Filmfestival Cannes: Andrej Swjaginzew begeistert mit „Leviathan“

Andrej Swjaginzew. Foto: Reuters

Andrej Swjaginzew. Foto: Reuters

Bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes gewann der Film „Leviathan“ des russischen Regisseurs Andrej Swjaginzew in der Kategorie „bestes Drehbuch“. Swjaginzew zeichnet in seinem Film ein düsteres Bild von einer korrupten Gesellschaft.

Andrej Swjaginzews Film „Leviathan“ begeisterte das Publikum, die Jury und die internationale Presse in Cannes: „Ein neues Meisterwerk aus Russland“, titelte etwa der Londoner „Guardian“. „Bekommt Swjaginzew die Goldene Palme?“, fragte die Zeitschrift „Variety“. Swjaginzew, der als ehrgeiziger Schüler des sowjetischen Filmemachers Andrei Tarkowski gilt, hat einen großartigen, gewaltigen, überaus emotionalen und symbolisch verdichteten Film geschaffen.

„Leviathan“ spielt in einem russischen Dorf an der Barentssee. Der Plot könnte jedoch auch in jedem anderen Land angesiedelt sein, in denen die Interessen der Menschen und der Machthabenden auseinandergedriftet sind und wo von vornherein feststeht, wer den Zweikampf gewinnen wird. In dem Film hat es ein korrupter Bürgermeister auf das Haus abgesehen, das Nikolai mit Frau und Sohn bewohnt. Er möchte sich das Grundstück für einen lächerlich geringen Preis unter den Nagel reißen und verfolgt sein Ziel mit der Skrupellosigkeit eines Mafiabosses. Dabei hat der Bürgermeister alles unter seiner Kontrolle, von der Polizei bis zum Gericht, und versteht es, seine Gegner gefügig zu machen. Das Milieudrama mit komödienhaften Zügen gerät zu einer Tragödie, die den Zuschauer an einschlägige Zeitungsberichte erinnert. Die Handlung des Films wird zur Diagnose einer Gesellschaft und mehr noch – zu einer Prognose für die Zukunft.

Ein Film wie eine Diagnose

Das Publikum in Cannes war verblüfft. Niemand hatte von einem russischen Regisseur derart radikale Aussagen erwartet. Doch Swjaginzews Film beschreibt nachvollziehbar alle Krankheiten des heutigen Russlands: das unbezwingbare System der Korruption, die Ohnmacht der einfachen Bürger gegenüber der Bürokratie, die Vetternwirtschaft im öffentlichen Dienst und eine Kirche, die jeden, der dafür bezahlt, ihren Segen erteilt.

Die Einzelheiten wirken teilweise grotesk – etwa das ununterbrochene Besäufnis der Helden, das jeden normalen Menschen umhauen würde, ihnen allerdings nichts auszumachen scheint. Das Publikum lacht über den volltrunkenen Verkehrspolizisten am Steuer: „Kein Problem, ich bringe euch, ich gehöre schließlich zur Verkehrsstreife!“ Der Humor mildert den unausweichlichen Beigeschmack der Schwarzmalerei.

Der Film kommt ohne jegliche Kulisse aus: Alle Häuser, Kirchen und Schiffe sind Naturaufnahmen. Im Studio ist nur das Skelett des ans Ufer gespülten Wals entstanden – einer Metapher für Leben, das ohne genügend Sauerstoff irgendwann erlischt.

Am Tag nach der Premiere erschienen in allen Festivalzeitschriften begeisterte Rezensionen. „‚Leviathan‘ spielt mit hohem Einsatz, dieser Film ist ein echtes Meisterwerk“, schreibt „The Guardian“. Der Kritiker der Zeitschrift „Screen“ hebt die Bildkomposition des Films hervor: „Die Landschaften des russischen Nordens, in das kalte blaue Licht getaucht – man hat den Eindruck, als ob eingefrorene Seelen den Hintergrund der Handlung bilden. Die gewaltige Filmmusik von Philip Glass lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass uns etwas Ungewöhnliches auf der Leinwand erwartet. Und diese Erwartung wird nicht enttäuscht.“

Zu viel Kunst für den Kulturminister

Die Pressekonferenz mit den Autoren und Schauspielern des Films fand in einem vollen Saal statt. Das „Leviathan“-Team wurde mit großem Applaus empfangen. Vor allem interessierte sich das Publikum für eine Frage: Wird der Film auch in Russland gezeigt?

„‚Leviathan‘ wurde aus Mitteln des Ministeriums für Kultur und der Filmstiftung Russlands gefördert“, erklärt der Produzent Alexander Rodnjanski. Der russische Minister für Kultur soll zu Swjaginzew gesagt haben, dass der Film zwar künstlerisch gelungen sei, ihm aber dennoch nicht gefalle. Der Regisseur findet diese Aussage nicht überraschend: „Ich verstehe, warum das so ist. Ein Minister für Kultur soll die Welt besser machen, aber wir im Film bewegen uns ausschließlich im Bereich der Kunst. Es war nicht unsere Absicht, auf Konfrontationskurs mit der Regierung zu gehen“, so Swjaginzew weiter. Die Handlung des Films könne auch auf andere Länder übertragen werden: „Natürlich ist der Film bissig. Aber er handelt von menschlichen Schicksalen, die nicht nur für Russland typisch sind. Vielmehr stoßen die Menschen auf der ganzen Welt mit den mächtigen Strukturen des Staates zusammen“, erklärt Swjaginzew.

So macht sich der Regisseur auch keine Sorgen über die Finanzierung zukünftiger Filmprojekte: „Wir haben schon neue Pläne. Während eines Gesprächs mit dem Minister habe ich von diesen Projekten berichtet. Es geht um große und finanziell aufwendige Filme. Der Minister sagte, ich solle ihm die Skripte schicken.“ Unter großem Applaus des Publikums warb Swjaginzew um das Verständnis der Behörden: „Die Welt ist vielfältig, man muss sie von verschiedenen Seiten betrachten, auf ihr sollten alle Blumen wachsen können. Ich hoffe, dass unsere Behörden das verstehen. Ich bin fest entschlossen, auch weiterhin in meinem Land zu leben und Filme zu machen.“

Auch zu einem weiteren Kritikpunkt nimmt der Regisseur Stellung: „Einige Kritiker behaupten, die Sprache des Films sei zu vulgär. Aber Sie können mir glauben, dass jedes Wort wohl durchdacht und abgewogen ist. Ich denke nicht, dass wir die Sprache in dem Film missbrauchen. Diese Art der Sprache ist notwendig, um eine gewisse Atmosphäre zu schaffen. Man kann die lebendige Sprache nicht bändigen, Verbote haben hier überhaupt keinen Zweck.“ Er verweist daraufhin, dass es auf dem Filmplakat einen Vermerk: „Achtung, Vulgärsprache!“ gebe. „Wer diese Sprache nicht hören möchte, muss sich den Film nicht ansehen“, sagt Swjaginzew.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitung Rossijskaja Gaseta.

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