russland fast vergessenen Krieges – Soldaten, Offiziere und namenlos gebliebene Helden.

Im Gegensatz zu anderen Meilensteinen der russischen Geschichte, wie

Info:

In Sankt Petersburg wurden gerade die Dreharbeiten zum Film „Todesbataillon" abgeschlossen. Der Film handelt von Frauen, die als Freiwillige im Ersten Weltkrieg kämpften und entstand unter der Regie von Dmitri Meschijew, einem der besten russischen Regisseure der Gegenwart. Produzent ist Igor Ugolnikow, der auch den Film „Sturm auf Festung Brest" über den Überfall der Nazis auf die Sowjetunion produziert hat. Bei den Dreharbeiten zu diesem Film kam Ugolnikow die Idee zu einem Film über den Ersten Weltkrieg. Dieser Krieg werde zu Unrecht vergessen, findet der bekannte Produzent.

der Oktoberrevolution, dem Bürgerkrieg oder dem Zweiten Weltkrieg, ist der Erste Weltkrieg bisher nur wenig erforscht. Viele Details lassen sich nicht mehr rekonstruieren und geben viel Raum für die Entstehung von Mythen und Legenden. Die Fotografien sollen dabei helfen, die Wirklichkeit des Kriegsausbruches in die Gegenwart zu holen.

In der Ausstellung sind neben Fotos auch Postkarten, Plakate und Zeitschriften aus den Privatbeständen von Podstanizki, Snopkow, Tschapkina, Nagapetjanz und anderen Sammlern zu sehen. „In den Zeitschriften jener Zeit hatte man oft über die Korruption und die Kriegsgewinnler gespottet, ich dagegen lege großen Wert auf die Würdigung der einfachen Leute“, erklärt der Kurator des Museums Andrej Stroganow. Ihre Heldentaten lassen sich nicht deutlich genug hervorheben. „Ein Soldat ist als Freiwilliger in den Krieg gezogen, hat dort redlich gekämpft, ist zum Invaliden geworden, also ist er ein Held”, sagt er.

Diesen Helden möchte Stroganow ihre Persönlichkeit zurückgeben. „Ich konnte die Namen von etwa fünf Prozent aller abgebildeten Personen herausfinden“, erzählt der Kurator. „Aber den Übrigen können wir nun zumindest in die Augen sehen. Diesen vielen Menschen, die losgezogen sind, um zu sterben“, beschreibt er seine Motivation.

 

Staatsanleihen für die Front

Einige Exponate befassen sich mit der Finanzierung des Krieges. Auch hier würdigt Stroganow den besonderen Einsatz der russischen Bürger. „Kriege werden fast immer aus irgendwelchen merkantilen Interessen begonnen, das war immer so“, meint Stroganow. Doch der Beginn eines Krieges ist auch immer eine Zeit erstarkenden Nationalbewusstseins.

Die Menschen halfen den Soldaten an der Front wo sie nur konnten. In der Ausstellung werden viele Plakate aus der damaligen Zeit gezeigt, die zum Kauf von Staatsanleihen zur Finanzierung des Krieges auffordern. Die ersten Kriegsanleihen wurden 1915 ausgegeben. Man verkaufte die Staatsobligationen in der Regel zu einem Jahreszins von 5 Prozent. Belohnt werden sollte das Engagement der Menschen allerdings nicht. Im Jahr 1916 war das russische Finanzsystem so angeschlagen, dass Staatsobligationen massenhaft ausgegeben wurden. Eine Rückzahlung des Geldes stellte man den Käufern für die Zeit nach dem Krieg in Aussicht. Dazu kam es aber nie. Nach der Revolution im Jahr 1917 verweigerten die Bolschewiki eine Begleichung der Schulden aus der Zarenzeit.

„Das russische Kulturministerium plant eine Reihe weiterer historischer Ausstellungen über die heroischen Momente der russischen Geschichte“, weiß Andrej Stroganow. Bereits im Mai soll eine Ausstellung zum Großen Vaterländischen Krieg eröffnet werden. Dabei wird den Besuchern unter anderem echte Panzertechnik gezeigt.

 

Die Ausstellung „Zeugen des Ersten Weltkriegs“ ist noch bis zum 25. Mai in Moskau zu sehen. Ort der Ausstellung ist die Delegatskaja uliza 3.