Conchita Wurst: Viel Lärm um nichts?

Foto: Wladimir Astapkowitsch / RIA Novosti
Foto: Wladimir Astapkowitsch / RIA Novosti /
Der Sieg von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest 2014 löste vielfältige Reaktionen in der russischen Medienlandschaft aus. Während Vertreter traditioneller Werte die Österreicherin öffentlich verurteilen, nehmen russische Blogger Conchitas Sieg gelassen.

Einige russische Politiker äußerten sich negativ über den Sieg der bärtigen Österreicherin beim Eurovision Song Contest. In den Sendungen des russischen Staatsfernsehens riefen sie zum Schutz traditioneller Werte aus. So etwa die Teilnehmer einer Talkshow des Senders „Rossija-1“, die den Auftritt der bärtigen Frau verurteilten. Der Moderator Boris Kortschewnikow bezeichnete Conchitas Sieg als „eine Todeserklärung für Europa und die traditionellen Werte“. Europa sei total verrückt geworden, empörte er sich. Der russische Politiker und Populist Wladimir Schirinowski sagte gar: „Es war ein Fehler, dass wir Österreich von den Nazis befreit haben.“

 

Vollkommen normal

Dagegen reagierte das russische Netz erstaunlich gelassen auf den Sieg von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest 2014. „Ich sehe dabei nichts Anormales. Das ist doch nur eine Show. Ich mag die Siegerin; ihre

Stimme und das Lied sind toll!“, schreibt der User sen_semilia in einem Kommentar auf dem Blog „livejournal.com“. Diese Meinung teilen auch andere Leser. „Oh Gott, ist das etwa eine Neuigkeit: ein Mann im Kleid auf der Bühne? Wenn man sich die Reaktionen anschaut, scheint es fast so, als ob niemand so etwas schon mal gesehen hätte“, schrieb der User mona_cenia.

Was genau die russischen Traditionalisten verurteilen, bleibt unklar. Entweder es ist die unkonventionelle sexuelle Orientierung der Sängerin, die sie stören, oder einfach der Anblick einer Frau mit Bart. Bezüglich der sexuellen Orientierung sollten sie sich an das weltweit bekannte Pop-Duo „TATU“ erinnern, das bereits vor fünfzehn Jahren lesbische Motive für seine Auftritte nutzte. Was Frauen mit Bart angeht, so wurden diese bereits im 19. Jahrhundert im Zirkus gezeigt. In Portugal gibt es sogar eine katholische Heilige mit Bart. Auch auf der russischen Bühne sind Travestiekünstler, also Männer, die sich auf der Bühne als Frauen verkleiden oder umgekehrt, sehr gefragt.

Die in Russland berühmte Sängerin Werka Serdjutschka. Foto: ITAR-TASS
Die in Russland außerordentlich berühmte Sängerin Werka Serdjutschka ist eigentlich der als Frau verkleidete Sänger Andrej Danilko, der 2007 die Ukraine bei dem Eurovision Song Contest vertrat und den zweiten Platz belegte. Und vor zehn Jahren sang in der berühmten russischen Komödie „Tag der Wahlen“ der bärtige Frontmann der Band „Umaturman“ in ein Frauenkleid gehüllt das Lied „Maschka, du bist ein Transvestit“. Niemand reagierte darauf mit politischen Aufrufen.

 

The Show must go on

Die meisten russischen Blogger sahen in dem Auftritt der bärtigen Österreicherin ohnehin reine Show. „Das ist nur eine Show, und eine Show lebt von provokanten Bildern“, schrieb etwa die Russin Irina Kraschennikowa in ihrem Blog. „Alle waren immer von einer guten Show beeindruckt, aber jetzt verletzt das plötzlich irgendwelche Werte“, wunderte sich die Bloggerin.

Eine weitere Bloggerin, Natalia Kramuschtschenko, schrieb: „Ich wundere mich über Menschen, die hysterisch auf den Auftritt von Conchita Wurst reagieren und das mit der Sorge um die Psyche ihrer Kinder erklären. Diese Menschen sind entweder Heuchler oder sie merken das Offensichtliche nicht.“ Die Bloggerin wies darauf hin, dass es viele Alkoholiker im Land gebe, die ebenfalls die Psyche der Kinder verletzten. Über deren Benehmen beschwere sich allerdings niemand. Jedoch empörten sich alle über einen österreichischen Sänger, den in einem halben Jahr sowieso niemand mehr kenne.

Eine "Affenfrau" Julia Pastrana wurde

im XIX. Jahrhundert weltweit bekannt.

Foto: Wikimedia.org

Die Meinung von Kramuschtschenko teilen viele Blogger. Den04 beispielsweise schrieb: „Das Fernsehen zeigt jeden Tag Gewalt, Mord und Drogenpropaganda. Zudem spielen viele Kinder brutale Computerspiele. Warum sind die Eltern darüber nicht empört? Singt nun ein talentierter Sänger beim Eurovision Song Contest, beginnt gleich eine Hysterie.“ Der Blogger fügte hinzu: „Ich verstehe diese dumme Gesellschaft nicht. Viele Bodybuilderinnen haben auch Bärte und Schnauzbärte, aber wenn man ihnen sagen würde, sie seien anormal, würde man mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus aufwachen. Dort könnte man dann mit den Zimmernachbarn über ‚Moral‘ philosophieren.“

Ein richtiger Aufruhr war in den Blogs nicht zu verzeichnen. Viele Blogger schauen sich den Eurovision Song Contest gar nicht erst an, weil sie den Wettbewerb als zu unseriös empfinden. Für die meisten anderen war der Aufstand um die österreichische Frau mit Bart einfach zu belanglos. Natürlich gab es unter den Bloggern auch einige, die Conchitas Auftritt verurteilten und dabei bekannte Argumente zum Schutz traditioneller Werte aufgriffen. Hätte es jedoch keine lauten Ausrufe einiger Journalisten gegeben, die durch ihre Kommentare zum Eurovision Song Contest Berühmtheit erlangen wollten, hätte wohl kaum jemand den Haarwuchs auf dem Gesicht von Conchita Wurst wirklich bemerkt.

 

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